Osnabrück Christian Dawidowski: „Lieber im Internet aufräumen, statt Bücher verbieten“
Zu rassistisch für den Deutschunterricht? Die Debatte um Wolfgang Koeppens Klassiker „Tauben im Gras“ stellt die Frage nach der Zumutbarkeit von Literatur. Literaturdidaktiker Christian Dawidowski protestiert.
Ist Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ zu rassistisch für den Deutschunterricht? Eine Ulmer Lehrerin hat sich geweigert, das Buch in ihrer Klasse zu behandeln. Ihr Argument: Der 1951 publizierte Text enthalte rassistische Begriffe wie das „N-Wort“. In einer von der Lehrerin initiierten Online-Petition wird verlangt, den Roman aus dem Lektürekanon zu entfernen. Die Der Literaturdidaktiker Christian Dawidowski kritisiert die Forderung.
„Bevor wir Bücher verbieten, sollten wir erst einmal im Internet aufräumen. Die junge Generation ist längst nicht mehr an Print orientiert, sondern an digitalen Medien, insofern ist es hinsichtlich der Wertevermittlung deutlich wichtiger, zunächst hier anzusetzen“, fordert der Professor von der Universität Osnabrück eine andere Debatte. Soziale Medien nehmen nach seinen Worten längst einen größeren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen als der Deutschunterricht.
Dawidowski nimmt zugleich den Roman Koeppens in Schutz. Nach seinen Worten kritisiert das Buch gerade jenen Rassismus, der ihm jetzt zum Vorwurf gemacht werde. „Die in dem Roman von Koeppen vorgeführte Haltung halte ich im Kontext der Zeit für absolut vorbildlich. Der Autor plädiert ja für Toleranz und Verständnis. Gerade den Schluss des Buches lese ich als ein Plädoyer für den kulturellen Austausch mit dem schwarzen Amerika. Und das in den fünfziger Jahren“, ordnet der Literaturdidaktiker den Roman ein. Die Ulmer Lehrerin, die die Online-Petition initiiert hat, ist schwarz und sieht sich nicht in der Lage, das Buch zu lesen. Sie hat sich vom Schuldienst beurlauben lassen.
In seinem Roman „Tauben im Gras“ lässt Koeppen eine ganze Reihe von Romanfiguren in 105 kurzen Sequenzen zu Wort kommen. Sie begegnen einander in einer nicht näher bezeichneten deutschen Stadt der Nachkriegszeit. Zu diesen Figuren gehören auch der Tourist Odysseus Cotton und der Soldat Washington Price, beide Afroamerikaner. Koeppens Roman spricht das Problem des Rassismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft an.
Nach Christian Dawidowski gehört der Roman gleichwohl nicht in den Deutschunterricht, allerdings aus anderen Gründen. „Ich würde den Roman von Wolfgang Koeppen nicht im Deutschunterricht behandeln, allerdings nicht aus Gründen des Rassismus. Der Roman ‚Tauben im Gras‘ ist deshalb nicht geeignet, weil er ein immenses literarisches Wissen voraussetzt und so die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern übersteigt“, erläutert der Osnabrücker Professor.
Während der Streit um Koeppens Buch in Baden-Württemberg eine Debatte um angeblich rassistische Literatur im Deutschunterricht ausgelöst hat, plädiert Christian Dawidowski für einen sorgsamen Umgang mit Literatur: „Die Debatten um Texte aus dem Literaturkanon werden weitergehen. In Goethes ‚Faust‘ etwa taucht immer wieder das Wort Weiber auf, das heute diskriminierend wirkt. Was machen wir dann mit diesem Text?“
Im Hinblick auf die aktuelle Debatte um den Roman von Wolfgang Koeppen plädiert Dawidowski dafür, statt des Streits das Gespräch zu suchen und zu führen. „Meiner Ansicht nach artikuliert Koeppens Roman auch den Appell, das Problem des Rassismus in der deutschen Gesellschaft zu lösen. Bei diesem wie bei anderen Büchern geht es immer auch darum, Literatur in ihrem Kontext zu sehen. Das Buch sollte also daher als ein Gesprächsangebot eingesetzt werden, um in einem offenen Gespräch in der Schule gemeinsam Lösungen für gesellschaftliche Debatten zu suchen“, kommentiert der Osnabrücker Professor.
Der Osnabrücker Literaturdidaktiker fordert, literarische Texte grundsätzlich im Hinblick auf ihren historischen Kontext zu sehen. Literatur habe den unschätzbaren Wert, wenn es darum gehe, historische Vergleiche zu ermöglichen: „Literatur spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, historisches Bewusstsein zu entwickeln, also sich in Gedanken und Gefühle von Menschen hineinversetzen zu können, die früher gelebt haben, und dies mit der aktuellen Situation vergleichen zu können“.
Diese Leistung von Literatur habe auf dem Hintergrund der Erfahrung der Corona-Pandemie wieder an Bedeutung gewonnen. Das ist nach Dawidowskis Worten auch für den Deutschunterricht wichtig. „Die Aufgabe einer Persönlichkeitsentwicklung durch und mit Literatur gewinnt nach der Corona-Pandemie wieder an Bedeutung. Die Krise, die Kinder und Jugendliche mit dieser Zeit durchlebt haben, lässt sich nur mit den Krisenlagen der Nachkriegszeit vergleichen“, forderte Dawidowski eine Neubesinnung auf die Möglichkeiten von Literatur im Deutschunterricht.