Berlin Oscar-Regisseur Edward Berger kritisiert ARD und ZDF: „Riesenskandal“
Vier Oscars hat Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“ gewonnen. Im Interview erklärt der Regisseur, warum der Erfolg mit den Öffentlich-Rechtlichen nicht zu machen war. Das Gespräch wird zur Abrechnung mit der Filmkultur von ARD und ZDF.
Edward Bergers Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ ist der größte Erfolg des deutschen Kinos. Vier Oscars hat das Werk gewonnen, darunter den als bester internationaler Film. Nicht weniger als sieben der angesehenen British Academy Film Awards hat der Film auch eingesammelt.
Das alles sind nie dagewesene Rekorde – für die es keinen einzigen Cent aus deutschen Fördertöpfen brauchte. Dass Kulturstaatsministerin Claudia Roth sich trotzdem gerade bei diesem Anlass zur Oscar-Gala einladen ließ, sorgte in der Branche für Stirnrunzeln, zumal die Kosten des Tickets zunächst von Netflix getragen wurde. (Roth hat die Summe später erstattet.)
Auch die öffentlich-rechtlichen Sender haben die Chance verpasst, sich mit dem Ausnahmeerfolg zu schmücken. Realisiert wurde „Im Westen nicht Neues“ mit dem US-Streamingdienst Netflix. Und das, obwohl Edward Berger sein Projekt zunächst den heimischen Sendern ARD und ZDF angeboten hatte. Was muss sich ändern, damit diese Blamage sich beim nächsten Oscar-Kandidaten nicht wiederholt? Wir haben Edward Berger gefragt.
Frage: Herr Berger, für Deutschlands erfolgreichsten Film aller Zeiten brauchten Sie keinen Cent aus der deutschen Filmförderung. Warum haben Sie keine Gelder beantragt oder ARD und ZDF ins Boot geholt?
Antwort: Edward Berger: Es ist nicht so, dass ich nicht gewollt hätte. Wir haben mit beiden öffentlich-rechtlichen Sendern gesprochen. Es gab auch Angebote zur Finanzierung; aber am Ende war dieser Film nur auf die Weise zu realisieren, wie wir ihn gemacht haben.
Frage: Welche Bedenken hatten die Sender?
Antwort: Ich kann mich nicht genau erinnern, aber sicherlich war die Budgethöhe auch ein starkes Kriterium. „Im Westen nichts Neues“ ist bis heute Deutschlands größter Bestseller und extrem relevant. Eigentlich hätten wir diesen Film auch gerne mit der ARD oder dem ZDF gemacht. Aber Institutionen wie die Öffentlich-Rechtlichen sind auf dem internationalen Markt keine Alleinherrscher mehr. Sie haben starke Konkurrenten, die manchmal auch schneller, passionierter und unkomplizierter sind. Von Netflix kam sofort Unterstützung. Und Netflix hat bei uns inhaltlich viel weniger Einfluss genommen, als ARD und ZDF das jemals gemacht hätten. Natürlich fällt die Entscheidung da nicht schwer.
Frage: Auch die Filmförderung für „Im Westen nichts Neues“ kam nicht aus Deutschland, sondern aus Tschechien. Gibt es dort mehr Geld?
Antwort: Für Tschechien haben vor allem logistische Argumente gesprochen: Dort findet man die richtigen Motive; in Deutschland sind fast alle Gebäude saniert. In Prag gibt es gute Filmcrews, es gibt Äcker, die ich als Schlachtfeld komplett umgraben kann. Deutlich günstiger war Tschechien in unserer Kalkulation auch. Also haben wir dort – wie in Deutschland auch – einen „Tax Break“ beantragt: Ein gewisser Prozentsatz unserer Vorort-Ausgaben wird uns über die Steuer zurückerstattet. Das ist also die Förderung, die uns in Tschechien unterstützt hat.
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Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit der deutschen Filmförderung gemacht?
