Hamburg  Von Olympia zu „logo!“: Die unglaubliche Karriere von Maral Bazargani

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 09.05.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Maral Bazargani noch als Leichtathletin bei den Deutschen Meisterschaften 2012, Olympia Qualifikation. Foto: Imago Images / Chai v.d. Laage
Maral Bazargani noch als Leichtathletin bei den Deutschen Meisterschaften 2012, Olympia Qualifikation. Foto: Imago Images / Chai v.d. Laage
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Maral Bazargani hat früher neunmal die Woche trainiert, ist als Leichtathletin für Deutschland bei Olympia gelaufen. Seit 2023 moderiert sie die ZDF-Kindernachrichten „logo!“. Sie erklärt, warum sie heute noch Angst hat, Fehler zu machen.

Maral Bazargani verstärkt künftig das Moderationsteam von „logo!“: die ZDF-Kindernachrichten sind im TV-Alltag vieler Kinder eine ähnlich feste Institution wie „Löwenzahn“ oder die „Sesamstraße“. Damit ist sie neben Linda Joe Fuhrich, Sherif Rizkallah und Tim Schreder die vierte Hauptmoderatorin der Sendung. Die 33-Jährige hat aber davor schon für „logo!“ gearbeitet: Seit 2017 als Redakteurin und seit 2018 als Reporterin.

Wer die in Teheran geborene Journalistin nicht aus dem Fernsehen kennt, kennt sie vielleicht wegen ihrer sportlichen Erfolge: Bazargani ist eine ehemalige 400-Meter-Läuferin und Olympia-Teilnehmerin. Gleich zwei Karrieren in jungen Jahren – das beeindruckt, aber was steckt alles dahinter? Wir haben den selbsternannten „Lockenkopf“ gefragt.

„logo! einfach erklärt“ mit Maral Bazargani:

Frage: Maral Bazargani, Ihr Lebenslauf schüchtert etwas ein: Sie haben 2012 an den Olympischen Spielen teilgenommen, in London studiert und für unzählige Formate moderiert. Was steckt alles dahinter – welche Sorgen, welcher Fleiß?

Antwort: Maral Bazargani: Wenn ich meinen Lebenslauf irgendwo hinschicken muss, denke ich oft: „Wow, das habe ich alles gemacht, das sieht auf Papier echt gut aus!“ Währenddessen habe ich das, meine Erfolge, aber gar nicht gemerkt. Zum Beispiel während meiner Sportzeit – da habe ich neunmal die Woche trainiert, das war richtig hart. Ich habe mich dabei auch mehrfach übergeben. Beim Training für den 400-Meter-Lauf war ich aber nicht die einzige, der das passiert ist. Hinzu kam die Sorge, zu scheitern – das ist im Leistungssport wahrscheinlich üblich. 2014 – das letzte Jahr, bevor ich aufgehört habe – war ich so verbissen! So sehr, dass ich einfach nur an die Leistung, die Zeit und meine Platzierungen gedacht habe. Ich war gar nicht mehr mit Spaß bei der Sache. Das war total belastend. Ich war vor Ehrgeiz zerfressen. In den Jahren davor hat das gut geklappt, da war ich glücklich. Aber dann habe ich mich gefragt: Ich trainiere neunmal die Woche – wofür eigentlich? Zweifel waren definitiv da. Deshalb habe ich entschieden, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Und ich bereue es keinen Tag, dass ich diesen Schritt gegangen bin. 

Frage: Hat es eine Rolle gespielt, dass Sie ein Kind Nicht-Deutscher-Eltern sind?

Antwort: Natürlich hatte ich immer Sorgen, als Kind Nicht-Deutscher-Eltern groß zu werden. Das sieht man vielleicht nicht in meinem Lebenslauf, aber ich hatte oft die Angst: Die Menschen denken bestimmt, dass ich vielleicht dies oder jenes nicht so gut kann, nur weil ich Ausländerkind bin. Deswegen darf und wollte ich mir keine Fehler erlauben. Selbst heute: Wenn ich mich in einer Mail aus Versehen vertippe, lese ich das hinterher und denke: Oh ne, jetzt denkt der Empfänger bestimmt, ich kann nicht so gut Deutsch, weil ich zudem einen ausländischen Namen habe. Weil ich alles richtig machen wollte, war ich vielleicht immer eine Überperformerin. 

