Osnabrück Der neue Schwarzwald-Tatort heute Abend: Die coole Tante Franz
Elfter Schwarzwald-Tatort mit Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner): Was taugt „Das geheime Leben unserer Kinder“ heute Abend?
Was für eine liebenswerte Kommissarin! Franziska Tobler (Eva Löbau) liest Zeitung. Die gedruckte. Macht es sich dabei so richtig gemütlich, versinkt hinter der Kaffeetasse auf dem Sofa, knabbert am Brötchen und liest. Als altgedienter Redakteur wünscht man solch einer Szene Unendlichkeit. Und verflucht die Drehbuchautorin und den Regisseur, die in diesem schönen Moment Toblers Handy klingeln lassen. Aber so sind sie nun mal beim Tatort. Immer, wenn’s den Kommissaren mal so richtig gut geht, lassen sie Menschen sterben und Handys klingeln. Eigentlich ein Scheißjob.
Christopher Gnabri ist tot. Ermordet. „Ein guter Junge,” sagt seine Mutter. „Hat mir mit allem geholfen, mir den Großteil seines Lehrlingsgehalts gegeben.” Was sie nicht weiß: Der gute Junge hat seine Ausbildung in einer Kfz-Werkstatt schon vor Monaten an den Nagel gehängt. Und das Geld, das er seiner Mutter für Kost und Logis gab, aus Drogendeals abgezweigt. Fiel ihm offenbar nicht schwer.
Benno (Aniol Kirberg) war Christophers bester Freund. Auch so ein guter Junge. Lebt in einer scheinbar perfekten Patchworkfamilie. Scheinbar. Seine Mutter ist auch nach sieben Jahren in einer neuen Beziehung noch immer mit dem Ex verheiratet, ihr Lebensgefährte geht regelmäßig fremd, die heile Welt stürzt in beängstigender Geschwindigkeit in sich zusammen.
Aber mit Zoé (Caroline Cousin), der Tochter von Mutters Lebensgefährten, versteht sich Benno bestens, gemeinsam mit ihr und Christopher hatte er eine große Reise geplant, die viel Geld kostet. Dass die Spekulationen mit einer Kryptowährung für die beiden nicht rund laufen und Benno auch noch eine Drogenlieferung vermasselt, bringt die Reise nicht näher. Und einen Dealer auf die Palme. In dieser Branche sollte man besser keine Schulden haben, wenn man abends sicher nach Hause kommen will.
Kommissarin Tobler und ihr Kollege Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) brauchen eine ganze Weile, um hinter die Fassaden dieser vermeintlich heilen Welten zu blicken. Zumal Tobler auch privat mit dem geheimen Leben eines groß gewordenen Kindes konfrontiert wird. Nachdem sie ihrer Nichte Unterschlupf gewährt hat, weil die mit ihren Eltern über Kreuz liegt, versucht sie, „die coole Tante Franz” zu geben. Um festzustellen, dass die Nichte Youtuberin werden will und deshalb extrem gefährliche Challenges postet, um im Internet auf sich aufmerksam zu machen.
Es ist ein typischer Freiburg-Tatort. Sehenswert, aber nicht unbedingt aus der Kategorie „darf man auf keinen Fall verpassen”. Die Qualität liegt in der weitgehenden Unaufgeregtheit, mit der Regisseur Kai Wessel das Drehbuch von Astrid Ströher umgesetzt hat und dabei eine Vorliebe für den Splitscreen, den geteilten Bildschirm, an den Tag legt. Kein Krimi nach dem klassischen Muster „Mord - Mörderjagd - Festnahme“. Vielmehr gerät der eigentliche Kriminalfall phasenweise ein wenig in den Hintergrund. Dafür ist das Finale umso dramatischer und packend inszeniert.
Tatort: Das geheime Leben unserer Kinder. Das Erste, Sonntag, 14. Mai, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen