Hannover  Julia Willie Hamburg: „Gendern ist kein Rechtschreibfehler“

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 21.04.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Plädiert fürs Gendern: Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Foto: Swen Pförtner/dpa
Plädiert fürs Gendern: Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Foto: Swen Pförtner/dpa
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Julia Willie Hamburg ist Niedersachsens Kultusministerin. Im Interview spricht die 36-jährige Grünen-Politikerin über ihre neue Aufgabe und erklärt, warum sie konsequent gendert, dies aber nicht von Lehrern und Schülern verlangt.

Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg spricht sich dafür aus, dass Lehrkräfte im Unterricht gendern, wenngleich das Land hier keine rechtlichen Vorgaben mache. „Aber es ist eben auch nicht verboten, vor Klassen gendergerecht zu sprechen, sondern ich persönlich befürworte das sogar“, sagte Hamburg im Interview mit unserer Redaktion. Die Grünen-Politikerin fügte hinzu, dass Schüler in Klassenarbeiten in dieser Frage freie Hand hätten, wies aber darauf hin, dass eine gendergerechte Schreibweise „ausdrücklich nicht als Rechtschreibfehler zu werten“ sei.

Überdies erklärte Hamburg, dass sie den Lehrerberuf für so attraktiv halte, dass sie sich selbst hin und wieder frage, warum sie nicht Lehrerin geworden sei. „Der Beruf ist zwar herausfordernd und anstrengend, aber auch im positiven Sinne spannend und anspruchsvoll. Man bereitet junge Menschen auf die Zukunft vor und bekommt dadurch unheimlich viel zurück.“

Diese Sichtweise teilten offensichtlich auch viele engagierte Menschen, denn in Niedersachsen gebe es aktuell so viele Lehrerinnen und Lehrer wie nie zuvor. „Wir brauchen zwar noch mehr Lehrkräfte und daran arbeite ich mit Hochdruck. Dabei ist es aber nicht hilfreich, diesen tollen und beliebten Beruf schlechtzureden“, betonte die Ministerin.

Laut Hamburg muss es gelingen, die Schulen künftig besser auf die Schnelllebigkeit vorzubereiten. „Während Schüler ihre Hausaufgaben mithilfe von komplexen Computerprogrammen und künstlicher Intelligenz wie ChatGPT bearbeiten, haben manche Lehrer Schwierigkeiten, eine digitale Tafel zu bedienen. Es kommen halt in großer Geschwindigkeit neue Herausforderung auf die Schulen zu.“

Frage: Frau Hamburg, wann waren Sie zuletzt in einer Schule?

Antwort: Das ist gar nicht lange her: Am vergangenen Freitag.

Frage: Und wenn Sie sich da so umschauen und Einblicke in den Schulalltag erhalten: Würden Sie mit den Lehrern von heute tauschen wollen?

Antwort: Warum nicht? Ich frage mich tatsächlich hin und wieder, warum ich nicht Lehrerin geworden bin.

Frage: Ist das Ihr Ernst?

Antwort: Absolut. Der Beruf ist zwar herausfordernd und anstrengend, aber auch im positiven Sinne spannend und anspruchsvoll. Man bereitet junge Menschen auf die Zukunft vor und bekommt dadurch unheimlich viel zurück. Diese Sichtweise teilen offensichtlich auch viele engagierte Menschen, denn wir haben so viele Lehrerinnen und Lehrer in Niedersachsen, wie nie zuvor. Wir brauchen zwar noch mehr Lehrkräfte und daran arbeite ich mit Hochdruck. Dabei ist es aber nicht hilfreich, diesen tollen und beliebten Beruf schlechtzureden.

Frage: Laut einer aktuellen Umfrage sind nur 13 Prozent der Befragten der Ansicht, Kinder und Jugendliche würden in der Schule ausreichend auf das Leben nach der Schule vorbereitet. Wenn das kein Alarmsignal ist.

Antwort: Dass es Defizite im Bereich der Basiskompetenzen gibt, ist unbestritten. Da müssen und werden wir dran arbeiten, weil natürlich die Grundlage für jedes schulische Lernen lesen, schreiben und rechnen ist. Das ist nicht so sehr ein Thema für den Abiturbereich, sondern vorwiegend für den Ausbildungsmarkt. Ohne Frage sind die Umfrageergebnisse aber alarmierend. Es muss uns gelingen, unsere Schulen künftig noch besser auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit vorzubereiten. Während Schüler ihre Hausaufgaben mithilfe von komplexen Computerprogrammen und künstlicher Intelligenz wie ChatGPT bearbeiten, haben manche Lehrer Schwierigkeiten, eine digitale Tafel zu bedienen. Es kommen halt in großer Geschwindigkeit neue Herausforderung auf die Schulen zu. Dennoch ist es so ich, dass das, was Kinder und Jugendliche heute an schulischem Wissen mit auf den Weg bekommen, sehr viel breiter und komplexer ist als das beispielsweise noch zu meiner Schulzeit der Fall war. Daher gibt es keinen Grund für Pessimismus, wenngleich ich auch die Herausforderungen für die Zukunft sehe. Die werden wir aber meistern – auch dank unserer engagierten Lehrerinnen und Lehrer.