Antwort: In Deutschland arbeiten wir mit Geldern aus Ländertöpfen, die alle eigene Jurys haben. Das kostet viel Zeit und Energie. Ich glaube nicht, dass wir mit traditionellen Fördermitteln „Im Westen nichts Neues“ jemals produziert bekommen hätten. In der Regel sagen selten alle Länder zu, so dass ein Film häufig extrem unterbudgetiert hergestellt werden muss. Am Ende trifft es die Teams, die Gagen zurückstellen und mehr Überstunden machen. Und der Film wird auch selten besser.
Frage: Ist das eine Not, die erfinderisch macht?
Antwort: Manchmal hilft es wirklich. Einen meiner ersten Filme habe ich durch das Wegfallen einer Förderung komplett umstricken müssen, dadurch aber radikaler gemacht. Das geht aber wirklich nur in Ausnahmefällen bei ganz kleinen Filmen. Es bleibt ein Mythos, dass Geldmangel kreativ macht. Man muss einen Film anständig kalkulieren.
Im Video – mit diesem Karteikarten-Chaos hat Edward Berger Remarques Roman zum Drehbuch gemacht:
Frage: Claudia Roth war Gast der Oscar-Gala und das, wie man liest, auf Ihre Einladung hin. Wollten Sie der Kulturstaatsministerin vor Ort mitteilen: Dies hätte Ihr Erfolg sein können?
Antwort: Das muss ich ihr nicht sagen; das sagt Claudia Roth selbst: Es kann nicht sein, dass Deutschland 600 Millionen Euro in die Filmförderung steckt und dieser Film dann nicht bei uns gemacht werden kann. Und ich finde, sie hat auch recht. Die Filmförderung muss reformiert werden. Wir müssen eine Alternative finden zur Länderförderung, indem die Länder sich zusammenschließen. Wir produzieren viel zu viele Filme, wir sollten uns auf ein paar weniger konzentrieren. Oftmals fördern wir auch Themen, die sich bereits an der Kasse bewährt haben. Ich glaube hingegen, dass wir viel mehr auf Radikalität und Innovation setzen müssen. Was haben wir im Kino noch nicht gesehen? Was ist neu? Was überrascht? Was ist extrem persönlich? Nur durch Radikalität kommt man mit einem Film nach Cannes oder Venedig, was wiederum für Aufmerksamkeit sorgt. Häufig hat das dann auch finanzielle Auswirkungen – und die Filme werden besser.
Frage: Verdirbt unsere aktuelle Filmförderung den deutschen Film?
Antwort: Nein. Aber natürlich können wir alle immer besser werden. Fernsehsender und Filmförderung setzen mir persönlich zu sehr auf das Bewährte. Unbewusst beeinflusst das auch die Filmemacher. Wer drei mutige Filme nicht finanziert bekommt, der wird beim vierten automatisch gefälliger. Aber am stärksten drücken sich die öffentlich-rechtlichen Sender vor ihrer Verantwortung. Sie arbeiten mit öffentlichen Geldern, unterstützen aber keine Kinofilme mehr.
Frage: Was läuft falsch?
Antwort: Bei den Öffentlich-Rechtlichen besteht die Kinoförderung darin, Talente heranzuziehen, damit sie später für sie das Programm beliefern. Das ist das einzige Ziel. Es gibt kein Interesse daran, innovative und radikale Filme aus Deutschland in die Welt zu tragen, denn derartige Filme laufen nicht um 20.15 Uhr. Für mich persönlich ist das ein Riesenskandal. Sie können in Deutschland jeden renommierten Filmemacher fragen: Nur ganz wenige bekommen es derzeit hin, ihre Filme mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Das gilt für die größten Namen. Und am Ende laufen viele guten Leute den Sendern weg. Mittlerweile kenne ich einige Regisseur*innen, für die ein deutscher Sender die letzte Option ist.
