Artenschutz und Tierhaltung „Wer den Wolf liebt, der kennt ihn nicht“
Eigentlich wollte der schweizer Experte Marcel Züger nur in Ostfriesland Urlaub machen. Dann sprach er plötzlich in Berumerfehn vor besorgten Tierhaltern, denn Züger weiß wie der Wolf tickt.
Aurich/Berumerfehn - Schon bei der Parkplatzsuche wird klar, dass es an diesem Donnerstagabend im Kompaniehaus in Berumerfehn voll wird. Tatsächlich ist der große Saal bis zum letzten Platz gefüllt, weitere Stühle werden hereingetragen. Vor allem Landwirte, Pferdehalter, Deichschützer und Schäfer sind gekommen. Vor ihnen steht ein drahtiger Mann mit Schweizer Akzent, auf der Leinwand hinter ihm zeigt ein Wolf seine Zähne.
Was und warum
Darum geht es: In Berumerfehn berichtet Wolfsexperte Marcel Züger in seinem Urlaub von seinen Erfahrungen mit Wölfen in der Schweiz.
Vor allem interessant für: alle, die mehr über das Verhalten des Wolfes in einer Kulturlandschaft wissen wollen
Deshalb berichten wir: Die Redaktion war bei der Veranstaltung und überrascht von den tiefen Einblicken in den schweizer Alltag mit dem Wolf.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Marcel Züger ist Biologe und Geschäftsführer des Schweizer Ökoberatungsunternehmens Pro Valladas. Er ist eigentlich nach Ostfriesland gekommen, um Urlaub zu machen. Der Landwirtschaftliche Hauptverein für Ostfriesland hatte davon erfahren und ihn kurzerhand eingeladen. Jetzt steht der Wolfsexperte im Kompaniehaus und berichtet von seinen Erfahrungen mit dem Wolf. Der bereitet den Anwesenden im Saal wegen der vielen Nutztier-Risse zunehmend Sorge – Freunde hat das Tier in Berumerfehn an diesem Tag keine.
Der Experte lebt mit dem Wolf
Züger kann das nachvollziehen. Er ist zwar nicht nach Berumerfehn gekommen, um gegen den Wolf zu hetzen, aber er hat eine klare Meinung zu diesem Tier. Am eigenen Leib hat er in seiner ländlichen Wahlheimat Salouf in Graubünden gelernt, wie viel Raum dem Tier in einer vom Menschen gemachten Kulturlandschaft bleiben sollte. „Vier Rudel leben bei mir zu Hause nur einen Fußmarsch entfernt“, so Züger.
Am Abschuss der Wölfe unter ihnen, die sich nicht an die Regeln halten und zum Beispiel Nutztiere reißen oder Herdenschutzzäune überwinden, führt für den Biologen kein Weg vorbei. „Wir dürfen mit dem Wolf nicht umgehen, als wären wir Schafe“, wird er am Ende der Veranstaltung sagen. „Wir müssen ihm begegnen wie ein Wolf.“
Als Redner im Bundestag
Zum Abschuss des Wolfes hatte Züger erst im Januar im Deutschen Bundestag gesprochen. Dorthin hatte ihn der Umweltausschuss mit anderen Wolfsexperten zu einer öffentlichen Anhörung geladen. Nicht für alle der damals Anwesenden ist der Abschuss eine Lösung. Aber Zügers Meinung steht fest – und dafür hat er Gründe.
Marcel Züger hat nicht immer so gedacht. „Am Anfang, als 2012 der erste Wolf in die Schweiz einwanderte, hat es mich richtig glücklich gemacht“, erzählt der Biologe. Der erste Wurf sei ein echtes Erlebnis gewesen. „Ich hatte ein Bild von einem Wolf im Kopf, der scheu ist und sich von den Menschen fernhält“, sagt Züger. Für solche Exemplare verwendet er den Begriff Naturwolf. Den gebe es noch immer, aber in einer Kulturlandschaft sei er selten geworden.
Der Bestand wuchs immer weiter
23 Rudel leben inzwischen in der kleinen Schweiz – im vergangen Jahr waren es knapp 240 Einzeltiere, Tendenz steigend. „Diese Entwicklung wird auch Sie hier erwarten“, prophezeit der Experte mit Blick auf den steil ansteigenden Graphen auf der Leinwand. Der Wolf sei pragmatisch und gehe dorthin, wo er Futter finde. Die Liste der Nahrung eines Wolfes in der Kulturlandschaft ist lang, die Züger dann an die Wand wirft. Sie reicht von der Hauskatze bis zum Weiderind.
„Wenn jemand sagt, eine Region wie Ostfriesland sei nicht der Lebensraum des Wolfes, dann muss er nur nach Brandenburg schauen“, damit sagt Züger einen Satz, der die schlimmsten Befürchtungen der Anwesenden bestätigt. Brandenburg hat die größte Wolfsdichte Deutschlands. Die Landschaftsbilder, die Züger von dort zeigt, könnten auch aus Ostfriesland stammen. Züger nickt: „Wolfsgebiet“. Schockiert schauen die Anwesenden auf das Foto eines brandenburgischen Schutzzaunes: Er ist mehr als zwei Meter hoch, mit Alarmanlage und bis zu 10.000 Volt Spannung – als würde man ein Hochsicherheitsgefängnis schützen wollen, sagt Züger.