Frage: Bleiben wir mal in der Schule: An den Gymnasien laufen derzeit die Abi-Prüfungen. Welches waren Ihre Prüfungsfächer und was für einen Abischnitt hatten Sie?

Antwort: Meine Leistungskurse waren Englisch und Musik, ich hatte zusätzlich Geschichte und Physik als Prüfungsfächer und am Ende einen Abidurchschnitt von 1,5.

Frage: Stichwort Zentralabitur: Halten Sie das nach wie vor für den richtigen Weg?

Antwort: Ein Teil der Aufgaben erfolgt ja zentral und der andere Teil wird von den Ländern zugearbeitet. Das macht auch Sinn, weil jedes Bundesland seine eigenen Schwerpunkte setzt. Bei uns in Niedersachsen werden die Vorschläge von Kommissionen ausgearbeitet, die sich aus unterrichtenden und somit praxisnahen Lehrkräften und erfahrenen Fachleuten zusammensetzen. Da werden zum Beispiel auch Proberechnungen vorgenommen, um zu schauen, ob das von der Zeit her passt. Gleichzeitig wird hier im Kultusministerium dann noch einmal überprüft, ob vom Umfang bis zum Schwierigkeitsgrad alles passt. Dieses Verfahren hat sich im Grundsatz bewährt.

Frage: Bekommen Sie als Chefin des Hauses die Fragestellungen für die einzelnen Fächer dann nochmal vorgelegt?

Antwort: Nein, das läuft allein über die Kolleginnen und Kollegen auf der Fachebene und das ist auch vernünftig so.

Frage: Was auffällt: Sie gendern konsequent. Warum?

Antwort: Weil Sprache die Gesellschaft prägt und mir wichtig ist, dass meine Sprechweise alle mitdenkt und niemanden ausschließt. Wenn jemand „Arzt” sagt, hat man eben nicht automatisch auch eine Frau vor Augen.

Frage: Sollten Lehrer auch immer von Schülerinnen und Schülern sprechen oder kann das jede Lehrkraft halten, wie sie will?

Antwort: Da gibt es vom Land keine Vorgaben, aber es ist eben auch nicht verboten, vor Klassen gendergerecht zu sprechen, sondern ich persönlich befürworte das sogar.

Frage: Und in den Klausuren? Müssen die Schüler gendern oder nicht?

Antwort: Das können die Schülerinnen und Schüler für sich entscheiden. Aber eine gendergerechte Schreibweise ist ausdrücklich nicht als Rechtschreibfehler zu werten.

Frage: Ob Gendersternchen oder Binnen-I: Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich sagt dazu: „Dieses feministische Getue in der Sprache geht mir furchtbar gegen den Strich.” Was entgegnen Sie ihr?

Antwort: Dass ich meine Aufgabe darin sehe, Gesellschaft zu verändern. Und dass ich mir gerade auch von Personen, die Reichweite haben, wünschen würde, dass sie alle Menschen mitdenken, wenn sie adressiert werden. Das ist ein kleiner sprachlicher Kniff, der einen großen Unterschied macht. Das hat für mich nichts mit „feministischem Getue”, sondern mit Respekt zu tun.

Frage: Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Sie den Schulen in Niedersachsen ziemlich freie Hand lassen. Kann bald jeder Schulleitung machen, was sie für richtig hält?

Antwort: Auf gar keinen Fall. Es gibt feste Regeln, die den Rahmen für Vergleichbarkeit bilden. Gleichzeitig sind unsere Schulleitungen sehr gut ausgebildete Führungskräfte, die am besten wissen, was gut für ihre Schule ist. Gleiches gilt für unsere Lehrerinnen und Lehrer, die extrem kompetent sind und ihre Schülerinnen und Schüler nun einmal am besten kennen. Und wenn wir darüber reden, dass Schule junge Menschen möglicherweise nicht immer ausreichend erreicht, müssen wir reagieren. Dabei können die Schulen und Lehrkräfte mit ihrer Expertise helfen. Daher werde ich einen Prozess starten, um gemeinsam zu analysieren, wo Schulen mehr Beinfreiheit benötigen. Das bedeutet aber keineswegs, dass Schulen machen können, was sie wollen.

Frage: Sie sind jetzt seit etwa einem halben Jahr Kultusministerin von Niedersachsen. Ihr Wunschressort oder wären Sie doch lieber Wirtschaftsministerin geworden?

Antwort: Ich freue mich jeden Tag, dass ich das Amt der Kultusministerin ausführen kann.

Frage: Das ist doch schön. Die Frage war allerdings, ob Sie lieber Wirtschaftsministerin geworden wären?

Antwort: Ich bin gerade sehr glücklich, Kultusministerin zu sein. Hier lässt sich Zukunft so direkt gestalten, wie in keinem anderen Bereich.

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