Protest in Aurich  Demo gegen Transporte – „Ihr habt den Tieren den Krieg erklärt“

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 29.04.2023 16:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Rund 200 Menschen demonstrierten am Sonnabend in der Auricher Innenstadt. Fotos: Luppen
Rund 200 Menschen demonstrierten am Sonnabend in der Auricher Innenstadt. Fotos: Luppen
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Rund 200 Menschen sind am Sonnabend in Aurich auf die Straße gegangen, um gegen Tiertransporte zu demonstrieren. Ihre Kritik richtet sich auch gegen Verbraucher.

Aurich - „Der grausame Weg in die Hölle“, „Blut an euren Händen“, „Ihr habt den Tieren den Krieg erklärt“: Mit teils martialischen Parolen haben am Sonnabend in Aurich rund 200 Menschen einen sofortigen Stopp von Tiertransporten gefordert. Mit Trommeln, Schildern, Bannern, Megafonen und Trillerpfeifen zogen die Demonstranten in Polizeibegleitung von der Sparkassen-Arena aus zu einer Kundgebung vor dem Rathaus und zurück. Dabei riefen sie ununterbrochen Sätze wie „Aurich aufgepasst: Schluss mit dem Morden in der Nachbarschaft“ oder „Tiertransporte stoppen, jetzt sofort!“ Die Bundesstraße wurde kurzzeitig jeweils in eine Richtung gesperrt.

Die Spitze des Demonstrationszugs bewegt sich in Richtung Georgswall.
Die Spitze des Demonstrationszugs bewegt sich in Richtung Georgswall.

Zu der Demo hatte die Vereinigung „Ostfriesen gegen Tierleid“ aufgerufen. Sie wurde von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ und vom Deutschen Tierschutzbund unterstützt. Aurich gilt als Drehscheibe für umstrittene Rindertransporte in Länder wie Marokko und Usbekistan. Außerhalb der EU-Grenzen erwarteten die Tiere Qualen, heißt es. Sie müssten hungern und dursten, würden misshandelt und vor der Schlachtung nicht betäubt.

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„Peiniger, Ausbeuter und Schlächter“

Die Kritik gilt zum einen dem Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST), der jährlich rund 7500 Rinder in Länder außerhalb der EU exportiert, zum anderen der Auricher Kreisverwaltung, die die Transporte genehmigt. Die Tierschützer wandten sich aber auch direkt an die Verbraucher: Wer Milchprodukte kaufe, trage zu unendlichem Tierleid bei, hieß es. Es bestehe ein direkter Zusammenhang mit den Transporten.

Organisator Manfred Hagemann wendet sich an die Menge.
Organisator Manfred Hagemann wendet sich an die Menge.

„Den Tieren ist es leider nicht gegeben zu protestieren“, sagte Manfred Hagemann aus Emden. Der pensionierte Biologielehrer hatte die Demo federführend organisiert. „Und sie können sich auch nicht gegen ihre Peiniger, Ausbeuter und Schlächter wenden.“ Vor dem Rathaus hielt Ina Müller-Arnke von „Vier Pfoten“ eine Rede. Die Tiere würden „in Länder verfrachtet, in denen Tierschutz keine Rolle spielt“. Außerhalb der EU gebe es keine Tierschutzkontrollen. Rinder erlitten unendliche Qualen. Ihnen würden bei lebendigem Leib die Augen ausgestochen und die Kehlen durchgeschnitten. „Wir sind geschockt über die Gleichgültigkeit, mit der diese Tierquälerei seit Jahrzehnten geduldet wird.“

„In die Ecke stellen und schämen“

Müller-Arnkes Kollegin Nadine Miesterek beklagte, das Problem werde von der Politik seit Jahrzehnten ignoriert. Niedersachsen fertige immer noch Transporte in Hochrisikoländer ab. Die Hoffnung, dass sich das ändert, ruhe nun auf der niedersächsischen Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne). Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) wurde aufgefordert, Transporte in Drittländer sofort zu verbieten.

Einige sind mit Tierkostümen bekleidet.
Einige sind mit Tierkostümen bekleidet.

Dieter Ruhnke vom Deutschen Tierschutzbund Niedersachsen fand drastische Worte: „Diese Tierhändler sind von Geldgier getrieben.“ Sie wollten den einheimischen „Tierüberschuss“ bestmöglich vermarkten und den deutschen Markt entlasten. Die Auricher Kreistagspolitiker schauten tatenlos zu. „Sie sollen sich in die Ecke stellen und schämen“, forderte Ruhnke unter dem Applaus und dem Gejohle der Menge. Auch Verbraucherschelte fehlte in seiner Rede nicht: Wer Milch und Milchprodukte kaufe, unterstütze dieses System.

Menschenkette beim VOST in Schirum

Am Nachmittag folgte Teil zwei der Demo: Vor dem Viehvermarktungszentrum des VOST an der Bundesstraße in Schirum bildeten die Demonstranten eine Menschenkette. In den dortigen Stallungen werden Rinder auf den Transport vorbereitet. Erneut wurden Transparente in die Höhe gehalten. Die Menschenkette erweckte bei den zahlreich vorbeifahrenden Autofahrern Aufmerksamkeit. Ein ums andere Mal ertönte eine Hupe – ob aufmunternd oder spottend, das sei dahingestellt.

Vor dem Gelände des VOST in Schirum bilden die Demonstranten eine Menschenkette.
Vor dem Gelände des VOST in Schirum bilden die Demonstranten eine Menschenkette.

Der VOST hält die Kritik der Tierschützer für ungerechtfertigt. Dr. Cord-Hinnerk Thies ist Geschäftsführer der Zucht- und Absatzgenossenschaft mit Sitz in Leer, der rund 1400 familiengeführte Betriebe angehören. Die Branche selbst habe sich hohe Standards für den Transport und dessen lückenlose Dokumentation auferlegt, betont Thies immer wieder. Sie habe ein eigenes Interesse daran, dass Tiere gesund und wohlbehalten am Ziel ankommen.

„Bis jeder Tiertransporter verschrottet ist“

Auch der Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos) hat wiederholt Kritik am Veterinäramt zurückgewiesen. Der Landkreis Aurich sei gesetzlich verpflichtet, Tiertransporte zu genehmigen, sofern alle tierschutzrechtlichen Voraussetzungen erfüllt seien. Er habe keinen Ermessensspielraum, so Meinen. Nur der Gesetzgeber könne entscheiden, „ob Tiertransporte stattfinden dürfen oder nicht“.

Unter den Demonstranten sind Männer und Frauen aller Altersgruppen.
Unter den Demonstranten sind Männer und Frauen aller Altersgruppen.
Einige haben handgemalte Plakate dabei.
Einige haben handgemalte Plakate dabei.

Im vergangenen Jahr hatten an der ersten Auflage der Demonstration rund 350 Menschen teilgenommen, deutlich mehr als diesmal. Organisator Hagemann war dennoch zufrieden. „Ihr seid super“, rief er den Demonstranten zu. Diedrich Kleen aus Wiesmoor, der die Demo im vergangenen Jahr mitorganisiert hatte, war diesmal als Teilnehmer dabei. „Ich finde die Resonanz sehr gut“, sagte der Ratsherr, der Mitglied der Tierschutzpartei ist. „Wir sind sehr laut.“ Die April-Demo in Aurich, die nach Angaben der Polizei erneut ruhig und friedlich verlaufen ist, soll zu einer festen Einrichtung werden. Der Plan der „Ostfriesen gegen Tierleid“ lautet: „Wir kämpfen so lange, bis jeder Tiertransporter verschrottet ist.“