Studienergebnis Ist das Handwerk nicht digital genug?
Eine Studie hat ergeben, dass Handwerksbetriebe wegen fehlender Digitalisierung weniger effizient arbeiten. Das sagen ostfriesische Handwerker, die Handwerkskammer und ein Softwareunternehmen dazu.
Ostfriesland - Verschlafen Handwerker die Digitalisierung und lassen sich dadurch Aufträge durch die Lappen gehen? Eine Studie des E-Commerce-Centers (ECC) in Zusammenarbeit mit der Digitalagentur Dot-Source zeigt zumindest: Digitalisierung spielt im Handwerk aktuell noch eine untergeordnete Rolle.
Das Forscherteam hatte rund 350 Handwerkerinnen und Handwerker zu ihren Betrieben befragt. Demnach erfolgten viele Prozessschritte im Arbeitsalltag häufig noch analog – vor allem im Bereich Werkzeug- und Geräteverwaltung bestehe großes Digitalisierungspotenzial. Ist das in Ostfriesland auch so?
Was und warum
Darum geht es: Handwerkskammer, Handwerker und Softwareunternehmen in Ostfriesland sehen die Digitalisierung in der Branche positiv.
Vor allem interessant für: Handwerker und deren Kunden
Deshalb berichten wir: Eine Studie ergab, dass das Handwerk noch nicht ausreichend digitalisiert ist. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Die Studie
Knapp die Hälfte (49 Prozent) der befragten Handwerker gibt an, dass die Digitalisierung des eigenen Betriebs zwar angestoßen wurde, viele Prozesse aber noch analog erfolgen. Lediglich bei neun Prozent ist die Digitalisierung des eigenen Betriebs größtenteils vollzogen. Je größer der Betrieb, desto weiter ist laut Studie die Digitalisierung. Dass das Digitalisierungsvorhaben aktuell oftmals in den Hintergrund rückt, liegt für 57 Prozent der Handwerker im hohen Arbeitspensum begründet. Andere Argumente sind hohe Kosten und ein geringer Nutzen aus Sicht der Unternehmer. Immerhin: Smartphone und PC werden regelmäßig benutzt.
Das sagt die Handwerkskammer
Keno Kruse ist Digitalisierungsbeauftragter bei der Handwerkskammer für Ostfriesland. Zu ihm kommen Unternehmer mit Fragen zur Digitalisierung. Außerdem bietet er Hilfe und Infoveranstaltungen zum Thema an. So schwarz, wie die Studie den Digitalisierungsstand der Handwerker darstellt, sieht Kruse die Lage in Ostfriesland nicht. Aber er räumt ein: „Das Handwerk hat so viele Herausforderungen in den vergangenen Jahren meistern müssen und muss es noch, da stand die Digitalisierung nicht an erster Stelle.“ So hätten die Unternehmen – neben dem Bauboom – mit dem Fachkräftemangel oder den Materialkostensteigerungen viel zu tun gehabt. Komplette Verweigerer gebe es aber auch nicht. Themen wie die Arbeitszeiterfassung führten dazu, dass sich die Unternehmer mit der Digitalisierung ihres Betriebs auseinandersetzen. Es gebe keinen Betrieb, der komplett ohne auskomme.
Allerdings beobachte auch Kruse, dass viele, besonders kleine, Unternehmen nur auf ein Mindestmaß setzen und Fehlerquellen, wie zum Beispiel Übertragungsfehler bei der Datenerfassung oder der Arbeitszeitoptimierung in Kauf nehmen. „Es fehlt auch die Fachkenntnis, neue Systeme einzuführen. Da müssen sich die Unternehmer auf Fachleute verlassen –und das ist kostspielig und zeitintensiv“, sagt Kruse. Was der Wirtschaftsinformatiker nicht bestätigen kann, ist ein Unwillen gegen die Digitalisierung von Älteren. Die hätten sogar einen Vorteil: „Zwar sind sie nicht so sicher, wie Digital Natives im Umgang mit neuer Technik, allerdings kennen sie aus vielen Jahren Erfahrungen die Besonderheiten in der Unternehmensführung“, sagt er. Als Beispiel nennt Kruse das Zusammenspiel des Abrechnungsprogramms mit anderen Systemen wie zum Beispiel Arbeitszeiterfassung, Materialverbrauch und Baustellendokumentation. Das würden erfahrene Unternehmer eher mitdenken.
Das sagt der Handwerker
Weert Kreienbrock führt einen Dachdeckerbetrieb in Moormerland. Das Studienergebnis ärgert ihn. Er vermisst die Praxisnähe der Umfrage. „Selbstverständlich könnte ich jeglichen persönlichen Kontakt zu meinen Händlern, Kunden und Mitarbeitern vermeiden, wenn ich mir für 100.000 Euro Apps und Co. zulege, um damit dann auch noch den letzten Soziologiestudiums-Abbrecher, der jetzt Apps schreibt, zu unterstützen. Aber meine kleinen eigenen Studien zeigen, dass gerade im Handwerk dieser persönliche Kontakt geschätzt wird“, schreibt Kreienbrock per Mail.
Das sagt das Software-Unternehmen
Beim Software-Unternehmen Orgadata ist eine Digitalverdrossenheit bei den Handwerker nicht zu spüren. Das Leeraner Unternehmen vertreibt Softwarelösungen für Fenster-, Türen- und Fassadenbauer. Allerdings räumt Unternehmenssprecher Andreas Meinders auch ein, dass Orgadata vor allem von aufgeschlossenen Handwerkern angesprochen werde. „Dass Betriebe überhaupt nichts davon hören wollen, sei eine absolute Ausnahme“, so Meinders. Gerade in Ostfriesland mache das Unternehmen richtig gute Erfahrungen. „Die Ostfriesen probieren neue Produkte von uns gern sehr früh aus“, sagt Meinders. So wäre es durchaus üblich, die Weltneuheiten in Ostfriesland zu testen, auf die kurze Distanz könnten Probleme schneller gelöst werden. Ein Aufwand bedeute die Einführung neuer Programme schon, erklärt er. Die Mitarbeiter müssten geschult werden, die Programme auf den Betrieb abgestimmt werden. „Aber die meisten Programme sind auch kein Hexenwerk mehr“, sagt Meinders. Wenn das geschafft sei, wären die meisten Programme eine Erleichterung, so der Unternehmenssprecher.