Zürich  Welche Hautfarbe hatte Kleopatra? Netflix-Doku entfacht Debatte über Historie und Identität

Thomas Ribi
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Von Thomas Ribi
| 03.05.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wie weiß oder schwarz war Kleopatra? Und wie soll sie dargestellt werden? Über die Hautfarbe der Kleopatra-Darstellerin im Netflix Doku-Drama „Queen Cleopatra“ wird hitzig diskutiert. Foto: dpa/Jörg Carstensen
Wie weiß oder schwarz war Kleopatra? Und wie soll sie dargestellt werden? Über die Hautfarbe der Kleopatra-Darstellerin im Netflix Doku-Drama „Queen Cleopatra“ wird hitzig diskutiert. Foto: dpa/Jörg Carstensen
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War Cleopatra schwarz oder weiß? Und spielt das eine Rolle? Anscheinend schon. Gegen das Netflix-Doku-Drama „Queen Cleopatra“ wird Stimmung gemacht, bevor es überhaupt zu sehen ist. Mit seltsamen Argumenten.

War Kleopatra weiß? Oder dunkelhäutig? Kann man das überhaupt wissen? Schließlich ist es schon eine Weile her, seit die ptolemäische Königin römischen Feldherren den Kopf verdrehte. Und spielt es eine Rolle, wie man sich die sprichwörtlich gewordene Femme fatale aus Alexandria vorstellen soll? Kurz gesagt: Nein, man weiß nicht, wie sie aussah. Zumindest nicht so genau. Aber ja, es scheint eine Rolle zu spielen. Eine große sogar. Das Netflix-Doku-Drama „Queen Cleopatra“, das ab Mitte Mai gestreamt werden kann, wird jedenfalls bereits im Voraus heftig kritisiert. Von verschiedenen Seiten.

Wie immer, wenn es um Hautfarbe geht, liegen die Nerven blank. Der offizielle Trailer zum Film, der vor einer Woche veröffentlicht wurde, löste in den Sozialen Netzwerken einen Sturm gehässiger Diskussionen aus. Die Kommentarspalte unter dem Youtube-Clip musste geschlossen werden. Aus Ägypten meldete sich kurz darauf Zawi Hawass, der ehemalige Antikenminister, zu Wort. Empört. Was da geboten werde, sei Geschichtsklitterung, sagte er einer ägyptischen Tageszeitung: „Alles gefälscht, ein kompletter Fake.“

Auch Hawass hat die aus vier Folgen bestehende Serie noch nicht gesehen. Aber was er im Vorspann mitbekommen hat, reichte ihm, um sich ein Urteil zu bilden: Die Rolle der Kleopatra wird von Adele James gespielt. Die junge britische Schauspielerin ist dunkelhäutig, sie stammt aus einer Familie mit schwarzen und weissen Vorfahren. Damit sei sie für Kleopatra eine Fehlbesetzung, sagt Hawass. Historisch unhaltbar. Denn Kleopatra sei eine Griechin gewesen. Aus dem Norden sogar, aus Makedonien. Also hellhäutig und nicht dunkel.

„Blackwashing“ lautet der Vorwurf, der im Raum steht. Wer nicht weiß, was das ist, hat eine der raffinierteren Wendungen in der Debatte über Rasse, ethnische Herkunft und Diskriminierung verpasst. Von «Blackwashing» wird in der politisch überhitzten Rassendebatte gesprochen, wenn Produzenten eine Rolle mit einer schwarzen Schauspielerin oder einem schwarzen Schauspieler besetzen, obwohl es von der Sache nicht begründet ist.

Als Feigenblatt gewissermaßen, das zeigen soll, wie inklusiv sie denken. „Positiver Rassismus“ nennen Race-Aktivisten das und meinen einen Rassismus, der sich nicht in negativen, sondern positiven Vorurteilen äußert. Einen Rassismus also, der gar keiner mehr ist und für die Betroffenen keine Nachteile hat. Aber als politisches Kampfinstrument unschlagbar ist. Weil er es erlaubt, jedes Verhalten als rassistisch zu brandmarken. Im Fall von Film- und Theaterrollen ist der Vorwurf besonders abwegig. Denn was heißt begründet? Soll Denzel Washington nicht Hamlet spielen, weil der historische Prinz von Dänemark nicht schwarz war? Eben.

Vollends absurd wird das Ganze, weil die gleichen Kreise, die „Blackwashing“ verurteilen, „Diversity“ fordern. Also eine ausgewogene Berücksichtigung verschiedener Hautfarben, Ethnien, Religionen und sexueller Orientierungen. Auch bei der Besetzung von Filmrollen. Die Academy of Motion Picture Arts hat das für verpflichtend erklärt. Ab 2024 müssen in Hauptrollen und wichtigen Nebenrollen auch homosexuelle, nichtchristliche und People-of-Colour-Charaktere vertreten sein. Sonst gibt’s keine Oscars.

Ist die schwarze Kleopatra also ein No-Go, weil historisch nicht korrekt? Oder ein Gebot modischer Diversity-Kriterien? Die Macherinnen des Films halten sich an das, was man über die historische Kleopatra weiß. Obwohl, die Besetzung der Hauptrolle ist Programm: „Queen Cleopatra“ ist Teil der Reihe „African Queens“, die historischen Herrscherinnen aus Afrika gewidmet ist. In der ersten Folge war es Njinga, die im 17. Jahrhundert über das heutige Angola herrschte. Und jetzt eben Kleopatra, die als machtbewusste Regentin dargestellt wird, die ihr Land gegen die Interessen des Römischen Reichs zu verteidigen versucht und dabei untergeht.

