15 Jahre HDL-Song von Jasper  LOL, OMG, *gg* – und was das mit Ostfriesland zu tun hat

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 26.04.2023 10:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Vor 15 Jahren gelang dem gebürtigen Emder Jasper März mit dem HDL-Song zum ersten mal ein viraler Youtube-Hit. Screenshot: Jasper
Vor 15 Jahren gelang dem gebürtigen Emder Jasper März mit dem HDL-Song zum ersten mal ein viraler Youtube-Hit. Screenshot: Jasper
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2008 hat der Emder Jasper März einen der ersten „viralen“ deutschsprachigen Youtube-Hits veröffentlicht. Der HDL-Song brachte ihm sogar einen Plattenvertrag ein – und machte ihn zum Abitur-Thema.

Emden - Er ist einer der ersten viralen deutschen Youtube-Hits: der HDL-Song von Jasper, der am 26. April 2008 veröffentlich wurde. Gerade bei denen, die zwischen den 1980er- und 1990er-Jahren geboren sind, ruft das Lied Erinnerungen an die frühen Internetzeiten mit Chats, Foren, ICQ und dem bis heute anhaltenden „Abküfi“ (Abkürzfimmel) wach. Denn HDL steht für „Hab dich lieb“ und gehört zum „Chat 1x1“ wie LOL, ROFL, *gg* oder CYA (siehe Erklärungen am Ende des Artikels).

Jasper heute, die Mütze hatte er extra als Erkennungzeichen für das Interview im Emder Grand Café angezogen. Foto: Hock
Jasper heute, die Mütze hatte er extra als Erkennungzeichen für das Interview im Emder Grand Café angezogen. Foto: Hock

Was nur wenige wissen: Jasper März, der Sänger des HDL-Songs und dem ähnlich erfolgreichen „Kids der 1990er“, ist gebürtiger Emder. Seine Familie wohnt noch in Ostfriesland. Der frisch 37 Jahre alt gewordene Hobbymusiker hat 2009 und 2010 je ein Album herausgebracht, eine Folge des viralen Hits. Diese Zeitung hat sich mit Jasper März in Emden getroffen. Da er als Künstler unter Jasper auftritt, ist das Interview auch in der Du-Form geführt

Hallo Jasper, THX, dass das mit dem Meeting geklappt hat. BTW, wenn ich deinen HDL-Song höre, denke ich immer: LOL, ja, so war das. TBH, ein paar der Abkürzungen benutze ich heute noch. Aber zur Frage: Auf einer Skala von 1 bis OMG, wie cringe wäre dein HDL-Song, wenn er heute veröffentlicht werden würde?

Jasper: Der Song wäre heute schon ziemlich „cringe“, würde ich sagen. Die Zeit läuft ja weiter und so ist auch der Text heute nicht mehr so aktuell. Die Videoaufnahme erfolgte mit einer einfachen Digicam - für Kids der 90er vielleicht ein nostalgisches Rauschen, aber das würde man heute bestimmt auch als „cringe“ bezeichnen - und das ist vollkommen in Ordnung so.

Und wie sehr haben sich deine Nackenhaare bei den ganzen Abkürzungen in der Frage aufgestellt?

Jasper: Bezogen auf den Nerv-Faktor? Da bin ich deutlich gelassener geworden. Ich habe meinen Frieden mit Abkürzungen geschlossen, dtmnm!

Das heißt, wenn ich jetzt in deine Whatsapp-Nachrichten gucke, würde ich da Abkürzungen finden?

Jasper: Tatsächlich nicht viele. OMG, LOL und so verwende ich nicht. Abkürzungsmäßig bin ich sehr klassisch unterwegs mit so Sachen wie ggf. oder etc. Da ist ein LG am Ende einer WhatsApp schon das höchste der Gefühle.

Am 28. April 2008 hast du den HDL-Song hochgeladen, 15 Jahre ist das her...

Jasper: Ja, das hattest Du mir geschrieben. Ich war erschrocken, sehr erschrocken. Ist das wirklich schon 15 Jahre her?

Du hattest gerade gesagt, dass das Video heute anders wirkt als damals. Findest du? Auch die neueren Kommentare unter dem Video zeigen, dass das Video immer noch wirkt und einen Nerv trifft.

Jasper: Man muss gucken, wer das hört. Wer in der Zeit großgeworden ist, der kann das weiter mit Humor hören und verstehen und sich zurückerinnern an die Zeit, in der das alles noch neu war. Da wirkt das Lied. Das finde ich auch gut.

