Berlin Schlagerlegende Christian Bruhn: Tabus heute schlimmer als in den 60ern
Wissen Sie, wer die „Heidi“-Melodie komponiert hat? Und „Marmor, Stein und Eisen bricht“? Und die Milka-Werbung? Christian Bruhn. Im Interview verrät er, was er von Helene Fischer und Dieter Bohlen, dem ESC und dem Gendern hält.
Nicht jeder kennt den Namen von Christian Bruhn, aber alle können seine Musik mitsingen: Er hat die Soundtracks von „Heidi“ und „Captain Future“ komponiert, auch Evergreens wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ stammen von ihm. Und selbst die Milka-Werbung ist von ihm. Gerade wurde er beim Musikautor*innenpreis für sein Lebenswerk geehrt. Warum ihn der Gender-Stern dabei stört, erklärt er im Gespräch mit unserer Redaktion.
Frage: Herr Bruhn, die Interview-Vorbereitung war eine Zeitreise in meine 80er-Jahre-Kindheit. Wie kam es, dass Sie damals im Alleingang die Soundtracks aller ZDF-Kinderserien geschrieben haben?
Antwort: Erste Soundtracks hatte ich schon in den 60ern geschrieben, für Unterhaltungsfilme mit Rex Gildo; 1979 wurde für das ZDF dann der James-Krüss-Roman „Timm Thaler“ verfilmt. Mit Krüss war ich seit der Jugend befreundet. Er hat mich vorgeschlagen. Später hat dieselbe Produktionsfirma dann die ZDF-Weihnachtsserien gemacht; und nach dem Erfolg von „Timm Thaler“ war ich gebongt. Auch für die Anime-Serien im ZDF: „Sinbad“, „Heidi“, „Alice im Wunderland“ und „Captain Future“.
Frage: Die japanisch-deutschen Trickserien hatten auch Originalmelodien. Wieso brauchte „Heidi“ Ihren Sound? Der japanische war doch auch nicht schlecht.
Antwort: Na, wenn Sie meinen, dass der japanische Soundtrack so eingeschlagen hätte wie der deutsche, hätten wir natürlich auch den nehmen können. Die meisten Menschen meinen das nicht. Es gab damals sicher auch die Sorge, dass die japanische Melodie dem deutschen Publikum zu fremd wäre.
Frage: Sie waren in der Nazi-Zeit ein Kind. Kontaminiert das für Sie die Musik, mit der Sie aufgewachsen sind?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Die Begabung hatte ich vom lieben Gott und mit fünf Jahren habe ich Noten und Klavierspielen gelernt. In Kärnten habe ich die österreichischen Terzen aufgesogen – es gibt nichts Schöneres als diesen zweistimmigen Gesang. Ich leide sehr unter dem Dritten Reich, aber das hat mit meiner Musik gar nichts zu tun. Wir hatten jüdische Verwandte, die unter seltsamen Umständen überlebt haben. Ich hasse die Nazis und ihre Musik. Aber das ist in meinem Herzen verschlossen.
Frage: Kann man sich bei Musik für Kinder oder auch beim Schlager mehr trauen, vielleicht dicker auftragen oder deutlichere Effekte setzen, als in der ernsthaften Musik?
Antwort: Ich mache verständliche Musik, möglichst für 95 Prozent aller Menschen. Konzertwalzer, Chansons, Werbung und Kinderlieder – was immer ich schreibe, ist harmonisch und verständlich, nicht verzinkt, nicht verkopft. Die E-Musik hat sich verrannt. Wenn man Gesangspartien zu schwierig gestaltet, wenn das Orchester Cis spielt und der Sänger ein C singen soll – dann geht das schief. Ich habe es selbst erlebt: Die Musik zur Serie „Jack Holborn“ ist komplizierte Illustrationsmusik mit vielen Dissonanzen – und folgerichtig die am wenigsten erfolgreiche meiner Fernsehkompositionen.
