Streit in Wiesmoor Bürger befürchten Rodung und Torfabbau im Schutzgebiet
Teile des Landschaftsgebiets am Ottermeer in Wiesmoor sollen wiedervernässt werden. Bürger fürchten Natur-Zerstörung durch das Projekt und haben eine Petition gestartet.
Wiesmoor - Die geplante Wiedervernässung von Moorflächen in Teilen des Landschaftsschutzgebiets Ottermeer in Wiesmoor wird zum Streitfall. Insbesondere, weil sie von der Nachricht über die Pläne überrascht wurden und Fragen in der Umweltausschuss-Sitzung des Auricher Kreistags nur unzureichend beantwortet fanden, haben sich Anwohner nun zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, die den Erhalt des Landschaftsschutzgebiets in seiner jetzigen Form fordert.
Sie fühlen sich zur Eile gedrängt, weil das Thema auf der Tagesordnung des Verwaltungsausschusses (VA) des Wiesmoorer Stadtrats für die nächste Sitzung am Dienstag steht – und der eigentlich auch abschließend darüber abstimmen soll, ob die Stadt ihre im Gebiet liegenden Flächen im Projektgebiet, das insgesamt 100 Hektar Fläche umfassen soll, für die geplante Wiedervernässung zur Verfügung stellt, wenn ein Förderantrag für das Projekt erfolgt. Das Projekt geht vom Naturschutzbund (Nabu) aus, der über seinen Klimafonds solche und ähnliche Projekte finanziert. Angestoßen worden war dieses Projekt aber vom Geschäftsführer des Torfabbau-Unternehmens Aurich-Wiesmoor Torfvertriebs GmbH (AWT), Frank Tamminga. Etwa die Hälfte der Flächen ist in öffentlicher Hand, sprich der Stadt Wiesmoor, des Landkreises sowie der Kirchengemeinde in Wilhelmsfehn I. Die restlichen Flächen sind in Privatbesitz. In einem ersten Projektgebiet soll es um eine wiederzuvernässende Fläche von etwa 28 Hektar gehen.
„Noch wahnsinnig viele Fragen ungeklärt“
Heidi Lawatsch, Mit-Initiatorin der Bürgerinitiative (BI), sagt: „Es sind noch wahnsinnig viele Fragen ungeklärt, uns fehlen viele Informationen, und wir stören uns daran, dass die Entscheidung für dieses Projekt so kurzfristig jetzt im VA fallen soll, ohne Öffentlichkeit, statt in öffentlicher Sitzung im Rat, mit mehr Vorlauf.“ Die BI stellt auch infrage, ob die Bestandsanalyse im Schutzgebiet gründlich genug erfolgt ist. Auch befürchte man, dass durch den Eingriff ins Landschaftsschutzgebiet, die Vegetation in ihrer Artenvielfalt mit seltenem Seggenbewuchs und Hochstaudenflur, die sich in mehr als 30 Jahren seit der Stilllegung der Flächen entwickelt habe, durch den Eingriff mit schweren Maschinen für die Wiedervernässung zerstört wird. Vom beauftragten Projektbüro Hofer & Pautz (Aurich) hatte es geheißen, der Oberboden mit Bewuchs müsse für die Wiedervernässung „abgezogen“ werden. Die AWT habe das dafür nötige Gerät. Laut dem Nabu könnte der Ausstoß von jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen CO2 durch die Wiedervernässung verhindert werden.
