Hamburg Die Toten vom Kiez: Mit dem „schönen Klaus“ stirbt wieder ein Stück St. Pauli
Auf dem Kiez waren sie Legenden, darüber hinaus eher berüchtigt als berühmt. Mit seinem Tod zählt Ex-Zuhälter Klaus Barkowsky alias „Der schöne Klaus“ nun zur Liste derer, denen das Leben im Rotlicht das große Geld versprach – und deren Leben früh und tragisch endete.
„Die Große Freiheit, die hat mich fix und fertig gemacht. Ich bin ein Wrack.“ Hans Albers sagt diese Worte im Film „Große Freiheit Nr.7“. Der wurde im Zweiten Weltkrieg gedreht, doch das Zitat behielt über die Jahrzehnte seine Gültigkeit.
Wer heute auf die Amüsiermeile rund um die Reeperbahn blickt, stellt fest: Der romantisch verklärte „alte Kiez“ voller harter Jungs und leichter Mädchen existiert nur noch in nostalgischen Erinnerungen oder in Filmen und TV-Serien wie zuletzt „Luden“ bei Amazon Prime. Und das Leben im Milieu forderte von vielen Tribut.
Für die Amazon-Serie stand vor allem einer Pate: Klaus Barkowsky, in Hamburg bekannt als der „schöne Klaus“. Am Dienstag endete Barkowskys Leben mit einem Sturz vom Balkon seiner Wohnung in Hamburg-Altona. Die Zeit, in der er als Chef-Zuhälter der sogenannten Nutella-Bande in Saus und Braus lebte, war da lange vorbei. Der schöne Klaus wurde 69 Jahre alt.
Ambitionen, sich nach der kriminellen Karriere als Künstler dauerhaft zu etablieren, scheiterten immer wieder an Alkohol-Abstürzen, Geldproblemen, Depressionen. Am Ende sah er in seinem Leben offenbar keinen Sinn mehr. Anderen, die dem Hamburger Rotlichtviertel besonders in den wilden 1970er und 80er-Jahren ihren Stempel aufdrückten, erging es ähnlich.
Zuletzt wurde im Herbst 2022 eine Kiezgröße beerdigt. Als Ende der 1970er-Jahre das Kokain in Hamburgs Unterwelt Einzug hielt, verdingte sich Ronald „Blacky“ Miehling noch als Zuhälter und Geldeintreiber. Zehn Jahre saß er wegen eines gemeinschaftlichen Überfalls auf einen Fleischgroßhändler, bei dem dieser zu Tode kam, im Knast, um anschließend zum größten Koks-Dealer Hamburgs aufzusteigen. Miehling war der „Schneekönig“, bis er nach Südamerika flüchtete und schließlich 1994 in Venezuela festgenommen wurde. Wieder wanderte Miehling ins Gefängnis, diesmal für zwölfeinhalb Jahre.
Anschließend vermarktete er seinen ebenso zweifelhaften wie sagenumwobenen Ruf in einem Buch („Schneekönig: Mein Leben als Drogenboss“). 2019 erschien die NDR-Doku „Der Schneekönig: Wie wurde Ronald Miehling zum Drogenboss in Hamburg?“. Da lebte er schon zurückgezogen in Bremen. Miehling starb am 1. November 2022 nach kurzer, schwerer Krankheit. Er wurde 72 Jahre alt. Mehr als 30 davon hatte er im Gefängnis verbracht.
Eine derartige Knast-Karriere hatte Heinrich Hübner nicht zu bieten, auch wenn sein Versuch, Anfang der 1980er-Jahre in Hamburg als Zuhälter das schnelle Geld zu machen, vorübergehend im Gefängnis endete. Trotzdem wurde „Inkasso Henry“, wie Hübner auf St. Pauli nur genannt wurde, zur Kiez-Kultfigur. Das lag daran, dass der Geldeintreiber und langjährige Koberer vom Oben-Ohne-Laden „Lido“, wo er die zahlungskräftige Kundschaft anlockte, gern im Rampenlicht stand, während sich die wahren Unterweltgrößen zurückhielten.
Seit 2008 machte „Inkasso Henry“ dank seines Hart-aber-herzlich-Images und seines unverwechselbaren „Hamburger Schnacks“ eine bescheidene Karriere als Touristenführer, für den sich auch das TV interessierte.
Nachdem Henry am 8. Mai 2017 tot in seiner Badewanne entdeckt worden war, wurde die Beerdigung auf dem Ohlsdorfer Friedhof auch darum zum Großereignis, bei dem der Pastor sagte: „Henry wusste, nicht jede Geschichte muss richtig sein, sie muss nur richtig gut sein.“ Heinrich Hübner wurde 64 Jahre alt.