Unter den Zäunen leiden auch Wildtiere
Bilder von Wildtieren, die an einem solchen Zaun verenden, liefert er gleich mit. „Wollen wir das“, fragt Züger, „nur um eine Art an einem Ort zu erhalten, an dem mit der heutigen Nutzung kein Platz für sie ist?“ Man dürfe für den Erhalt des Wolfes nicht die Lebensräume anderer Arten durch Zäune zerschneiden und für sie immer unattraktiver machen, fordert er.
Was der Wolf für eine Region wie Ostfriesland bedeutet, kann Züger gut nachvollziehen. So unterschiedlich Graubünden und Ostfriesland auch sind, die Freilandhaltung von Nutztieren sei in beiden Regionen wichtig. „In der Alpwirtschaft, bei der Herden im Gebirge sich mehr oder weniger selbst überlassen sind, ist der Wolf eine Gefahr für die Lebensweise“, so Züger. Hätte man nichts unternommen, hätten sich die Hirten wie im Mittelalter bewaffnen müssen.
Der Wolf hat immer dazugelernt
Die Wölfe, deren Spuren er in der Schweiz seit 2012 immer öfter begegnet, seien längst nicht mehr die Wölfe, die er anfangs im Kopf hatte. Die heutigen Exemplare nennt Züger Kulturwölfe. Sie hätten gelernt, über Zäune zu springen, bewegen sich ohne Scheu in der Nähe des Menschen und jagen Nutztiere. Züger zeigt an dem Abend viele Bilder von toten Hirschen, einer wurde in einem Vorgarten erlegt. Er zeigt Bilder von toten Kühen. Bei einer Mutterkuh hängen die Klauen ihres Kälbchens aus dem aufgerissenen Bauch. Züger zeigt, womit sich viele Schweizer Tierhalter auseinandersetzen mussten: „Sie waren ständig in Alarmbereitschaft.“
Es sei schmerzlich gewesen, sich von dem Gedanken an den scheuen Wolf mit den edlen Eigenschaften zu verabschieden. Zu groß sei anfangs die Freude darüber gewesen, dass eine ausgerottete Art den Weg zurück gefunden hat. „Es fühlte sich ein wenig an, als wäre die Welt ein kleines bisschen besser“, erinnert sich der Schweizer. Heute sieht er es anders und wiederholt ein russisches Sprichwort: „Wer den Wolf liebt, der kennt ihn nicht.“
Ein Wettrüsten mit dem Wolf
Mit der Zahl der Raubtiere stieg in seiner Heimat die Zahl der getöteten Haus- und Nutztiere. „Sogar trotz des immer besseren Herdenschutzes“, sagt Züger. In der Schweiz habe damals etwas begonnen, was er jetzt auch in Ostfriesland beobachte. Züger nennt es Wettrüsten mit dem Wolf. Erst hätten niedrigere Zäune mit Strom ausgereicht, um den Wolf von den Tieren fernzuhalten. Dann lernte der Wolf dazu und sprang drüber. Er tötete und trickste die Schutzhunde aus. Er lernte Schutzesel und Schutzlamas zu überlisten und zu fressen, verschlang Schafe mit Elektrohalsbändern. Als Beweis liefert Züger Bilder – von vorher und die Überreste.
„Die Weidewirtschaft, die unsere Kulturlandschaft geschaffen und ökologisch so vielfältig gemacht hat, war bedroht“, so der Experte. Die Bodenbrüter unter den Vögeln seien immer mehr zurückgegangen. Man hätte die Wahl gehabt, immer höhere Zäune zu bauen oder die Wölfe zu schießen. Die Schweiz entschied sich für die zweite Variante. „Wir können nicht in einer Kulturlandschaft mit einem Wolf leben und so tun, als wäre es Natur“, sagt Züger heute.
Den Zuhörern machte er Mut, durchzuhalten. „Ich habe das Gefühl, dass die Problematik der Politik immer bewusster wird“, sagt er. Als er im Januar im Bundestag sprach, wurde ein Antrag der CDU/CSU-Fraktion diskutiert. Sie forderte ein Wolfsbestandsmanagement nach dem Vorbild von EU-Staaten wie Schweden, Finnland oder Frankreich. Dort gebe es feste Quoten. Marcel Züger ist eher für eine rote Linie. Die umfasst unter anderem den Abschuss der Tiere, die sich nicht verhalten wie Naturwölfe und sich Menschen sowie den Nutz- und Haustieren nähern. „Alle anderen können an Orten weiterleben, die ihnen einen angemessenen Lebensraum bieten“, so der Experte.
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