Nun gibt es auch bewachsene Hochmoorsockel im Gebiet, die etwa zwei Meter Höhe erreichen. „Was passiert damit? Werden die komplett abgetorft und abgetragen? Wir fürchten, dass da Gewachsenes zerstört wird und wir statt eines grünen Idylls hier bald auf ganz viele Jahre eine braune Wüste mit rechteckigen Polderdämmen und großen Wasserflächen bekommen“, sagt Lawatsch und fügt an: „Wir sind überhaupt nicht gegen eine Wiedervernässung, aber es kann nicht angehen, dass ein intaktes Ökosystem in einem Landschaftsschutzgebiet zunächst zerstört und Torf weggenommen wird mit dem Argument des Klimaschutzes. Warum macht man das hier im Landschaftsschutzgebiet und nicht auf anderen abgetorften Flächen im Stadtgebiet, davon gibt es ja jenseits des Landschaftsschutzgebietes eine ganze Reihe?“ Sie verstehe die Eile nicht – und nicht, warum die abschließende Entscheidung nicht-öffentlich getroffen werden soll. „Das lässt einen schon spekulieren.“
Petition gegen das Projekt im Internet
Die BI – rund 25 Anwohner haben sich nach Angaben der Organisatoren bislang angeschlossen – hat auch eine Petition im Internet gestartet unter dem Titel „Stoppt die Zerstörung des Landschaftsschutzgebietes – Rodung und Torfabbau verhindern“. Bis zum Freitag um 19 Uhr hatten sich binnen der ersten neun Stunden 270 Menschen daran beteiligt und zustimmend unterschrieben.
Auf der Seite heißt es unter anderem: „Diese Zerstörung wird unter dem Deckmantel des Naturschutzes mit dem Titel ,Wiedervernässung‘ verkauft.“ Dass ein intaktes Landschaftsschutzgebiet dafür zerstört werde, „entbehrt jeder Logik“. Parallel hat die Bürgerinitiative auch den Ratsfraktionen kurzerhand Briefe geschrieben, in denen sie ihre Argumente noch einmal vorbringt – auch dass das Abschieben der Torfschicht sogar zusätzliches CO2 freisetze.
Bürgermeister will vermitteln
Die Verwaltung der Stadt Wiesmoor hatte in öffentlicher Sitzung betont, man habe hier die Chance, ohne eigene Kosten die eigenen Kompensationsflächen im Landschaftsschutzgebiet durch die Wiedervernässung noch aufwerten zu lassen. Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) will nun das Gespräch mit den Anwohnern suchen, gemeinsam mit dem Landkreis Aurich. „Ich merke, dass da auch viele falsche Informationen kursieren. Ein Torfabbau ist auf den Flächen nicht geplant, und es ist wichtig, dass wir hier sauber informieren“, sagt er auf Anfrage.
Die Mitglieder der BI stehen dafür nach eigenem Bekunden gern bereit. „Wir möchten das aber gern klären, bevor es einen endgültigen Beschluss gegeben hat“, sagt Heidi Lawatsch. Lübbers sagt hierzu: „Das Thema ist ja durchaus öffentlich im Klimaausschuss der Stadt beraten worden. Aber ich sehe hier keinen Zeitdruck, unter dem wir stehen. Die Einladung an die Mitglieder mit der Tagesordnung ist raus, ich kann nicht im Vorfeld sagen und entscheiden, dass das Thema nicht beraten wird, aber es ist durchaus denkbar, dass wir die Entscheidung dazu nochmal vertagen, um Zeit für Gespräche mit den Bürgern zu haben.“ Edgar Weiss (Freie Bürgerliste Wiesmoor), Mitglied des VA, sagt: „Wenn die Verwaltung nicht von sich aus vorschlägt, das Thema zu vertagen, werde ich es in der Sitzung beantragen.“
„Überrascht von der Vehemenz“
Jens Peter Grohn (SPD), Vorsitzender des Stadtrats und ebenfalls VA-Mitglied, sagt: „Ich bin überrascht von der Vehemenz, mit der Bürger sich nun gegen dieses Projekt wehren. Man spricht von Torfabbau, was faktisch falsch ist, es gibt sogar eine Resolution des Rates, dass wir keinen Torfabbau in Wiesmoor mehr wollen. Wir wollen das Landschaftsschutzgebiet möglichst ungestört lassen, aber die ausgasenden Resttorfflächen wiederzuvernässen, gerade auf den degradierten Flächen, und so den CO2-Ausstoß zu verringern, erscheint mir sinnvoll. Wir wollen das Moor erhalten, nicht zerstören. Ich hoffe, dass sich in der nächsten Woche vieles klären wird, was hier zum Teil auch an womöglich falsch Rübergekommenem im Umlauf ist.“