Er war der Aufräumer, Mann fürs Grobe und Aufpasser in den Bordellen der Nutella-Gang. Mit Thomas Born, genannt „Karate-Tommy“, legte man sich auf St. Pauli besser nicht an. Wo der „schöne Klaus“ als Kopf der aus jungen Männern um die 20 bestehenden Zuhältertruppe für das „Poussieren“, also das Anwerben von Frauen zuständig war, griff der Kickboxer und Träger des Schwarzen Gürtels immer dann ein, wenn es Ärger gab.
Gegen Pistolenkugeln waren jedoch sogar die Fäuste von „Karate-Tommy“ machtlos. Als er und seine Handlanger Jürgen „Angie“ Becker und Klaus „SS-Klaus“ Breitenreicher im Oktober 1982 zu Hilfe gerufen wurden, nachdem zwei Mitglieder einer rivalisierenden Gruppe in einer Steige eine Prostituierte angegriffen hatten, eröffneten diese unvermittelt das Feuer auf die unbewaffneten „Nutellas“.
Becker und Breitenreicher starben im Kugelhagel, Born überlebte schwer verletzt. Das brachte ihm im Milieu Heldenstatus ein, darüber hinaus erlangte er aber nur wenig Ansehen durch vereinzelte Auftritte in Dokus und TV-Serien. Thomas „Karate-Tommy“ Born erlag am 1. Mai 2015 im Hamburger UKE mit 63 Jahren den Folgen eines Herzinfarkts.
Auch eine wahre Rotlicht-Ikone wurde nur 63 Jahre alt. Als Domenica Niehoff am 12. Februar 2009 an den Folgen einer schweren Bronchitis starb, war sie seit vielen Jahren schwer lungen- und zuckerkrank. Auch wenn sie dem Milieu bereits 1990 den Rücken gekehrt und als Streetworkerin quasi die Seiten gewechselt hatte: Das Leben zwischen Sexarbeit und Alkoholexzessen („Ich soff mich jeden Tag ins Koma“) auf St. Pauli hatte Deutschlands bekanntester Hure nachhaltig zugesetzt.
Domenica, die, anders, als es ihr Name fälschlicherweise vermuten ließ, nie eine Domina war, hatte sich 1980 getraut, was sich die wenigsten Prostituierten trauten und bis heute trauen: Sie hatte sich, nachdem sie ihren Lohn bis dahin in der Kiez-Kneipe „Ritze“ bei ihrem Ehemann, Wirt und Zuhälter abliefern musste, getrennt und in der berüchtigten Herbertstraße selbstständig gemacht. Durch die Fotos von Kiez-Chronist Günter Zint wurde Domenica zur Marke, durch ihr späteres Engagement zur „Hure der Nation“.
Doch ihr allzu großes Herz wurde ihr zum Verhängnis. Sie ließ sich ausnutzen, verlor ihr Erspartes, ging mit einer Hafenkneipe pleite, zog vorübergehend zurück in die Eifel und kehrte 2008 doch nach St. Pauli zurück. Ihre Beerdigung organisierten und bezahlten verbliebene Weggefährten, die Stadt Hamburg benannte 2016 eine Straße nach Domenica Niehoff.
Zurück auf die von Hans Albers zitierte „Große Freiheit“. Dort kam es um die Jahrtausendwende zu einer Szene, die exemplarisch für das einerseits abstoßende, andererseits faszinierende Gebaren auf dem harten Pflaster St. Pauli steht.
Im Mittelpunkt: Stefan Hentschel. Dessen fragwürdiger Ruhm bestand bis dahin vor allem darin, als Zuhälter auf dem Kiez in den blutigen 80er-Jahren mehrere Mordanschläge überstanden und bei einem Angriff mit einem Bierglas ein Auge eingebüßt zu haben.
Auch an diesem Abend sollte Hentschel eigentlich nur eine Nebenrolle spielen. Bei Dreharbeiten zu einem Film über den „Boxprinz“ Norbert Grupe kam der ehemalige Boxer, der seine Karriere nach einem K.o. im ersten Profi-Kampf wieder aufgegeben hatte, zu Wort. Während er über die Große Freiheit flanierte und mit den „vier Frauen in der Tagesschicht“ prahlte, trat unvermittelt ein schmächtiger Mann ins Bild und sprach das Filmteam an. Auf Hentschels Warnung „Hast du ein Problem? Geh weiter“, folgte im nächsten Moment eine Ohrfeige, die den Störer quasi aus dem Bild katapultierte.
Während das Video im Internet zum Hit wurde, ging es mit Stefan Hentschel nur noch bergab. Verschuldet und schwer depressiv erhängte sich der 58-Jährige am 18. Dezember 2006 im Boxkeller der legendären „Ritze“ an der Reeperbahn. Das Lokal mit dem von gespreizten Frauenbeinen flankierten Eingang hat bis heute alle Rotlicht-Kriege und Krisen überdauert. Und viele seiner Gäste.