Genuss ohne Reue So schmeckt das Steak aus dem 3D-Drucker
Modernes Essen braucht keine toten Tiere, finden Jutta und Reinhard Hartwig. Sie kochen im Fair-Café Grafschaft mit einer pflanzlichen Alternative aus dem 3D-Drucker. Ist das die Nahrung der Zukunft?
Grafschaft - Wenn Jutta Hartwig sich in ihrer offenen Küche ans Werk macht, liegen wunderbare Aromen in der Luft. Der Mittagstisch im Fair-Café im Fairhandelshaus Mercado Mundial in Grafschaft (Schortens) wird mit Liebe gekocht – das riecht man. Heute steht ein Filet-Braten auf dem Menü, serviert mit Romanesco, Blumenkohl und Nudeln. Diese liebevolle Zubereitung schmecken ihre Stammgäste auch. Was die allerdings nicht schmecken, sagt die 71 Jahre alte leidenschaftliche Köchin, sei die Herkunft des dafür verarbeiteten Stücks vermeintlichen Beef Steaks, das hier auf die Teller kommt. Das nämlich stammt nicht von einem Rind – sondern aus einem 3D-Drucker in den Niederlanden.
Was und warum
Darum geht es: Im Fair-Café sollen auch Fleischesser beim Verzehr veganer Gerichte auf den Geschmack kommen. Dafür sorgen Steak, Kebab oder Hack – hergestellt mit dem 3D-Drucker. Das schafft eine fleischähnliche Textur.
Vor allem interessant für: Ernährungsbewusste, Neugierige
Deshalb berichten wir: Redakteure sind berufsneugierig. Eine Weltneuheit wie diese wollten wir uns nicht entgehen lassen und haben sie uns schmecken lassen. Und natürlich genau nachgefragt, für wen das Nicht-Fleisch eigentlich spannend ist – und was es bei der Zubereitung zu beachten gilt. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Das sogenannte New Meat (Englisch für Neues Fleisch) der 2018 gegründeten Firma Redefine Meat (Fleisch neu definieren) aus Israel soll den Machern zufolge seit Ende 2021 den Fleischmarkt revolutionieren. Produziert wird seit Jahresbeginn in Utrecht (Niederlande). Außer Steak gibt es Hackfleisch, Lammkebab, Burger-Patties und mehr. Alle Produkte werden als rein pflanzlich und qualitativ hochwertig beworben. Insbesondere Proteine aus Hülsenfrüchten und Getreide werden genannt. Die Produkte werden tiefgekühlt verkauft, vorrangig an die gehobene Gastronomie.
Tierische Muskelstruktur wird beim Druck imitiert
Die Mission der New-Meat-Macher ist der Einsatz von Technologie statt Tieren, heißt es auf ihrer Internetseite. Bei der Herstellung des Ersatzproduktes wird „die Komplexität der tierischen Muskelstruktur“ imitiert, was offenbar bislang einmalig ist. Das soll Tierleben und natürliche Ressourcen wie beispielsweise Wasser schonen. Bei Jutta und Reinhard Hartwig rennt der israelische Konzern damit offene Türen ein: Sie ernähren sich seit Jahren vegan – und versuchen, andere für ihre Lebenseinstellung zu begeistern. Sie führen ihr Café unter anderem als Lernort für veganes Kochen.
„Es ist wie ein normales Steak“, sagt Jutta Hartwig. Die Reaktionen ihrer Gäste zum vermeintlichen Fleisch aus dem Drucker seien durchweg positiv. Die Hemmschwelle, vegane Nahrung zu probieren, aber sei bei vielen noch groß. Während Fleischesser die Textur als positiv bewerten, schreckt sie Menschen, die sich seit Jahren teils ausschließlich pflanzlich ernähren, eher ab: Sie würden es nicht probieren wollen – weil es echtem Fleisch zu ähnlich ist, sagten zwei langjährige Veganer und ein Vegetarier bei einer Stichprobe der Redaktion übereinstimmend.