Wie ist das Lied eigentlich entstanden? Hat dich jemand bestimmtes dazu inspiriert?

Jasper: Es war einfach der Kontakt mit Leuten damals, der mich inspiriert hat. Ich dachte irgendwann: Das ist total nervig, hat aber auch das Potenzial, daraus etwas zu machen. Da bin ich in mich gegangen, hab überlegt und beschlossen, dass die Zeit für den HDL-Song reif ist.

Das war es offensichtlich. Man kann schon sagen, dass der HDL-Song 2008 einer der ersten viralen Youtube-Hits war, obwohl man damals das Wort viral noch nicht benutzt hat.

Jasper: Im deutschsprachigen Raum war der HDL-Song tatsächlich recht weit vorne. Es war aber auch ein anderes Youtube als heute und ich würde sagen, dass da auch Glück mit dabei war. Heute wäre es wahrscheinlich deutlich schwieriger. Ich hatte den Kanal nur gemacht, um meine Freunde und Bekannte an meiner Musik teilhaben zu lassen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir dadurch Möglichkeiten eröffnet wurden, auf die ich es gar nicht angelegt hatte.

Du hast ja nicht nur mit dem HDL-Song, sondern auch mit Kids der 90er einen ziemlichen Erfolg gehabt und den Nerv einer ganzen Generation getroffen...

Jasper: Ja, wobei ich Kids der 90er deutlich stärker finde. Das Lied macht mir mehr Spaß, auch heute noch auf Konzerten. Das Lied verbraucht sich nicht. Der HDL-Song war damals witzig, ist für mich aber auch ein Stück weit auserzählt. Kids der 90er hat einen anderen Ansatz: Es ist ein Rückblick auf eine Zeit, die die Menschen erlebt haben und die sich auch nicht mehr verändert. Es geht um die Besonderheiten, um das Erlebte. Ich glaube, dass man Kids der 90er auch in zehn Jahren textlich noch genauso gut konsumieren kann, während der HDL-Song stärker mit seiner Entstehungszeit verknüpft ist.

2008 der HDL-Song, 2009 der Plattenvertrag für dein erstes Album. 2010 das nächste Album. Du hast die Zeit genossen, hast du im Vorgespräch gesagt. Wie ist es danach mit der Musik für dich weitergegangen?

Jasper: Ich mache Musik hauptsächlich für mich und habe nie den Fokus darauf gesetzt, das hauptberuflich zu machen. Ich freue mich aber immer noch über Möglichkeiten, Clubkonzerte zu spielen. Musik ist schon eine große Passion, die aber immer als Hobby ausgelegt war. Es war aber super spannend, in die Branche zu gucken.

Du spielst Konzerte, aber auf Youtube ist es ruhig geworden. Schreibst du weiter neue Lieder?

Jasper: Tatsächlich habe ich in letzter Zeit sehr wenig geschrieben. Das würde ich gar nicht negativ sehen. Ich bin auf der Suche nach Ideen und es liegt manches in der Schublade. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mit meinen Liedern schon viel von dem erzählt habe, was ich erzählen will. Sich dann immer zu wiederholen, finde ich ganz schlimm.

Wie wäre es denn mit einem zweiten Teil von Kids der 90er? Da gibt es ja noch mehr zu erzählen...

Jasper: Nein! Zweite Teile sind furchtbar! Zweite Teile sind ganz selten ein Erfolg, würde ich sagen. Und es braucht auch keinen zweiten Teil, die Geschichte ist im Lied für mich rund erzählt. Vielleicht gibt es später mal was, wie sich die Kids der 90er entwickelt haben...

Hast du denn mittlerweile mal ein Tamagotchi geschenkt bekommen? Das hattest du laut Lied nie...

Jasper: Ja, mehrfach auf Konzerten. Sind aber mittlerweile alle gestorben...

Ich kenne deine Lieder seit Jahren, habe aber erst jetzt mitbekommen, dass du Emder bist. Du bist ja sogar bei Wikipedia unter Söhne und Töchter der Stadt gelistet. Erkennen dich die Menschen in Ostfriesland?

Jasper: Ich werde ab und zu darauf angesprochen. Aber wenn ich unterwegs bin, fehlt das, was man aus den Videos kennt: Gitarre und Mütze – und das Ganz auch noch in schwarz-weiß. Das wird mit mir verbunden und ohne erkennt man mich dann auch meistens nicht.