Frage: Trifft der Publikumsgeschmack Ihren eigenen oder lieben Sie selbst eher die schwierigen Stücke?
Antwort: Am meisten habe ich den Publikumsgeschmack mit „Heidi“ getroffen und mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Meine eigenen Lieblingslieder aus den Fernsehserien sind das Freundschaftsthema aus „Silas“ und die melancholische Melodie aus „Jack Holborn“. Bei den Schlagern sind es „Er ist wieder da“, „Winter in Kanada“ und von Mireille Mathieu: „Meine Welt ist die Musik“.
Frage: Gibt es Melodien, für die Sie gelobt werden – obwohl Sie sie in Wahrheit gar nicht geschrieben haben?
Antwort: Ja, zwei: Ich kriege viel Zuspruch für die Musik zu „Biene Maja“, mit der ich nichts zu tun habe. Und immer wieder werde ich auch für Ralph Siegels „Theater“ gelobt.
Frage: Hätten Sie die beiden Songs denn gern geschrieben?
Antwort: Ach, Gott, ich hätte gern die Lieder von George Gershwin, Irving Berlin und Cole Porter geschrieben.
Frage: Sie haben viele Hits komponiert – und ein paar Superhits. „Ein bisschen Spaß muss sein“ zum Beispiel oder „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Kann man sich nach so einem Lied zur Ruhe setzen?
Antwort: Nein, kann man nicht. Zur Ruhe setzen kann man sich als Komponist überhaupt nur, wenn man einigermaßen sparsam lebt. Viele Kollegen waren wesentlich erfolgreicher als ich. Viele haben aber auch schlechter hausgehalten.
Frage: Stimmt es, dass der Bayerische Rundfunk „Marmor, Stein und Eisen bricht“ nicht gespielt hat – weil es „brechen“ heißen müsste?
Antwort: Womit der Bayerische Rundfunk natürlich falsch lag. „Marmor, Stein und Eisen bricht“ stammt ja gar nicht von mir, das war ein alter Album-Vers. So gehen die Redensarten nun mal: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Brot und Salz, Gott erhalt’s. Das ist einfach so in der deutschen Sprache. Wer sich darüber hinwegsetzt, ist verrückt. Genau wie beim Gendern.
Frage: Beim Gendern?
Antwort: Ich habe gerade den Musikautor*innenpreis bekommen. Der männliche Plural ist in dem Wort gestrichen. Da steht nur ein Autor und dann „innen“. Gibt’s den Preis nur in geschlossenen Räumen oder wie soll ich das verstehen? Ich begebe mich auf keinen Fall auf die rechte Seite der Politik – aber das Gendern ist totaler Quatsch. Mit dem „Bäcker“ ist der Beruf gemeint und nicht der Mann. Natürlich kann man „die Studierenden“ sagen. Aber bei den „Autor*innen“ fehlt mir der männliche Plural. Wir werden kastriert! (Christian Bruhn lacht.) Aber wir waren beim Bayerischen Rundfunk.
Frage: Der „Marmor, Stein und Eisen bricht“ also wirklich nicht im Radio gespielt hat?
Antwort: Na ja, am Anfang haben sie es nicht gespielt. Der Bayerische Rundfunk hat auch andere Sachen nicht gespielt: „Der Herrgott wird’s wissen, der Herrgott hat’s g’macht, wenn es Sünd‘ wär, das Küssen, hätt‘ er’s anders aus‘dacht.“ Der liebe Gott durfte nicht erwähnt werden. Sterben war beim BR auch verboten: „Am Tag, als Conny Kramer starb“ haben sie auch nicht gespielt.
Frage: Wenn Sie wählen müssten: Welche Tabus sind Ihnen lieber? Die der 70er oder die aktuellen?
