Berlin  Alter Grand Prix oder ESC 2023? Schlager-Legende sagt, was besser war

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 13.05.2023 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
War der Grand Prix besser als der ESC 2023? Christian Bruhn, der Mann hinter den Melodien von Heidi, Captain Future und der Milka-Werbung. Foto: Daniel Mayer/Deutscher Musikautorinnenpreis
War der Grand Prix besser als der ESC 2023? Christian Bruhn, der Mann hinter den Melodien von Heidi, Captain Future und der Milka-Werbung. Foto: Daniel Mayer/Deutscher Musikautorinnenpreis
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Läuft beim ESC 2023 schlechtere Musik als zu Zeiten des Grand Prix? Wir haben Christian Bruhn gefragt, den Komponisten von „Marmor, Stein und Eisen bricht“.

Kaum einer kennt die deutsche Unterhaltungsmusik besser als Christian Bruhn – einige ihrer größten Hits hat er schließlich selbst komponiert. „Ein bisschen Spaß muss sein“ stammt ebenso von ihm wie das „Heidi“-Lied und die „Milka“-Werbemelodie. Auch beim Eurovision Song Contest zählt er zu den Veteranen. 1970 – als der Wettbewerb noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß – holte Katja Ebstein den dritten Platz mit „Wunder gibt es immer wieder“; komponiert hatte das Lied ihr späterer Ehemann: Christian Bruhn.

Wenn der 88-jährige Bruhn sich den ESC heute vom Sofa aus ansieht, dann gern mit einem berühmten Freund: „Beim ESC sitzen Ralph Siegel und ich gemeinsam vor dem Fernseher. Er tippt meistens richtig. Ich tippe nur auf Sänger, die wirklich singen können“, erzählt Bruhn im Gespräch mit unserer Redaktion. Dass Siegel als Komponist von Nicoles Siegerhit „Ein bißchen Frieden“ die erfolgreichere Grand-Prix-Geschichte hat, ist zwischen den Freunden kein Thema. „Natürlich nicht! Und er hat ja nicht nur gewonnen, sondern auch einen zweiten und dritten Platz gemacht und ist überhaupt viel erfolgreicher als ich“, sagt Bruhn. „Ich habe nur einen dritten und einen sechsten Platz geschafft. Aber damit kann ich leben. Mein Schwerpunkt ist die Musik, nicht der Erfolg.“

War der ESC musikalisch bedeutender, als er noch den Chanson im Namen trug? Qualitative Unterschiede nimmt der Profi tatsächlich wahr: „Einiges finde ich sehr gut, aber vieles ist vom Einfall her schwach – oft sind es Wiederholungen kleiner Phrasen. Es gibt keine langen Melodiebögen mehr“, sagt Bruhn. „Dadurch, dass am Computer sehr viel mehr Kollegen komponieren können, hat die Musik sich total verändert. Als ich Mitglied der GEMA wurde, hatte sie 20.000 Mitglieder, heute sind es an die 70.000. Das sind alles Komponisten, aber nicht alle sind kleine Beethovens.“

Positiv hebt Bruhn den Einfluss hervor, mit dem Stefan Raab den Wettbewerb aufmischte: „Raab ist ein genialer Musikproduzent. Das hat er mehrfach bewiesen“, findet Bruhn – auch wenn er selbst nicht bei jedem Song mitsingt. „Mit dem Siegerlied von Lena Meyer-Landrut konnte ich persönlich wenig anfangen. Aber wen interessiert das? Was ein Erfolg ist, ist ein Erfolg. Dagegen argumentiere ich nicht. Davor ziehe ich meinen Hut.“

Übertriebene Hochachtung vor dem einstigen Grand Prix Eurovision de la Chanson findet Christian Bruhn ohnehin unangemessen: „Chanson klingt im Deutschen gleich nach Marlene Dietrich. Der Grand Prix war auch in den 60ern ein Schlagerwettbewerb, bei dem populäre Musik lief – so wie immer noch beim ESC“, sagt er. „Es hat sich nicht viel geändert; bloß, dass heute alles viel bunter ist. Beim ESC fehlt nur noch der Elefant auf der Bühne.“

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