Frage: Netflix hat Ihrem Film eine globale Sichtbarkeit gegeben und sicher auch viel Geld in die Oscar-Kampagne gesteckt. Hätte der Film als TV-Koproduktion überhaupt denselben Erfolg gehabt?
Antwort: Natürlich helfen Marketing und Sichtbarkeit. Aber der Film ist nicht als Netflix-Flaggschiff gestartet. Netflix hatte Filme von Regiestars wie Iñárritu und Noah Baumbach, die auf großen Festivals liefen. Beim Marketing standen wir allenfalls an dritter Stelle. Wir haben unseren Film in Toronto vorgestellt; und wenn dort Harry Styles über den roten Teppich läuft oder Steven Spielbergs „The Fabelsmans“ gespielt wird, ist die größte Aufmerksamkeit selbstverständlich nicht bei uns. Dass unser Film gut ist, musste sich herumsprechen. Das ist ein ganz altes Rezept, das auch funktioniert, selbst wenn man nicht bei Netflix läuft.
Frage: Hat die ARD vier Oscars verschenkt?
Antwort: Ich möchte kein Antagonist sein. Ganz im Gegenteil. Ich möchte vereinen. Das traditionelle Filmförderungssystem muss mitsamt allen nötigen Reformen weiterbestehen, sonst haben wir in Zukunft keine Chance. Allerdings sind für Filme wie dem unserigen Netflix oder andere Streamer eine wichtige und nötige Alternative. Warum kann es nicht beides geben, um uns Filmemachern mehr Möglichkeiten zu eröffnen? Am Ende profitiert doch nur der Filmstandort Deutschland und damit auch wir alle. Und deswegen ist es auch richtig, dass Claudia Roth bei den Oscars war. Sie ist die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien. Und ich finde schon, dass unser Film aus unserer Kultur heraus entstanden ist und auch etwas über sie aussagen möchte.
Der Trailer zu Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“:
Frage: Hat es Sie überrascht, dass es Kritik an ihrer Reise gab?
Antwort: Ich habe mich um die Einladung nicht gekümmert. Das Interesse ging wirklich von ihrem Sekretariat aus; auch wenn das teilweise anders geschrieben steht. Aber natürlich haben wir uns sehr über ihr Interesse gefreut, sie willkommen geheißen und ihr gern eine Karte besorgt. Aber für mich war das eine vollkommene Nullmeldung, die auch keine Konsequenzen hat. Claudia Roths Reise ist in sehr gutem Willen entstanden. Die Oscars sind wie eine Weltmeisterschaft. Wenn Deutschland im Finale steht, fliegt die Kanzlerin hin. Wen interessiert, wer das Ticket bezahlt? Natürlich: Um sich vor dümmlichen Artikeln zu schützen, sollten Politiker sich nicht einladen lassen. Ich unterstelle da aber schlicht europäische Naivität: Claudia Roths Sekretariat hat nicht gefragt, ob Netflix für das Ticket Geld bezahlt. Auch ich wusste nicht, dass die Karten für die Oscar-Gala etwas kosten. Die Karten zum Deutschen Filmpreis kosten ja auch nichts. Roths Anwesenheit war ein tolles Signal für das deutsche Kino. Ein Skandal aber war es nicht.
Frage: Deutsche gehen im Schnitt anderthalbmal pro Jahr ins Kino. Kann man da Impulse geben?
Antwort: Ja. Man kann Stimmen fördern, die wir so noch nicht gehört haben. Die Sender ermutigen ein Kino, das international hinterherhinkt. In den 70er und 80er Jahren war der deutsche Film unheimlich innovativ, eine Qualität, die wir verloren haben. Gemeinsam können wir das aber wieder schaffen. Wenn ein Film auf den großen Festivals gefeiert wird, schafft das Aufmerksamkeit. Und dann kommt auch das Publikum. In der Woche nach den Oscars ist „Im Westen nichts Neues“ in 225 Kinos gelaufen. Der Film eines Streamingdienstes war ein Leinwanderfolg.