Wiedervernässung in Wiesmoor Klimaschutz ja – aber bitte nicht vor der Haustür
Der Landkreis Aurich und die Stadt Wiesmoor wollen das Moor am Ottermeer wiedervernässen. Das ruft besorgte Anwohner auf den Plan. Sie fürchten eine kalte Enteignung.
Wiesmoor/Lübbertsfehn - Wer den Klimawandel stoppen will, muss die Moore wiedervernässen, also in ihren Ursprungszustand zurückversetzen. Im Moor sind große Mengen Kohlendioxid (CO2) gespeichert, allerdings nur im nassen Moor. 92 Prozent der Moore in Deutschland sind jedoch entwässert. Durch Entwässerung wird das gespeicherte CO2 wieder freigesetzt. Entwässerte Moore verursachen 7,5 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgas-Emissionen. Das betrifft auch die Stadt Wiesmoor.
Ihre Moorflächen spielen beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle. Daher planen die Stadt Wiesmoor, der Landkreis Aurich und der Naturschutzbund (Nabu) ein Projekt zur Wiedervernässung des Moores am Ottermeer. Durch die Einleitung von Regenwasser soll das Moor wieder nass werden. Damit lassen sich nach Angaben der Kreisverwaltung 350.000 Tonnen CO2 einsparen.
„Durch Torfabbau degradiert“
Anwohner rechnen mit negativen Folgen für Tiere und Pflanzen. Einige sorgen sich um ihre Flächen. Sie befürchten eine kalte Enteignung. Rund ein Dutzend Männer und Frauen aus Wiesmoor war am Montag nach Lübbertsfehn gekommen, wo das Projekt dem Umweltausschuss des Kreistags vorgestellt wurde. „Wieso hat der Landkreis Aurich uns betroffene Bürger rund um das Ottermeer nicht informiert?“, wollte eine Besucherin wissen. Das Projekt befinde sich noch in einem sehr frühen Stadium, antwortete Baudezernent Eiko Ahten. Es gebe noch keine Detailplanung.
Das Projektgebiet liegt westlich der Stadt Wiesmoor. Es handelt sich um das rund 100 Hektar große Landschaftsschutzgebiet „Am Ottermeer“. Die dortigen Moorflächen seien zu großen Teilen „durch Torfabbau degradiert“ worden, heißt es in der Projektbeschreibung. Im Randbereich sei es durch landwirtschaftlich genutzte Moorflächen geprägt.
„Nichts gegen den Willen der Leute“
Rund die Hälfte der Fläche gehört dem Landkreis Aurich oder der Stadt Wiesmoor. Auf 28 Hektar könnte die Wiedervernässung kurzfristig beginnen und dann auf 50 Hektar erweitert werden. Doch was ist mit den Flächen, die Privatleuten gehören? Erst einmal gar nichts, versicherte die Kreisverwaltung. „Wir machen nichts gegen den Willen der Leute“, sagte Christian Kramer vom Umweltamt. Die Befürchtungen einiger Zuhörer, enteignet zu werden, seien unbegründet. Alles geschehe auf freiwilliger Basis. „Die Verkaufsbereitschaft bezüglich der landwirtschaftlichen Flächen im Privateigentum wird als eher gut bewertet“, heißt es in der Projektbeschreibung. Das trifft jedoch nicht auf alle zu. „Wir brauchen diese Weideflächen“, sagte ein Anwohner.
Langfristig ist nicht ausgeschlossen, dass Moorflächen gegen den Willen der Eigentümer wiedervernässt werden. Landrat Olaf Meinen (parteilos) sagte: „Wenn der Gesetzgeber sagt, in 10 bis 15 Jahren muss das ganze Landschaftsschutzgebiet wiedervernässt werden, dann machen wir das.“ In Hannover sei Wiedervernässung „ein Riesenthema“, so Meinen. „Alle reden vom Klimaschutz, aber das bedeutet Veränderung.“ Dazu gehöre auch die Wiedervernässung von Flächen.
Torfabbauer macht mit
Jeder wolle Klimaschutz, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür, beklagte der Landrat. Das sei wie bei Windkraftanlagen. „Alle wollen grünen Strom, aber irgendwo müssen die Windkraftanlagen gebaut werden.“ Fünf neue Anlagen am Tag, wie von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gefordert, bedeuteten einen industriepolitischen Umbau der Gesellschaft, sagte Meinen. „Da gibt′s kein Vertun. Das geht nicht von alleine.“
Das Kreistagsmitglied Edgar Weiss (Freie Wähler) aus Wiesmoor nannte es befremdlich, dass niemand vom Nabu und niemand von dem beauftragten Planungsbüro in der Sitzung anwesend war, um das Projekt vorzustellen. Außerdem kritisierte er, dass Torfabbauer beteiligt werden sollen – also jene, die das Moor entwässert haben. In der Tat ist nach Angaben des Planungsbüros die Firma AWT (Aurich-Wiesmoor-Torfvertriebs GmbH) „Partner für die technische Umsetzung der Maßnahmen“. Dabei handele sich jedoch nicht um Torfabbau, erklärte Ingo de Vries, Klimaschutzmanager der Kreisverwaltung. Es werde lediglich die oberste Torfschicht abgeschoben, um die Wiedervernässung des Moores zu ermöglichen.
Die Mehrheit des Ausschusses ließ sich am Ende überzeugen. Nach ihrer Empfehlung soll der Kreistag die Verwaltung beauftragen, eine Kooperationsvereinbarung mit der Stadt Wiesmoor und dem Nabu-Klimafonds zu schließen und für die Wiedervernässung die kreiseigenen Flächen am Ottermeer zur Verfügung zu stellen. Der Kreistag entscheidet am 10. Mai.
Kaum Solarkraft auf Landesbauten – Politiker geloben Besserung
Nachhaltiges Recycling statt gefährlicher Kinderarbeit
Grünes Licht für umstrittenes Moorprojekt
Wiesmoor steht vor einer Herkulesaufgabe