Antwort: Das wird heute schlimmer. Damals waren das Einzelfälle, heute ist das eine Gefahr – diese politische Korrektheit, die aus den USA zu uns kommt. Warum soll ich mir keine Rastazöpfe flechten? Die Leute haben sich verrannt, genau wie beim Gendern. Gut, beim Rastazopf liegt es auch an mir; mit meinen Haaren geht das nicht mehr.
Frage: Kinder der 80er haben Ihre Musik nicht nur in Serien gehört, sondern auch im Werbeblock danach. Die Melodie zu Milkas „zartester Versuchung“ zum Beispiel. Wie vertont man eine Tafel Schokolade?
Antwort: Es geht immer um die Merkfähigkeit, zumal der Text hier nicht gerade eine wirksame Schlagerzeile ist: „die zar-te-ste Ver-suchung seit es Scho-ko-lade gibt“. Man muss das Beste daraus machen. Und das ist wohl auch gelungen. Werbung habe ich von 1970 bis 1985 gemacht. Dann wurde es mir zu dumm. Man präsentiert drei Ideen und die schlechteste wird ausgesucht, die am wenigsten Wagemutige. Ich habe mir früh angewöhnt, den besten Vorschlag am Ende vorzustellen. Der erste fällt meist durch.
Frage: Kriegen Sie auf Lebenszeit Schokolade geschickt?
Antwort: Im Gegenteil, wir streiten uns gerade um die Verlängerung der Rechte.
Frage: Von wem kann man am besten Ideen klauen? Von Klassikern wie Beethoven oder von lebenden Kollegen?
Antwort: Bei Beethoven ist es kein Klauen, sondern eine Bearbeitung. Klauen ist es nur, wenn man geschützte Melodien verwendet. Geärgert habe ich mich, als die Flippers „Liebeskummer lohnt sich nicht, my love“ gesungen haben.
Frage: Das haben die Flippers gesungen? Und das Original „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“ ist vermutlich von Ihnen?
Antwort: Genau. Die Flippers haben behauptet, das Original nicht zu kennen. Mein Lied ist bei der GEMA als „Liebeskummer lohnt sich nicht“ gemeldet. Wenn die Kapellen es spielen, schreiben sie aber immer nur „Liebeskummer“. So heißt der Flippers-Song. Damit war ich ein Drittel meiner Tantiemen los, weil die GEMA gesagt hat: Da wurde ja das andere Lied gespielt. Es hat auch mal jemand seinen Song „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“ genannt, genau wie den bekannten Evergreen. Da ist die GEMA wieder drauf reingefallen.
Frage: Sie haben Schlager auf die Interpreten hingeschrieben. Was unterscheidet ein Lied für Katja Ebstein von einem für Mireille Mathieu, was musste man bei Drafi Deutscher anders machen als bei Freddy Quinn?
Antwort: Ich habe das große Glück gehabt, nur für Sänger und Sängerinnen zu schreiben, die wirklich singen konnten. Mireille Mathieu singt immer ganz reine Töne. Da haben wir nur an ihrem Akzent gearbeitet. Auch Katja Ebstein hat eine riesige Stimme. Es war ganz einfach, die richtigen Lieder für sie zu schreiben. Drafi Deutscher genauso: hochmusikalisch. Freddy Quinn sowieso – und eine wunderbare Stimme!
Frage: Und die Unterschiede?
Antwort: Jeder Sänger hat einen bestimmten Tonumfang; in dem muss man bleiben. Und für den Textdichter war wichtig zu wissen, dass Mireille das Wort „Himmelszelt“ nicht singen kann, wegen des Z nach dem S. Zwei Zischlaute nacheinander hat Mireille Mathieu nicht bewältigt.
Frage: Ist Ihre Einfühlung in die Sängerinnen auch der Grund dafür, dass Sie so viele davon geheiratet haben?
Antwort: (Christian Bruhn lacht.) Vielleicht – die erste war Schauspielerin und dann kamen drei Sängerinnen. Das haben aber viele Komponisten so gemacht.
