Tiergestützte Therapie in Jackstede Ein Alpaka bricht mühelos das Eis
Melanie Rundes Alpakas haben nahezu magische Fähigkeiten: Sie erreichen bei traumatisierten Kindern Dinge, die das Umfeld nicht schafft. Auch Spaziergänge mit den wolligen Weidebewohnern sind beliebt.
Jackstede - „Wenn Alpakas dich mit ihren großen Augen angucken, dann geht dir einfach das Herz auf“, schwärmt Melanie Runde. Die 56 Jahre alte Erzieherin muss es wissen: Sie lebt zusammen mit vier Alpakas auf einem Hof in Jackstede. Parcival oder kurz Percy, Pepe, Filou und Lanzelot sind Therapietiere und aus einem bestimmten Grund bei der Fachkraft für tiergestützte Therapie: Ein Alpaka bricht nahezu mühelos das Eis. Für Personen mit ADHS beispielsweise sei das Fluchttier ideal. Wer ans Tier ran will, muss sich auf seine Bedürfnisse einlassen, erklärt die Besitzerin: „Ich gehe langsam hin, respektiere es.“ Wer sich darauf einlässt, hat Melanie Runde zufolge gute Karten bei ihren Jungs: „Die sind dann absolut gechillt. Sie stehen da und warten.“ Neugier trifft auf Gelassenheit.
Was und warum
Darum geht es: Vor Jahren entdeckte Melanie Runde mehr zufällig die Wirkung von Tieren auf Menschen. Seither ließ sie das Thema nicht mehr los. Heute setzt sie auf Alpakas.
Vor allem interessant für: Tierbegeisterte
Deshalb berichten wir: Durch Zufall erfuhr die Redaktion von Melanie Rundes Arbeit und ihren Tieren – und war sofort neugierig auf das Quintett. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Sie sei per Zufall Zeuge dessen geworden, welche Wirkung ein Tier auf ein traumatisiertes Kind haben kann, erzählt Runde im Gespräch mit dieser Zeitung. Damals arbeitete sie noch als Integrationskraft in einem Kindergarten in Münster. „Ich habe ein schwer traumatisiertes Kind betreut.“ Eines Tages brachte Runde eines ihrer Kaninchen mit in die Kita. Das Tier wurde in die Gruppenarbeit einbezogen. Das kaum zugängliche Kind blühte binnen kürzester Zeit auf. Diese Erfahrung ließ Melanie Runde nicht mehr los: Sie befasste sich eingehender mit den Möglichkeiten der tiergestützten Therapie und beschloss, sich gemeinsam mit ihrem Hund ausbilden zu lassen. Darüber hinaus ist sie ehrenamtliche Familienbegleiterin im ambulanten Kinderhospizdienst und ausgebildeter Clown. Bald habe sie gemerkt, dass der Riesenschnauzer doch nicht der richtige Partner für den Therapiejob war. Er habe die Ausbildung zwar gemeistert, sei aber nie zum Einsatz gekommen. Runde sagt, sie habe das Gefühl gehabt, dass es dem Tier nicht gutgetan hätte.
Alpakas auf Messe entdeckt
Auf einer Messe entdeckte sie Alpakas: „Ich sah sie und habe mich auf Anhieb in die Tiere verguckt.“ Alpakas sind domestizierte Kamele, die ursprünglich aus den südamerikanischen Anden stammen. Ihre Wolle ist eine beliebte Naturfaser, aus der hochwertige und kuschelig weiche Kleidung gestrickt werden kann. Alpakas kommen mit dem Klima Ostfrieslands zwar gut klar, dennoch sieht man sie auf hiesigen Weiden nur vereinzelt grasen. Eine Kamelidenhaltung ist laut Veterinäramt Zweckverband Jade-Weser, zu dem die Kreise Wittmund, Friesland, Wesermarsch und die Stadt Wilhelmshaven gehören, selten. Im Vorjahr waren fürs Verbandsgebiet 20 Haltungen gemeldet, teilte Geschäftsführerin Dr. Melanie Schweizer damals auf Nachfrage mit. Diese Zahlen seien relativ konstant.
Der Großteil der gemeldeten Kameliden sind Alpakas und Lamas. Die Behörde bekomme darüber hinaus regelmäßig Anfragen potenzieller Alpaka-Besitzer. Viele machten allerdings einen Rückzieher, wenn sie erfuhren, wie aufwendig die Haltung ist. Melanie Runde schreckte das nicht ab: 2012 zog ein Alpaka-Trio zu ihr, damals noch im Münsterland. „Wir waren damals die Exoten“, erinnert sie sich. Heute sei das Alpaka schon deutlich verbreiteter und bekannter. 2013 dann machte sie einen Abschluss in tiergestützter Therapie mit dem Schwerpunkt Lama und Alpaka. Seit 2015 lebt die vierfache Mutter erwachsener Kinder nun in Ostfriesland. Hier kam mit Lanzelot ein Suri-Alpaka zur bestehenden Gruppe der Huacaya-Alpakas hinzu. Lanzelots Wolle unterscheidet sich von der seiner Weidekumpel. Das schlägt sich in einer eher fransigen Frisur nieder, während das Trio seinen Haarschopf auf dem Kopf eher üppig-buschig trägt.
Ein Alpaka macht keine Unterschiede
Den Alpakas ist ihre Frisur egal. Und genau das ist es auch, was Tiere so vom Zweibeiner unterscheidet, weiß Runde: „Tiere machen keinen Unterschied. Egal, wie der Mensch aussieht und welches Handicap er hat.“ Runde widmet sich mit Hingabe denjenigen, die Unterstützung benötigen: junge wie alte Menschen, mit Traumata, Beeinträchtigungen oder Behinderungen. Alpakas sind Magier: Sie fordern und fördern beispielsweise die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers, dessen Sprache und Empathie, geben Selbstvertrauen, helfen beim Abbau von Ängsten und beschleunigen die Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenz. Wie genau sie so eine Therapie aufbaut, komme auf das Krankheitsbild an. Den Anfang aber mache immer der Beziehungsaufbau zu den Tieren. Das Tier und seine Bedürfnisse kennenlernen, es beobachten. „Das Alpaka fühlen. Die Wolle fühlen, die Wärme. “
Einigen gebe es Sicherheit, wenn sie das Alpaka über Hürden führen. So könnten Menschen mit Wahrnehmungsstörungen oft nicht über unebene Böden laufen. Mit einem Alpaka an der Hand gelinge es dann aber: „Da liegt der Fokus des Klienten auf dem Tier. Und er ist nachher ganz erstaunt, dass er den Parcours geschafft hat.“ Anderen wiederum tue es gut, wenn sie beispielsweise bei einem Spaziergang mit den Tieren aus ihrem Alltag erzählen könnten. Runde ist absolut überzeugt von den Fähigkeiten ihrer Tiere und würde gern noch viel mehr Menschen gezielt helfen. „Leider, leider wird tiergestützte Therapie nicht von den Krankenkassen übernommen.“
Der Tierkontakt kann für jeden eine Bereicherung sein, findet die tierbegeisterte Jackstederin. Darum bietet sie mit ihren Alpakas auch tiergestützte Pädagogik an, richtet beispielsweise Kindergeburtstage aus und führt Wanderungen und Veranstaltungen für den Ferienpass durch. Alle Angebote hat sie auf ihrer Internetseite zusammengefasst. Die 56-Jährige selbst genießt jede Minute in Gegenwart ihrer Tiere. „Die fahren mich runter, das ist sowas von beruhigend.“