Maral Bazargani und ihre Superheldin, ihre Mutter:

Frage: Jetzt sind sie Moderatorin für „logo!“. Es gibt sicher Menschen, die sagen: „logo!“, das sind doch nur Kindernachrichten. Was argumentieren Sie dagegen?

Antwort: Da muss ich erstmal Luft holen, weil das so eine Frechheit ist (lacht). Aber es stimmt, das hört man tatsächlich manchmal – wobei das der größte Quatsch ist. Es ist viel anspruchsvoller, ein Thema für ein Kind aufzubereiten, beziehungsweise ein schwieriges Thema einfach zu erklären. Von Grund auf, ohne Vorwissen. Bei dem Wort „Rentenanpassung“ beispielsweise muss ich bei Erwachsen eigentlich nichts weiter erklären. Kinder müssen aber zuerst einmal verstehen, was eine Rente ist. 

Frage: Sollte man Erwachsenen häufiger Sachen erklären als wären sie Kinder?

Antwort: Definitiv. Ich glaube, das wäre sehr sinnvoll. Dann würden sie merken, dass sie das ein oder andere doch nicht so gut verstanden haben.

Frage: Könnte der deutsche Journalismus etwas von „logo!“ lernen?

Antwort: Ich würde mal behaupten, dass die Erwachsenennachrichten ihre Erklär-Grafik-Videos von „logo!“ abgeschaut hat (lacht). Es fällt mir schwer, das jetzt pauschal zu sagen. Aber grundsätzlich kann man sich als Journalist immer überlegen: Für wen erkläre ich das und was weiß der eigentlich wirklich? Ich selbst erwische mich manchmal dabei, dass ich Nachrichten ansehen und merke: Irgendwie habe ich das jetzt nicht verstanden. Dann gucke ich nochmal bei „logo!“ nach, damit ich es besser verstehe – oder woanders, wo das Thema tiefergehend erklärt wird. Es muss Medien geben, die Dinge von Grund auf erklären. Genauso wie Medien, die Wissen voraussetzen.

Frage: Inwiefern haben sich die Themen von „logo!“ verändert? Verstehen Kinder heute schneller und besser als vor fünf Jahren?

Antwort: Ich bin jetzt in meinem sechsten Jahr bei „logo!“. In der Zeit hat sich an unserer Herangehensweise nichts verändert – Kinder verstehen nicht besser, schneller oder langsamer. Was wir aber merken: Die Themen wurden „schlimmer“. Der Ukraine-Krieg beschäftigt uns beispielsweise sehr. Vor fünf Jahren hatten wir keinen Krieg, der ständig in unseren Nachrichten aufgetaucht ist. Ansonsten zielt die Frage vermutlich darauf ab, dass Kinder heute anders Medien konsumieren. Wir versuchen deswegen Kinder und Jugendliche auch dort zu erreichen, wo sie sich aufhalten, zum Beispiel bei Tiktok und Instagram. Viele Schulklassen schauen auch gemeinsam „logo!“, zum Beispiel in der gemeinsamen Frühstückspause.

Hier sehen Sie Maral Bazargani am Gleis 9 3/4:

Frage: Als Harry-Potter-Fan entgeht mir natürlich auch nicht Ihr Instagram-Foto auf Gleis 9 ¾. Sie zitieren eine Stelle aus dem Buch: Am besten, man rennt, wenn man nervös ist. Warum?

Antwort: Es trifft auf mich nochmal viel genauer zu. Rennen waren mein ganzes Leben meine Art, Energie herauszulassen. Das konnte ich gut, da war ich zu 100 Prozent bei mir selbst. Wenn man nervös ist, sollte man genau das versuchen – bei sich zu bleiben und zur Ruhe zu kommen. In diese Harry-Potter-Welt passt das auch total, das ist jetzt aber sehr metaphorisch. Bei mir ist es aber wirklich so: Wenn ich überfordert oder glücklich bin, dann renne ich. Manchmal renne ich im Alltag wie ein Kind. Erst letztens bin ich von einer Freundin aus der Tür raus und zum Bäcker gerannt, weil ich so fröhlich war.

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