Frage: „Ein bisschen Spaß muss sein“ war beides, erst ein Stimmungslied, dann eine Werbe-Melodie für Tiramisu. Ist das einer von den Songs, die Sie womöglich selbst nicht mehr hören können?
Antwort: Ach, so oft läuft meine Musik im Radio ja gar nicht mehr. Manchmal suche ich bei Spotify sogar was, das ich lange nicht gehört habe. Und so ein Ohrwurm wie „Ein bisschen Spaß muss sein“ ist ja völlig harmlos, ohne jede Aggression. Das haben wir damals in einer halben Stunde geschrieben. Ich bin weder genervt noch übertrieben begeistert von meiner Arbeit. Stolz ist mir völlig fremd, aber ich freue mich, wenn ich noch Zuschriften kriege oder Leute mich bitten, eine ganz alte Musik noch mal zu digitalisieren. Ein paar Fans gibt’s noch, und nicht alle sind alt. Was komischerweise auch die ganz Jungen noch kennen: „Zwei kleine Italiener“ – dabei ist der Song 60 Jahre alt.
Frage: Der aktuell größte Erfolg ist Helene Fischer. Sie haben mal darüber geklagt, dass Sie für die noch kein Lied schreiben durften.
Antwort: Helene Fischer hat einen so engen Kreis um sich herum, dass man nicht an sie rankommt. Aber in Wahrheit habe ich es noch gar nicht versucht. Mein Problem ist, dass ich als Komponist eng mit festen Textdichtern zusammenarbeite – und meine sind alle tot.
Frage: Ist Dieter Bohlen ein guter Musikproduzent. Und wenn ja: Fällt es Ihnen leicht, das zuzugeben?
Antwort: Dieter Bohlens Erfolg ist unbestreitbar. Er hat natürlich auch gute Hilfskräfte gehabt; seinen genialen Tonmeister zum Beispiel. Und den sehr guten Sänger Thomas Anders. Glück hat er auch gehabt, aber: Der Erfolg spricht für Dieter Bohlen. Danach hat er natürlich noch eine zweite Karriere gemacht. Und zu der sage ich: DSDS geht mich nichts an. Ich bin aber überhaupt nicht neidisch und bewundere jeden Erfolg. Mit Ralph Siegel zum Beispiel bin ich wirklich eng befreundet, so verschieden wir auch sind.
Frage: Und wenn der ESC läuft, gucken Sie gemeinsam?
Antwort: Zum Beispiel.
Frage: Wirklich?
Antwort: Wirklich. Beim ESC sitzen Ralph Siegel und ich gemeinsam vor dem Fernseher. Er tippt meistens richtig. Ich tippe nur auf Sänger, die wirklich singen können. Beim letzten Mal ist einer davon Vierter geworden, der andere ist durchgefallen.
Frage: Lässt Ralph Siegel Sie spüren, dass er den Wettbewerb schon gewonnen hat und Sie nicht?
Antwort: Nein, natürlich nicht! Und er hat ja nicht nur gewonnen, sondern auch einen zweiten und dritten Platz gemacht und ist überhaupt viel erfolgreicher als ich. Ich habe nur einen dritten und einen sechsten Platz geschafft. Aber damit kann ich leben. Mein Schwerpunkt ist die Musik, nicht der Erfolg.
Frage: Die GEMA hat Ihnen soeben einen Preis für Ihr Lebenswerk verliehen – fühlen Sie sich mit Ihren gerade mal 88 Jahren da auf einmal alt?
Antwort: Altern hat Nachteile. Ich kann zum Beispiel nicht mehr auf die Zugspitze steigen. Ein Segen Gottes ist es, dass mein Gehör sich erhalten hat. Ich höre wie ein Luchs, weil ich anders als viele Kollegen nie zu laut Musik gehört habe. Meine Mischungen mache ich noch alle selbst. Geistig fühle ich mich gar nicht alt. Und körperlich höchstens wie 85.