Die Mütze ist nicht immer da? Hast du die jetzt extra aufgesetzt?

Jasper: Für den Termin? Ja, klar!

Verfolgst du Youtube noch?

Jasper: Um ehrlich zu sein: kaum. Ich nutze es ab und an noch, aber es hat sich schon sehr verändert. Es ist eine unglaubliche Masse an Content, der da täglich hochgeladen wird. Der Umgangston auf YouTube ist auch deutlich respektloser geworden, das ist eine traurige Entwicklung. Da bin ich sehr froh und dankbar, dass ich meine Erfahrungen noch in und mit einem „früheren“ YouTube machen durfte. Auch die Kommerzialisierung nervt mich sehr, die ganze Werbung. Deswegen habe ich mich auch entscheiden, keine Kooperation mit Youtube einzugehen, obwohl es mir angeboten wurde.

Was ist die schönste Erinnerung an deine Youtube-Zeit?

Jasper: Der Kontakt mit den Konzertgästen, die dann die Lieder mitsingen konnten. Das hat mich total geflashed und überrascht, weil ich vorher nicht so wirklich öffentlich gespielt habe. Ich fand es auch super witzig, Teil einer Sammelkartenaktion von Rewe und Sony zu sein. Oder auch sehr skurril für mich: Dass zumindest in Berlin und Brandenburg der HDL-Song Teil des Deutsch-Abiturs war. Ich hoffe, dass ich niemandem damit die Zukunft verbaut habe, weil das in der Klausur vorkam! Sonst bliebe mir nur von Herzen ein sry.

Ein Chat Einmaleins

2004, noch vor dem HDL-Song von Jasper, wurde in der deutschsprachigen Wikipedia zu ersten Mal ein Artikel zum "Netzjargon" angelegt. Die Liste ist lang und wird auch immer noch regelmäßig aktualisiert.

Nachfolgend die genutzten Abkürzungen und Begriffe, die im Interview oder in Jaspers HDL-Song auftauchen – in alphabetischer Reihenfolge.

*gg*/*g* - Heute wird *Wort meistens dafür benutzt, um eine Korrektur für ein vorangegangene Nachricht anzuzeign, also: *anzuzeigen. Früher wurden damit manche Abkürzungen eingerahmt. So stand *g* für ein Grinsen, *gg* oder auch *bg* für ein breites Grinsen. Manchmal wurden damit auch "Bewegungen" gekennzeichnet. So das Beispiel aus dem HDL-Song: *Achselzuck*.

BTW - Englische Abkürzung für "by the way", übersetzt so viel wie: nebenbei (bemerkt).

cringe - Übersetzt bedeutet das englische Wort eigentlich "erschaudern" oder "zusammenzucken". Benutzt wird das Wort, welches 2021 Jugendwort des Jahres war, aber in der Bedeutung "(fremd)schämen".

CYA - Kurzform für "see you later", also: "Bis später!"

dtmnm - Das trifft mich nicht mehr (von Jasper im Interview erfundene Abkürzung)

GN8/N8 - Abkürzung für (Gute) Nacht, manchmal begleitet von einem SG für "schlaf gut".

ICQ - Zwar auch eine Art Abkürzung (ein sogenanntes Homophon von „I seek you“ – „Ich suche dich“), aber vor allem der Name eines Chatprograms, welches vor allem in den 90er-Jahren genutzt wurde.

IDA - Früher oft genutzte Antwort auf ein "HDL" ("Hab dich lieb") und bedeutet: Ich dich auch.

KA/KP - Kurzform für "Keine Ahnung" oder "Kein Plan".

LG - Kurz für „Liebe Grüße“

LOL/lol - Englisch für "laughing out loud", übersetzt soviel wie: Lautes Auflachen. (manchmal auch "lots of laughing" (viel Lachen) oder auch "lost of luck" (viel Glück)). Eine Steigerung ist ROFL/rofl, was übersetzt so viel bedeutet wie "vor Lachen auf dem Boden rollen ("rolling on the floor laughing"). Später auch manchmal in Verbform, also lollen oder rofln genutzt.

NP - Kurzform für "no problem", also: kein Problem.

OMG - Abkürzung für "Oh mein Gott" beziehungsweise im Englischen: „Oh my god".

sry - Abkürzung für „sorry“, also „Tut mir leid“/„Entschuldigung“

THX - Kurzform für "thanks", übersetzt: Danke.

viral - Bezeichnung für beispielsweise Lieder oder Bilder, die sich im Internet sehr stark verbreiten.

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