Nostalgisch bei Fleisch mit Soße?
„Hier kannst du Fleisch vermeiden und musst nicht verzichten“, meint Reinhard Hartwig hingegen. Doch auch für ihn hätte das New Meat nicht erfunden werden müssen, lenkt er ein. Essen tut er es trotzdem. Weil Gutes drin steckt; „keine Geschmacksverstärker und Aromen“. Hartwigs leben seit acht Jahren vegan. Sie sehen in der Alternative vor allem ein Angebot für die, die (noch) nicht auf Fleisch verzichten wollen. Margit Budrich aus Jever wirkt zufrieden vor ihrem leergegessenen Teller. Sie lasse sich den Mittagstisch im Fair-Café möglichst regelmäßig schmecken. Nicht zuletzt auch darum, weil das New Meat bei seinem innovativen Ansatz eben auch einen nostalgischen Beigeschmack hat: „Es ist Essen, so wie ich es kenne. Wir sind mit Fleisch und Soße groß geworden.“ Sie verzichte mittlerweile seit Jahren fast vollkommen auf Fleisch. Aber eben nur fast, daher sei ihr der Geschmack durchaus präsent: „Einmal im Jahr esse ich auch echtes Fleisch.“
Ein günstige Alternative zu Fleisch ist die Version aus dem Drucker nicht: Preislich kann das mit einem guten Original durchaus mithalten. Ein Unterschied besteht Jutta Hartwig zufolge in der Zubereitung: Die israelische Innovation müsse in reichlich Fett vergleichsweise schonend gebraten werden. Beim Würzen hingegen sei mehr mehr, verrät sie. Ein Vorteil der veganen Variante: Anders als bei echtem Rind oder Schwein verliere sie kein Gewicht beim Braten. Die Chefin bereitet das Essen in der offenen Küche zu. Wer möchte, kann ihr dabei auf die Finger schauen. Als Teil der kulinarischen Bildung, erläutert ihr Mann. „Damit die Leute sehen, wie es zubereitet wird. Sie sollen das nachkochen können und keine Hemmschwellen haben.“
Jutta und Reinhard Hartwig machen sich mit der Wiedereinführung ihres veganen Mittagstischs im vergangenen Monat erneut auf den Weg. „Wir haben mit Redefine Meat jetzt die Chance, etwas Neues zu machen“, sagt die Gastronomin. Eigentlich wollten die 71-Jährige und ihr 70 Jahre alter Mann sich längst zur Ruhe setzen. Vor zwei Jahren suchte das Ehepaar deutschlandweit nach Nachfolgern, die ihr Lebenswerk übernehmen sollten: Auf 6000 Quadratmetern betreiben Hartwigs neben dem Café unter anderem einen Unverpackt- und Eine-Welt-Laden. Eine Weile sah es für die Nachfolge gut aus – doch dann passte es irgendwie doch nicht. „Klar sind wir noch immer auf der Suche“, unterstreicht sie. Doch sie ließen es jetzt laufen und konzentrierten sich stattdessen wieder verstärkt aufs Tagesgeschäft. „Eigentlich wollte ich nur bis 70 machen. Jetzt bin ich schon drüber. Jetzt kann ich auch weitermachen!“
Kulinarische Bildung
Dass das pflanzenbasierte Fleisch im Geschmack überzeugt, wollen Jutta und Reinhard Hartwig gemeinsam mit Unterstützern am Samstag, 29. April, ab 19 Uhr unter Beweis stellen. Für den Steak-Abend laden sie eingefleischte Fleischesser und andere Interessierte für ein veganes Drei-Gänge-Menü ins Fair-Café ein. Zu Apfel-Avocado-Carpaccio, Beef Flank Steak und Apfel-Crumble gibt es Klaviermusik. Das Menü kostet 39,90 Euro; Getränke werden separat berechnet. Reservierungen unter fair@mercado-mundial.de.