Wiesbaden Sieg des SV Meppen: So kam es zum kuriosen Linienrichterwechsel in Wiesbaden
Ernst Middendorp hat schon einiges erlebt in seiner langen Karriere. Der kuriose Linienrichterwechsel beim 2:1-Sieg des SV Meppen in Wehen Wiesbaden war aber auch für den Trainer eine neue Situation. Wie es dazu kam und was Trainer und Spieler dazu sagten:
21. Minuten waren in der Brita-Arena absolviert, der SV Meppen lag zu diesem Zeitpunkt 0:1 beim Tabellenzweiten der 3. Fußball-Liga zurück, da gab es plötzlich eine ungewöhnliche Unterbrechung. Linienrichter Marius Schlüwe knickte beim Versuch einem Ball auszuweichen an der Seitenlinie um und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen.
Erst sah es so aus, als würde er noch einmal versuchen aufzustehen, dann aber setzte er sich wieder auf den Boden und hielt sich den Knöchel. Eine Sprunggelenksverletzung zwang ihn zur Aufgabe, von Sanitätern musste Schlüwe aus dem Stadion getragen werden.
„Das war schon eine irritierende Situation“, sagte Middendorp nach der Partie. Das Problem: In der 3. Liga gibt es keinen vierten Offiziellen, der wie in der 1. oder 2. Bundesliga in solch einer Situation einspringen kann. „Die Konsequenz aus dieser Situation muss sein, dass auch in der 3. Liga der vierte Offizielle eingeführt wird“, betonte Middendorp. Tatsächlich ist dies auch bereits in Planung - zur Saison 2023/24, das kündigte der DFB bereits im Januar an, soll dies umgesetzt werden.
Die Partie in Wiesbaden wurde erst einmal unterbrochen und mehrere Optionen geprüft. Ein FIFA-Schiedsrichter aus der Region wurde von Seiten des DFB angefragt. Darüber hinaus gab es eine Durchsage des Stadionsprechers mit der Bitte: Sollte sich ein Schiedsrichter mit gültiger Lizenz unter den 3926 Zuschauern befinden, möge der sich doch bitte melden.
Gleich mehrere Finger zeigten auf - doch das eher im Scherz. Eine Gruppe Kinder, die am Spielfeldrand auf der Osttribüne standen, witterten wohl ihre Chance, ganz nah ran ans Geschehen zu rücken. Etwa 20 von ihnen meldeten sich. Der Lizenzprüfung dürften sie nicht standgehalten hätten.
Anders Jannis Jäschke. Das Schiedsrichtertalent von der SG Nieder-Roden aus dem Landkreis Offenbach ist normalerweise in der Oberliga-Hessen sowie in der B-Junioren-Bundesliga im Einsatz. Vor drei Jahren überzeugte der damals 18-Jährige bereits mit seiner souveränen Spielleitung in der Verbandsliga.
Am Samstag meldete sich Jäschke kurz nach der Durchsage bei Schiedsrichter Felix Bickel und dessen verbliebenem Assistenten Timon Schulz. Auch der herbeigeeilte Schiedsrichterbeobachter Torsten Bauer (Seesbach) war an den Gesprächen beteiligt. Der ehemalige Regionalliga-Schiedsrichter wäre möglicherweise auch eine Option gewesen. Doch man entschied sich für Jäschke.
„Die Entscheidung hat der DFB getroffen, der ja für das Schiedsrichterwesen zuständig ist“, sagte SVWW-Sprecher Gudio Rodzinski auf Nachfrage. Jäschke hatte laut Rodzinski offenbar eine Karte aus dem Kontingent benutzt, dass Schiedsrichtern freien Eintritt in Stadien gewährt, um sich die Partie „von der Osttribüne aus“ anzusehen.
Insgesamt 30. Minuten dauerte die Unterbrechung. Jäschke musste schließlich erst eingekleidet, mit einer Fahne ausgestattet werden und sich mit seinen neuen Kollegen besprechen. Zudem gab es eine kurze Erwärmungsphase für Spieler und Schiedsrichterteam. Danach nahm Jäschke den Platz von Timon Schulz auf der Seite gegenüber der Haupttribüne und der Trainerbänke ein. Schulz rutschte nach dem Ausfall des 1. Linienrichters auf Schlüwes Position.
„So eine Situation habe ich so auch noch nicht erlebt“, sagte Meppens Kapitän David Blacha: „Das war etwas ganz Neues, dass der Linienrichter ausfällt, total kurios. Da kann man nur appellieren, dass man für eine Profiliga künftig den vierten Offiziellen einführt. Für den verletzten Schiedsrichter hoffe ich , dass es nicht allzu schlimm ist und wünsche ihm gute Besserung.“
Meppens Torschütze zum 2:1-Sieg, Willi Evseev meinte: „Für uns war die Situation schon merkwürdig. Man hatte noch nie so einen Fall und dachte eigentlich, da muss es doch einen vierten Offiziellen geben. Aber sein Ersatz hat auch einen guten Job gemacht und vielleicht hat die Unterbrechung uns auch ein bisschen in die Karten gespielt.“ Schließlich drehte Meppen nach dem Ausfall die Partie noch.
„Wir haben die Pause genutzt, um uns daran zu erinnern, was das Gegentor bedeutet und wie wir das korrigieren wollen. Diese Chance hat man sonst natürlich nicht. Kompliment an meine Mannschaft, wie sie darauf reagiert hat“, berichtete Middendorp über die Unterbrechung, der mit Blick auf Jäschke befand: „Er hat genauso gut agiert, wie der Linienrichter in den ersten 20. Minuten.“
Lob für Jäschke, der hoch konzentriert zu Werke ging und auch eine knappe Abseitsposition von Wiesbaden richtig erkannte, gab es auch von Marcos Alvaréz: „Es gab einen kurzer Moment der Ungewissheit. Aber dann war relativ schnell klar, dass es weitergehen wird. Großes Kompliment für den jungen Mann, der seine Sache sehr gut und unaufgeregt gemacht hat. Er hat, glaube ich, alles so gesehen, wie es war. Das muss man auch erstmal hinkriegen. Da geht man ins Stadion, freut sich auf einen schönen Nachmittag, will vielleicht ein Bierchen trinken und dann steht man da plötzlich und ist in seinem Job. Hut ab und großen Respekt an ihn.“