Wiesbaden Kurioser Ausfall, sensationeller Sieg – SV Meppen bezwingt Wiesbaden 2:1
Der SV Meppen hat ein weiteres wichtiges Lebenszeichen im Kampf gegen den Abstieg gesendet. Eine Woche nach dem Überraschungserfolg gegen Saarbrücken gelang dem Tabellenletzten ein sensationelles 2:1 beim Tabellenzweiten SV Wehen Wiesbaden. Kurios: Bei der Partie gab es nach der Verletzung des Linienrichters Marius Schlüwe eine lange Unterbrechung. Ein Ersatz wurde im Stadion per Lautsprecherdurchsage gesucht und gefunden. Ein Zuschauer sprang ein.
Zuvor hatte alles auf einen eher normalen Fußballnachmittag hingedeutet. Meppens Trainer Ernst Middendorp wechselte in der Startelf auf zwei Positionen im Vergleich zur Vorwoche, als die Emsländer einen 1:0-Überraschungssieg gegen Aufstiegskandidat Saarbrücken gelang.
Für den beim Heimerfolg am vergangenen Wochenende auffälligen Beyhan Ametov, der unter der Woche angeschlagen war, rückte David Blacha auf die Position hinter den beiden Spitzen Marek Janssen und Marvin Pourie. Der Kapitän fehlte zuletzt gelbgesperrt – ebenso wie Ole Käuper, der wieder für Wili Eseev in die Startelf rückte. Gemeinsam mit Markus Ballmert agierte er im Zentrum. Wie schon gegen Saarbrücken setzte Middendorp auch in Wiesbaden auf eine Dreier-/Fünferkette in der Abwehr.
In der 12. Minute wurde es erstmals brenzlig für den SVM, als Benedict Hollerbach auf der linken Seite beinahe alleine durchgestoßen wäre. Bruno Soares verhinderte den Angriff mit einer Grätsche. Für dieses taktische Foul sah er zu Recht die Gelbe Karte von Schiedsrichter Felix Bickel.
Wiesbaden erhöhte danach den Druck und nutzte seine erste gute Möglichkeit zum Führungstreffer. Eine Flanke von Sebastian Mrowca köpfte Ivan Prtaijn aus etwa drei Metern zum 1:0 ein. Völlig unbedrängt von Soares und Sascha Risch erzielte der Wiesbadener Stürmer in der 14. Minute ein 13. Saisontor. Im Meppener Zuschauerblock schwanden die Hoffnungen. Kurz vor der Partie hatten sie dort zwei Plakate aufgehängt, die sich an Meppens Geschäftsführer Ronald Maul richteten: „Konsequenzen jetzt – Ronny raus!“
Meppen tat sich nach dem Rückstand schwer gegen immer druckvoller Wiesbadener, deren Lauf eine Verletzungsunterbrechung der ungewöhnlichen Art unterbrach. Schiedsrichter-Assistent Marius Schlüwe knickte in der 22. Minute am Spielfeldrand um. Zuvor hatte Lukas Mazagg gegen Sascha Mockenhaupt einen Ball direkt vor den Füßen des Linienrichters ins Seitenaus geklärt. Schlüwe machte einen leichten Schritt zur Seite und knickte mit dem linken Sprunggelenk um.
Sofort eilten Sanitäter herbei. Erst sah es so aus, als könnte Schlüwe doch noch weitermachen, nach wenigen Minuten stand dann aber fest: Es ging nicht mehr. Die Sanitäter trugen ihn in die Kabine. Verdacht auf Bänderriss.
Es folgte eine längere Unterbrechung: Ein Linienrichter musste gefunden werden. Da es in der 3. Liga keinen vierten Offiziellen gibt, machte man sich eifrig auf die Suche nach Ersatz. Schiedsrichterbeobachter Torsten Bauer machte sich auf den Weg in Richtung Spielfeld. Der 48-Jährige aus Seesbach hatte in der zweigleisigen Regionalliga gepfiffen und dürfte eine Option gewesen sein.
Darüber hinaus machte der Stadionsprecher eine Durchsage und bat: Wenn ein Schiedsrichter mit gültiger Lizenz im Stadion sei, möge er sich bitte melden. Kurz darauf kam einer der 3926 Zuschauer, der zuvor auf der Osttribüne die Partie verfolgt hatte zum Spielfeldrand, und ging unter Applaus mit den Mannschaften sowie den Schiedsrichtern Felix Bickel und Timon Schulz in die Kabine. Jannis Jäschke, der Oberligaschiedsrichter aus Offenbach, bekam ein Trikot, Schuhe und eine Fahne als Arbeitsgerät.
