Betroffener erzählt Der tägliche Rassismus in Ostfriesland
Auch in Ostfriesland gibt es Rassismus – täglich, erzählt Ali Kone. Er berichtet von seinen Erfahrungen. Ostfriesische Vereine wollen gegen Rassismus kämpfen.
Aurich/Moormerland - Auf die Frage, wie oft er Rassismus erlebt, hat Ali Kone eine schnelle und kurze Antwort: „Immer, jeden Tag.“ Dabei wird auch seine Frau Annabel Che Kone emotional. Dass das ein hartes und emotionales Gespräch wird, war von Anfang an klar. Der 39-Jährige stammt von der Elfenbeinküste, lebt seit 22 Jahren in Deutschland und hat in Ostfriesland mit seiner Frau eine Familie gegründet. Er arbeitet bei der Gemeinde Westoverledigen.
Was und warum
Darum geht es: Ali Kone erlebt täglich Rassismus. Mit seinem Verein „Afrikanische Diaspora Ostfriesland“ kämpft er dagegen. Er erzählt von seinen Erfahrungen.
Vor allem interessant für: alle, die von Rassismus betroffen sind oder sich dahingehend weiterbilden möchten
Deshalb berichten wir: Rassismus ist ein Thema, über das gesprochen werden sollte. Die Autorin erreichen Sie unter: d.cordes@zgo.de
„Man hat das Gefühl, dass man alleine dasteht“, beschreibt Ali Kone das Gefühl, wenn er Rassismus zu spüren bekommt. „Allein schon der Blick, das tut einfach weh“, erzählt der 39-Jährige weiter. Bei Blicken fängt der Rassismus im Alltag erst an, „dann kommen Worte“ und weiter will er nicht sprechen. So erzählt der Warsingsfehner von einer Situation an einer Tankstelle. Er wollte tanken und fuhr auf das Gelände der Tankstelle. Ein Mann kam ihm entgegen. Als er die Tür aufmachen wollte, sagte der Mann, Ali Kone sei ein Idiot und er solle hingehen, wo er hingehöre.
Alltäglicher Hass ist Normalität
Wie geht man damit um, wenn man täglich mit Hass konfrontiert wird? Darauf hat der 39-Jährige keine richtige Antwort. Für ihn gehöre Rassismus schon zum Alltag. „Er bekommt es manchmal ja gar nicht richtig mit und sagt dann, das sei doch normal“, wirft seine Frau ein. „Man tut stark, um damit umzugehen – aber innerlich tut es schon weh“, erklärt der 39-Jährige.
Ali Kone ist Vorsitzender der Afrikanischen Diaspora Ostfriesland. Ein Verein, der 2017 offiziell gegründet wurde. Doch schon seit 2015 setzt er sich für die Integration von Geflüchteten ein, bietet Unterstützung und organisiert Veranstaltungen, um Geflüchtete und in Deutschland lebende Menschen zusammenzubringen. Der Verein hat 400 Mitglieder. Nicht nur Menschen aus Afrika gehören dem Verein an, manche Mitglieder sind beispielsweise Kolumbianer oder Syrer.
Das macht der Verein
Der Verein organisiert gemeinsam mit der Vita-Akademie einen Sprachkurs für Frauen in Moormerland, die eigentlich keine Berechtigung dafür haben, diesen aber brauchen, um sich in Deutschland verständigen zu können – sei es im Kindergarten oder im Supermarkt. Zudem werden Briefe von Nachbarn und Arbeitgeber gesammelt, um für einen Asylantrag zu beweisen, dass der Geflüchtete sich integriert hat. Seminare organisiert der Verein ebenfalls.
In Planung ist beispielsweise ein Argumentationstraining. Dort sollen die Teilnehmenden lernen, wie sie auf rassistische Äußerungen reagieren können. Annabel Kone erklärt, dass man manchmal gar nicht so schnell wisse, wie man darauf antworten soll. Und dann ist die Situation schon wieder vorbei. Hinterher falle einem dann ein, was man hätte sagen sollen. Das Argumentationstraining sei dafür da, damit genau das nicht passiert.
Integrationsfußball schafft Zusammenhalt
Der Verein lädt zu einem integrativen Fußballturnier am 3. Juni in Heisfelde ein. Das Sportevent findet zum siebten Mal statt. Es bringt Menschen jeder Herkunft näher zusammen. Das Turnier richtet der Verein in Zusammenarbeit mit dem VfR Heisfelde, dem SV Borussia Leer, der Sportjugend Leer und der Integrationsbeauftragten des Landkreises Leer, Anna Kuhn, aus.
Jörg Köhler ist einer der Gründer des Vereins „Aurich zeigt Gesicht“. Der Verein setzt sich für Demokratie, Solidarität und Humanität ein und steht gegen Rassismus. Rassismus im Alltag kommt laut Köhler von allen Seiten. Er spricht von „kleinen Bemerkungen“. So blieb ihm eine Situation in Erinnerung: Köhler hatte erzählt, dass bei schönem Wetter viele Menschen auf dem Auricher Marktplatz waren, in der Eisdiele ein Eis schleckten und die Sonne genossen. Als Antwort hatte er zu hören bekommen: „Das sind die ganzen Ausländer, die unser Geld versaufen.“ Nach dem Motto, sie bekämen alle Geld vom Staat, erklärt Köhler.
Rassismus kann überall auftreten
Darüber sprechen auch Ali Kone und seine Frau. In der Vereinsarbeit geht es oft um eine Arbeitserlaubnis für Geflüchtete, die nur schwer zu bekommen sei. Es sei schon schwer, überhaupt Termine zu bekommen, so Kone, und wenn man es dann fast geschafft hat, seien häufig Fehler in den Unterlagen, sodass sie ungültig sind. „Da hat man das Gefühl, dass eine Strategie dahintersteckt“, deutet Annabel Kone an. Arbeitgeber haben dadurch viel Papierkram und „keine Lust, so lange zu warten“, erklärt Ali Kone. „Dann sieht das natürlich so aus, als würden sie nicht arbeiten wollen“, fügt seine Frau hinzu.
Rassismus begegnen betroffene Menschen nahezu überall – ob bei Behörden, auf offener Straße oder bei der Arbeit. Vereinsmitglieder erzählten von Situationen, in der sie schon komisch angeschaut wurden und Sprüche abbekamen, wenn sie im Pausenraum eine Banane aßen. Als Ali Kone mit seinen Kindern im Supermarkt einkaufen ging, bekam er wieder einen Spruch zu hören. „Ich hab so getan, als hätte ich es nicht gehört“, erzählt der Familienvater, „aber von innen hat es mich aufgefressen.“ Die Kinder fragten dann auch, was los sei. Er erzählte ihnen nicht, was passiert ist.
Das Ehepaar wünscht sich, dass sich mehr Leute aktiv gegen Rassismus einsetzen – einschreiten und etwas sagen, wenn sie etwas mitbekommen. „Die Welt sollte sich ändern“, sagt Ali Kone. Einen Schritt in diese Richtung macht Jörg Köhler. Mit „Aurich zeigt Gesicht“ möchte er die Kurve kriegen und „das ist ganz harte Arbeit“. Rassismus sei in gewisser Weise „im Kopf drin“.