Teure Angelegenheit  50 Euro dafür, dass man einen Arzt-Termin sausen lässt?

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 05.05.2023 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Beratung beim Arzt. Foto: Pixabay
Eine Beratung beim Arzt. Foto: Pixabay
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Es scheint ein Trend zu sein: Mehrere Termine bei Fachärzten machen, damit man überhaupt einen bekommt. Wer nicht absagt, muss manchmal zahlen. Das Problem mit den Wartezeiten dürfte sich zuspitzen.

Ostfriesland - Es gibt einige Gründe, weshalb man es doch nicht zum Arzt schafft, auch wenn ein Termin ansteht. Das kann allerdings teuer werden, wenn man sich zuvor nicht meldet.

Was und warum

Darum geht es: Bei manchen Ärzten muss man zahlen, wenn man seinen Termin verstreichen lässt, ohne ihn abzusagen. Das Problem mit den langen Wartezeiten wird sich wohl noch verschlimmern.

Vor allem interessant für: diejenigen, die auf eine Behandlung angewiesen sind

Deshalb berichten wir: Wir haben von Erfahrungen mit Ausfallhonoraren gehört und wollten nachhaken.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Darf ein Arzt ein Ausfallhonorar erheben?

„Diese Frage lässt sich nicht pauschal mit ja oder nein beantworten“, sagt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Rechtlich seien diese Fälle nicht eindeutig geregelt. „Es gibt verschiedene Gerichtsurteile dazu, die allerdings nicht einheitlich sind und immer Einzelfallentscheidungen waren“, sagt er.

Die Gerichte hätten das in der Vergangenheit unterschiedlich beurteilt. Ob bei einem versäumten Termin ein Ausfallhonorar fällig sei, der Arzt oder die Ärztin also die Kosten, die entstanden sind, als Schadensersatz dem Patienten in Rechnung stellen darf, hänge von verschiedenen Faktoren ab, so Haffke. Dies sei immer dann der Fall, wenn der Arzt oder die Ärztin die Terminlücke nicht füllen und in dieser Zeit keine anderen Patienten behandeln könne. Diese „Blockade“ eines Termins und dass keine anderen Patienten „einspringen“ konnten, „müssen Ärzte in der Regel nachweisen können. Und hier wird es komplizierter, denn dieser Nachweis lässt sich manchmal nicht so leicht führen“, so Haffke.

Termine beim Facharzt könnten bald noch schwerer zu bekommen sein. Foto: Pixabay
Termine beim Facharzt könnten bald noch schwerer zu bekommen sein. Foto: Pixabay

Wie reagieren Ärzte und Ärztinnen?

„Mit den Terminausfällen gehen die Praxen unterschiedlich um“, sagt Haffke. Eine Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung aus dem vergangenen Jahr ergab: Fast alle Praxen vergeben frei gewordene Termine kurzfristig an andere Patienten (92 Prozent) oder ziehen Kranke im Wartezimmer vor (77 Prozent). Die große Mehrheit der Haus- und Fachärzte vermerkt in der Akte, dass der Patient den Termin nicht wahrgenommen hat (79 Prozent). Nur ein geringer Teil der Praxen plant von vornherein mit einer höheren Termindichte, um Patientenabsagen zu kompensieren (22 Prozent), oder unternimmt gar nichts (14 Prozent).

Wie wird die Höhe der Zahlungen bemessen – Gibt es dafür Regelungen?

Es gibt keine Regelungen. Die Höhe der Zahlungen legen die Praxen individuell fest. „Viele Haus- und Fachärzte verlieren aber die Honorarpauschalen bei nicht abgesagten Terminen, die je nach Fachrichtung zwischen zwölf und 60 Euro im Quartal liegen“, sagt Haffke.

Lassen viele ihre (Fach-)Arzttermine verstreichen?

Ja. „Mehr Patienten als noch vor ein paar Jahren sagen kurzfristig ihren Termin in der Arztpraxis ab oder erscheinen nicht, obwohl sie einen Termin vereinbart haben“, sagt Haffke. „Vor allem Fachärzte neh­men eine derartige Entwicklung in den vergangenen beiden Jahren wahr.“ Dadurch entstehe ein großes Problem in der Praxisorganisation. „Nach Befragungen durch die Kassenärztliche Bundesvereinigungen entstehen diese ‚No-Shows‘ bei 16 Prozent der Hausarztpraxen und bei 37 Prozent der Facharztpraxen in Deutschland.“

Eine Befragung unter den niedersächsischen Frauenärzten durch den Berufsverband habe ergeben, dass sogar knapp 20 Prozent aller vereinbarten Termine kurzfristig abgesagt oder gar nicht eingehalten würden. „Die sogenannten No-Shows sind besonders im Bereich des Terminvermittlungsservices der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen unter der Telefonnummer 116117 gravierend. Hier werden rund 20 Prozent der vermittelten Termine nicht wahrgenommen.“ Die KVN empfehle eher Terminerinnerungen, die aus dem Praxisverhaltungssystem generiert werden können und den Patienten per Mail oder SMS gesendet werden.

Wieso kommt denn keiner?

„Aktuell scheint es einen Trend zu geben, der mit Zahlen aber nicht belegbar ist: Patientinnen und Patienten vereinbaren Termine bei mehreren Ärztinnen und Ärzten derselben Fachrichtung und nehmen dann den frühesten Termin wahr, ohne die späteren Termine abzusagen“, sagt Haffke. Dies scheine eine Reaktion auf zunehmend lange Wartezeiten auf einen Arzttermin zu sein. „Die Wartezeiten auf einen Arzttermin werden sich voraussichtlich in diesem Jahr noch einmal verlängern. Grund dafür ist der Wegfall der sogenannte Neupatientenregelung, die Gesundheitsminister Lauterbach wieder gestrichen hat.“ Laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung bedeute die Gesetzesänderung eine Budgetkürzung von 400 Millionen Euro in der ambulanten Versorgung – rund 40 Millionen Euro für Niedersachsen. „Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt deshalb vor längeren Wartezeiten und möglichen Aufnahmestopps in diesem Jahr.“

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