Produziert wird „African Queens“ von Jada Pinkett Smith, der Frau des Schauspielers Will Smith (ja, der mit der Ohrfeige). Sie will die Geschichte Afrikas neu erzählen. Oder besser: Die noch kaum erzählte Geschichte Afrikas einmal wirklich erzählen. Sie will zeigen, wie reich und vielfältig die Vergangenheit des Kontinents ist. Und den Frauen ein Denkmal setzen, die sie geprägt haben, auch wenn sie heute weitgehend vergessen sind.

Dass Kleopatra dunkelhäutig war, steht für die Regisseurin des Films, Tina Gharavi, fest. Historisch ließ sie sich durch die Cambridger Ägyptologin Sally-Ann Ashton beraten, die sich intensiv mit Fragen des kulturellen Austauschs zwischen Griechenland und Afrika in der Antike beschäftigt hat. Für sie ist der Befund klar: Adele James sehe der historischen Kleopatra ähnlicher als Elizabeth Taylor, die in Joseph L. Mankiewicz’ Monumentalfilm von 1963 die Kleopatra spielte.

Das ist wahrscheinlich richtig. Natürlich stammte Kleopatra VII. aus einer griechischen Familie. Sie war die letzte Königin aus der Dynastie der Ptolemäer, die ursprünglich aus Makedonien stammte und seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. über Ägypten und ein paar angrenzende Gebiete herrschte. Ihr Vater Ptolemaios XII. führte seinen Stammbaum auf die Offiziere zurück, die im Heer Alexanders des Großen gekämpft hatten. Aber das war lange her. Als Kleopatra im 1. Jahrhundert v. Chr. ins Rampenlicht der Weltgeschichte trat, waren die Ptolemäer seit gut drei Jahrhunderten in Alexandria ansässig, am westlichen Rand des Nildeltas.

Das hatte Spuren hinterlassen. Die Repräsentationsformen am ptolemäischen Hof waren durch und durch orientalisch geprägt. Als Kleopatra 51 v. Chr. den Thron bestieg, tat sie dies gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder, oder wohl eher Halbbruder, den sie nach ägyptischer Tradition auch heiraten musste. Aus griechischer Sicht war das ebenso ungewöhnlich wie die Tatsache, dass eine Frau an der Spitze eines Reiches stand.

Auch in ihrem persönlichen Habitus war die Königin mehr Afrikanerin als Griechin. Sie sprach fließend Griechisch, wie es in den gebildeten Schichten Alexandrias üblich war. Daneben aber soll sie sieben oder acht weitere Sprachen gesprochen haben, unter anderem Hebräisch, Arabisch, Syrisch und Äthiopisch. Auch Ägyptisch sprach sie. Und zwar als Erste in ihrer Familie. So halten es die antiken Biografen ausdrücklich fest. Das könnte darauf hindeuten, dass ihre Mutter, über die man aus den Quellen nichts erfährt, Ägypterin war.

Es spricht also einiges für eine „schwarze Kleopatra“. Und auch wenn keine Gewissheit besteht: Weiß im heutigen Sinn war sie nicht, die Königin, die in Eselsmilch badete und in Essig aufgelöste Perlen schlürfte. Im Lauf der Jahrhunderte hatten immer wieder Frauen aus lokalen Fürstengeschlechtern in die Familie der Ptolemäer eingeheiratet. Darunter auch dunkelhäutige, schwarze. Ein Problem war das weder für die alexandrinischen Könige noch für die afrikanischen Dynasten.

Für die griechischen und römischen Historiker auch nicht. Dass Kleopatras Hautfarbe nirgends erwähnt wird, ist kein Hinweis darauf, dass sie weiß war. Hautfarbe spielte in der Antike schlicht keine Rolle, Griechen und Römer verstanden sich selbst nicht als weiß. Dass Germanen, Mauretanier, Nubier oder Ägypter eine andere Hauptfarbe hatten, war nicht von Bedeutung. Deshalb gab es keinen Grund, es zu erwähnen. Auf die Idee, Menschen mit dunkler Hautfarbe könnten in irgendeiner Weise minderwertig sein, kam niemand. Das blieb späteren Zeiten vorbehalten.

Der Kulturkampf um „Queen Cleopatra“ ist reichlich bizarr. Um historische Tatsachen geht es kaum. Sondern um Befindlichkeiten und nationale Identität. Zawi Hawass, der immer für markige Worte gut ist und sich gern medienwirksam in Szene setzt, ärgert sich, Afrika werde stets mit „schwarz“ gleichgesetzt. Dabei seien die alten Ägypter hellhäutiger gewesen als die Araber, die das Land später erobert hätten. Unterstützung bekommt er von einem ägyptischen Anwalt, der Klage gegen Netflix eingereicht hat. Der Kleopatra-Film verletze die Mediengesetze, behauptet er, weil er „afrozentrisches Denken“ fördere und die ägyptische Identität leugne.

Schwarz darf sie also nicht sein, die Königin vom Nil. Weiß allerdings auch nicht. Als vor zwei Jahren bekannt wurde, dass die israelische Schauspielerin Gal Gadot in einer amerikanischen Monumentalproduktion Kleopatra spielen soll, sorgte das für Aufruhr. Die Besetzung sei ein Rückschritt, hieß es. Von „Whitewashing“ war die Rede. Eine Araberin oder Afrikanerin müsse die Rolle übernehmen. Der britische „Guardian“ kritisierte, Hollywood habe eine Chance verpasst. Netflix hat die Chance genutzt und steht nun am Pranger. Die Online-Petition „Cancel Netflix’s ‚Queen Cleopatra‘“ wurde schon mehr als siebentausendmal unterzeichnet.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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