Personalnot in Kitas  Kommunen wollen Standards für Betreuung senken

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 26.04.2023 11:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Mädchen spielt in einer Kita mit bunten Bechern und Bauklötzen. Vielerorts in Niedersachsen fehlt es in den Einrichtungen an Personal. Foto: Anspach/DPA/Archiv
Ein Mädchen spielt in einer Kita mit bunten Bechern und Bauklötzen. Vielerorts in Niedersachsen fehlt es in den Einrichtungen an Personal. Foto: Anspach/DPA/Archiv
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Mehr Kinder pro Kita-Gruppe und geringere Anforderungen an das Personal – mit diesen Forderungen stoßen Niedersachsens Oberbürgermeister beim Fachkräfteverband auf Kritik.

Ostfriesland/Bremen - Der Mangel an Personal in Kindertagesstätten bringt die Kommunen in Niedersachsen zunehmend in Bedrängnis. „Da muss nur einmal eine Corona- oder Grippewelle ausbrechen, dann werden einem die Beine weggeschlagen“, sagte Claudio Griese (CDU), der Vorsitzende der Niedersächsischen Oberbürgermeisterkonferenz und Verwaltungschef in Hameln. Das Gremium des Niedersächsischen Städtetags (NST) traf sich Ende vergangener Woche in Emden und fordert nun längerfristig Kita-Gruppen mit bis zu 26 Kindern sowie flexiblere Standards für den Einsatz von Vertretungskräften in den Einrichtungen. Beim Kita-Fachkräfteverband (KFKV) Niedersachsen-Bremen stößt der Vorstoß der Oberbürgermeister hingegen auf deutliche Kritik.

Die Probleme durch den Fachkräftemangel in den Kitas bekomme inzwischen fast jede Kommune in Niedersachsen zu spüren, so Griese. Um eine Betreuung sicherstellen zu können, müsse die Landesregierung kurzfristig handeln. Als eine Maßnahme fordern die Oberbürgermeister, eine Sonderregel, die vom Land infolge des Ukraine-Kriegs geschaffen wurde, fortzuführen: In jeder Kita-Gruppe kann ein Kind mehr aufgenommen werden, also 26 statt maximal 25. Derzeit gilt dies aber nur bis Ende Juli. „Das wollen wir verlängert wissen“, sagte Griese auch mit Blick auf eine Fachkonferenz zum Thema Bildungsqualität in Kitas, welche das Kultusministerium in Hannover für den 25. Mai plant.

Verband warnt: Maßnahme könnte Situation noch verschlimmern

Der KFKV Niedersachsen-Bremen sieht in dieser Idee eher eine Gefahr als eine Lösung: „Eine Absenkung der Fachkraft-Kind-Relation bedeutet für die Fachkräfte eine höhere Belastung, und dies führt zu vermehrter Erkrankung und noch höherer Abwanderung“, teilte Melanie Krause mit. Die Leeranerin ist Vorsitzende des Verbands. Mehr Kinder in den Kita-Gruppen aufzunehmen, könne die Situation gar noch verschlimmern, lautet ihre Überzeugung – und obendrein leide die Qualität der Betreuung. „Unsere Kitas sind keine Aufbewahrungsstätten. Wir sind Bildungsstätten, und dies gilt es zu wahren“, so Krause.

Bisher dürfen Vertretungskräfte, die keine pädagogischen Fachkräfte sind, in Kitas maximal für drei Arbeitstage pro Monat und Gruppe eingesetzt werden. Um für Entlastung bei der Personalsituation zu sorgen, fordern die Oberbürgermeister, die maximale Einsatzzeit auf zehn Tage zu erhöhen. Zudem sollten die Anforderungen an das Personal in Randzeiten sowie in Gruppen mit höchstens zehn Kindern gesenkt werden. Krause sieht durch solche Pläne gar den Schutz der Kinder in Gefahr: Eine geringere Ausbildung des Personals bedeute auch, dass das Kindeswohl weniger im Blick sei. „Wollen wir das wirklich?“, teilte die KFKV-Vorsitzende mit. „Kurzfristige Hilfe kann langfristige Folgen haben.“

Wie kann die Erzieherausbildung attraktiver werden?

Laut KFKV sei damit zu rechnen, dass der Fachkräftemangel in den Kitas auch in den kommenden fünf bis zehn Jahren zum Alltag gehören werde. Deshalb fordert der Verband eine Stärkung der Familien: Der Anspruch von Eltern auf Kinderkrankengeld solle so etwa nochmals erhöht werden und der Elterngeldbezug verlängert, wenn kein geeigneter Betreuungsplatz zu Verfügung stehe.

Zudem brauche es mehr Geld vom Land und eine „qualitativ gute und vergütete Ausbildung“, so Krause – ein Punkt, in dem sich die KFKV-Vorsitzende mit den Oberbürgermeistern einig ist. „Es muss uns gelingen, die Erzieherausbildung attraktiver zu machen“, sagte Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) nach dem Treffen der Verwaltungschefs in der Seehafenstadt.

Eine Vergütung erhalten Menschen, die Erzieherin oder Erzieher werden, in Niedersachsen derzeit nur im dritten, praktischen Jahr ihrer Ausbildung. Wie es anders laufen kann, will Bremen nun zeigen: Dort beschloss die Landesregierung am Dienstag eine Ausweitung eines Modellprojekts zur praxisintegrierten Ausbildung, bei der die Azubis über die komplette Dauer eine Vergütung erhalten. Bildungssenatorin Sascha Aulepp (SPD) zeigte sich optimistisch, auf diesem Weg neue Fachkräfte für die Kitas zu gewinnen – was für Niedersachsen wiederum eine Abwanderung von interessierten jungen Leuten in das Nachbar-Bundesland bedeuten könnte.

Mit Material von EPD

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