Zeitgleich wurde offenbar die Option geprüft, einen Fifa-Schiedsrichter aus der Region Wiesbaden zu kontaktieren. Um wen es sich genau handelte, ist nicht bekannt. Bundesliga-Referee Tobias Welz soll es nicht gewesen sein. Nach Rücksprache mit dem Deutschen Fußball-Bund übernahm Jäschke den Job an der Seitenlinie.
Etwa eine halbe Stunde war die Partie unterbrochen, ehe sie um 14.52 Uhr wieder angepfiffen wurde. Zuvor hatten sich beide Mannschaften sowie das neu formierte Schiedsrichter-Team noch einmal kurz warmgelaufen.
Den Meppenern tat die Unterbrechung offenbar gut. Mit neuem Fokus und Schwung kehrten sie zurück aus der Kabine und sorgten mit einem sehenswerten Angriff für den nächsten Schockmoment in der Brita-Arena. Marek Janssen gab den Ball zu Blacha, dessen Hereingabe Pourie zum Ausgleich verwertete. Der Stürmer des SV Meppen traf den Ball dabei zwar nicht richtig, gerade so verlieh er ihm aber einen gewissen Drall, sodass er sich rechts oben an Wiesbadens Keeper Florian Stritzel vorbei ins Toreck senkte.
Danach stand Meppen defensiv kompakt und ließ kaum Chancen zu gegen den Tabellenzweiten, der unter der Woche sein Landespokalspiel beim Regionalligisten TSV Steinbach mit 1:2 verloren hatte. Einzig bei einem Schuss von Mrowca aus der Distanz wurde es noch einmal ein wenig gefährlich.
Die Gäste gewannen an Selbstvertrauen und hatten selbst bei zwei schönen Offensivaktionen die Möglichkeit zur Führung. Erst ging ein Seitfallzieher von Pourie nach schönem Zuspiel von Tobias Kraulich knapp über das Wiesbadener Tor. Danach setzte sich Risch im Mittelfeld gut durch. Die folgende Flanke von Käuper köpfte Max Dombrowka knapp vorbei.
In der 55. Minute erhöhten die Gastgeber dann wieder etwas den Druck. Einen strammen Freistoß von Johannes Wurtz faustete Matthis Harsmann wuchtig weg. In der 62. Minute köpfte Kraulich eine Wiesbadener Flanke ins Aus. Kurz darauf unterband ausgerechnet Jäschke, der Schiedsrichter aus Offenbach, der zu Beginn der Partie noch als Zuschauer auf der Tribüne gewesen war, einen Angriff der Wiesbadener ab. Abseits, sagte Jäschke zum Unmut einiger SVWW-Fans. Spätestens jetzt bestand an seiner Neutralität kein Zweifel mehr.
Bei einem weiteren Angriff der Wiesbadener kam Benedict Hollerbach nicht richtig an den Ball. Sein Heber misslang. Middendorp setzte danach alles auf die Karte „Offensive“ und brachte Marcos Alvarez für Ole Käuper. Der ehemalige Spieler des VfL Osnabrück hatte gegen Saarbrücken das Siegtor eingeleitet.
In der 76. Minute hätte die Kombination beinahe wieder geklappt. Alvarez schickte Pourie rechts im Strafraum, dessen Schuss allerdings links am Tor vorbeiging. Meppen blieb offensiv weiter mutig. In der 85. Spielminute waren dann zwei weitere Einwechselspieler an der Meppener Führung beteiligt: Morgan Faßbender brachte den Ball von der rechten Seite in die Mitte zu Willi Evseev, der aus etwa 15 Metern zum 2:1 abzog.
Meppen schockte damit gleich den zweiten Aufstiegskandidaten und zeigt, dass man sich im Kampf um den Klassenerhalt noch nicht aufgegeben hat. Durch den ersten Auswärtssieg seit 350 Tagen verließ die Mannschaft von Middendorp erstmals seit dem 26. Spieltag wieder den letzten Tabellenplatz. Mindestens für eine Nacht zieht Meppen am FSV Zwickau vorbei, der am Sonntag (13 Uhr) beim VfL Osnabrück antritt, und verkürzte den Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz auf fünf Punkte. Dort rangiert aktuell der Hallesche FC, der am Freitagabend 1:4 bei Waldhof Mannheim verloren hatte. #
Hinweis: Anfangs war vom Linienrichter Timon Schulz die Rede gewesen. Es handelt sich aber tatsächlich um Marius Schlüwe. Wir haben das korrigiert.