„Da wird Panikmache betrieben“ Anti-Wolfs-Demo stößt auf Widerstand
Ostfriesland als wolfsfreie Zone ist das Thema einer Demo am 10. Juni in Aurich. Die Organisatoren haben 3000 Teilnehmer angemeldet. Nun formiert sich Widerstand.
Aurich - Die für den 10. Juni geplante Anti-Wolfs-Demo in Aurich ruft Kritiker auf den Plan. Roger Miller von der Antifaschistischen Aktion Ostrhauderfehn erwägt eine Gegenkundgebung. „Was die treiben, das geht mir alles total gegen den Strich“, sagt der 69-Jährige. „Da wird eine Panikmache betrieben, das ist unter aller Kanone.“ In Deutschland sei noch nie ein Mensch durch einen Wolf zu Schaden gekommen. Er habe Tierschutzorganisationen wie PETA und „Ostfriesen gegen Tierleid“ um Unterstützung gebeten.
Der Tierarzt Dr. Hansjörg Heeren vom Friesischen Verband für Naturschutz und ökologische Jagd organisiert die Anti-Wolfs-Demo mit der Vereinigung „Land schafft Verbindung“ (LSV). Sie wünschen sich Ostfriesland als wolfsfreie Zone. „Die Weidehaltung ist uns eine Herzensangelegenheit“, sagt Heeren. „Unsere Region ist eine Hochburg der Weidehaltung.“ Die Wallhecken beispielsweise zeugten von dieser jahrhundertealten Kultur. „Die Weidehalter wollen wir verteidigen.“ Familienbetriebe wollten ihre Tiere weiterhin auf die Weide lassen. Jeder wisse, dass Elektrozäune den Wolf nicht aufhielten.
Trecker-Sternfahrt nach Aurich geplant
Für Sonnabend, den 10. Juni, plant LSV eine Trecker-Sternfahrt. Nach Angaben von LSV-Vorstandsmitglied Fokko Schumann (Berumbur) werden sich am Nachmittag voraussichtlich rund 300 Traktoren aus Richtung Leer, Norden und Wittmund auf den Weg nach Aurich machen, wo für 19 Uhr eine Kundgebung vor der Sparkassen-Arena geplant ist. Einzelheiten müssten noch geklärt werden, sagt Schumann.
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„Die Überpopulation der Wölfe in Niedersachsen zeigt sich gerade in Ostfriesland sehr deutlich“, heißt es im Demo-Aufruf von LSV. „Unsere ländliche Geest und die weiten Marschen werden von Wölfen gut angenommen und bieten wenig Schutz für beheimatete Wildtiere.“ Weidetiere wie Rinder, Pferde und Schafe hätten dem Wolf nichts entgegenzusetzen. „Fast täglich berichten Tierhalter von Wolfsrissen oder Angriffen auf ihre Tiere“, schreibt LSV. „Der Wolf treibt sein Unwesen inzwischen sogar in Ställen.“ Er sei zudem aufgrund der Schafsrisse eine Gefahr für den Küstenschutz. Der Appell an die Demonstranten: „Wir müssen laut werden und ganz viele müssen ganz laut werden.“
„Man fühlt sich nicht mehr sicher“
Heeren hat bei der Stadt Aurich vorsorglich 3000 Teilnehmer angemeldet. An diesem Donnerstag hat er einen Termin mit dem Ordnungsamt und der Polizei. Ob es tatsächlich 3000 Demonstranten werden, kann Heeren nicht einschätzen. Für die Forderung nach einer wolfsfreien Zone bekomme er Unterstützung aus ganz Ostfriesland, sagt der Tierarzt aus Ochtelbur. Nicht nur Weidetierhalter seien besorgt. Es gebe viele Leute, „die sich abends nicht mehr nach draußen trauen“. Auch im Demo-Aufruf von LSV heißt es: „Man fährt mit einem mulmigen Gefühl abends mit dem Fahrrad durch seine Heimat, man fühlt sich nicht mehr sicher während des Waldspazierganges.“
Roger Miller hält diese Behauptungen für übertrieben. Der Antifaschist gibt den Tierhaltern eine Mitschuld an den Wolfsrissen: „Früher war der Schäfer Tag und Nacht bei seinen Schafen“, sagt Miller. „Heute will er nur noch Geld damit verdienen und lässt sie irgendwo hocken. Und wenn er dann einen Zaun aufstellen oder ein paar Hunde dorthin schicken soll, dann macht er′s nicht, weil ihm das zu teuer wird.“
„Ich schwimme gegen den Strom“
Was genau will Miller den Anti-Wolfs-Demonstranten entgegensetzen? Der 69-Jährige überlegt noch. Für eine Gegenkundgebung in Hör- und Sichtweite der Anti-Wolfs-Kundgebung sei auf dem Gelände der Arena kein Platz, fürchtet er. Und: „Ob das was bringt, wenn man da mit 200 Hanseln 1000 gegenübersteht“, sei fraglich. „Das wäre vielleicht sogar kontraproduktiv.“ Denkbar sei eher eine Kundgebung am Nachmittag auf dem Auricher Marktplatz. „Dann hätten wir einen Gegenpol gesetzt.“
Hat Miller keine Sorge, bei den Menschen mit Kundgebungen pro Wolf auf Ablehnung zu stoßen? Das verneint er. „Ich persönlich hab da überhaupt keine Berührungsängste. Ich schwimme schon mein ganzes Leben gegen den Strom.“ Miller, der aus der Pfalz stammt, lebt seit 2019 in Ostfriesland und ist seit seiner Jugend Antifaschist. Im vergangenen Jahr hatte er eine Kundgebung gegen die AfD geplant, die ihren Landesparteitag in Aurich abhalten wollte. Dazu war es jedoch nicht gekommen.
Miller macht sich Gedanken darüber, woher die Angst der Deutschen vor dem Wolf rührt. Hat sie mit Märchen der Brüder Grimm zu tun, mit Geschichten wie „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“? Miller glaubt das nicht. Nicht erst die Märchenerzähler hätten dem Wolf das Image des Bösen verpasst. „Das ist sehr viel älter.“ Anders als beispielsweise die Menschen in Afrika seien Europäer es nicht gewohnt, mit Wildtieren zu leben.