Berlin Berlin-Blockade hat begonnen: So hat sich die Letzte Generation vorbereitet
In den nächsten zwei Wochen will die „Letzte Generation“ Berlin zum „Stillstand“ bringen. Dafür bereiten sich die Aktivisten in einer Kirche in Kreuzberg vor. An ihrem Protest hält die Bewegung unbeirrt fest. Ein Ortsbesuch.
Mit der Schwere einer Predigt hallen die Worte der jungen Frau durch die Kirche. „Mein Weltschmerz hat mich heute hier hergeführt. Es gibt mir Kraft, meinen Schmerz mit euch zu teilen“, sagt sie ins Mikrofon. Bewusst lässt sie zwischen den Sätzen eine längere Pause. „Lasst uns unsere Gemeinschaft spüren.“ Pause. „Als ich die Letzte Generation kennenlernte, spürte ich vor allem eins: Erleichterung.“ Tosender Applaus und Jubelschreie.
Mittwochvormittag in der St.-Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg, ein prachtvoller Sakralbau aus dem Spätklassizismus. Die Sitzreihen sind gut gefüllt. Hier findet aber kein Gottesdienst statt. Die Klimaaktivisten der Letzten Generation haben in der Kirche ein Treffen organisiert. Es soll der Auftakt sein für eine ganze Reihe von Protesten.
Zuletzt ist es etwas ruhiger geworden um die Umweltbewegung. Nun dürfte aber wieder heftig über sie diskutiert und gestritten werden. Seit Mittwoch versuchen die Aktivisten, die Hauptstadt lahmzulegen, zunächst mit Protestmärschen im Regierungsviertel. Ab Donnerstag soll zwei Wochen lang die komplette Stadt „zum Stillstand“ gebracht werden, mit dem Markenzeichen der Gruppe: Straßenblockaden.
Der Plan fällt in eine interessante Zeit: Am Montag wurden vier Mitglieder in Heilbronn zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Es ist die härteste Maßnahme, die gegen Aktivisten der Letzten Generation bislang ergriffen wurde. In der Gruppe lassen sie sich davon nicht beirren. „Das wird die Menschen eher motivieren, für mehr Klimaschutz zu demonstrieren“, sagt Carla Rochel in der St.-Thomas-Kirche. Sie gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Bewegung.
Aus einem Lautsprecher läuft sanfte Lounge-Musik. Es gibt ein Buffet mit Müsli, Salaten, Brot, verschiedenen Aufstrichen. Tee und Kaffee werden ausgeschenkt. Noch ist die Stimmung wenig kämpferisch, eher feierlich. Vorfreude und Euphorie liegen in der Luft. Rund 300 Aktivisten und Interessenten sind gekommen. Im Vorfeld hatte die Letzte Generation von 500 Teilnehmern gesprochen.
Vom Alter her sind die Teilnehmer sehr durchmischt. Eine Frau hat sogar ihr Baby dabei. Sie sitzen in Gruppen zusammen, quatschen, frühstücken. Einige Vorträge sind angekündigt. Gleich soll es losgehen, doch die Technik funktioniert nicht richtig. „Mach mal lauter“, ruft ein älterer Mann mit zotteligem Haar in Richtung Empore. Das Mikrofon ist zu leise ausgesteuert. Eine Minute vergeht, dann stimmt alles.
Die Teilnehmer sammeln sich in sogenannten „Bezugsgruppen“. Weil sie aus ganz Deutschland angereist sind, werden Schilder hochgehalten. Berlin-West, Hannover, Stralsund. Die Gruppen verteilen sich in allen Ecken der Kirche. In Stuhlkreisen sollen sie sich besser kennenlernen und gemeinsam Fragen besprechen. Die Aktivisten haben sie mit Edding auf Plakate geschrieben. Auch werden die Fragen auf eine Leinwand vor dem Altar projektiert. „Wer bin ich? Was hat mich hier hergeführt? Was löst unsere aktuelle Situation in mir aus?“.
Danach erzählen mehrere Aktivisten, wie sie zu Aktivisten wurden. Darunter ist eine 72 Jahre alte Klangkünstlerin, die sich zunächst ausgeschlossen gefühlt habe von der Gruppe. „Weil die ja immer sagt, dass die Alten an der Krise schuld seien.“ Als die Bewegung immer stärker kriminalisiert worden sei, habe sie jedoch den Kontakt gesucht. Sie ist mit Abstand die Älteste, die ins Mikro spricht. Einem jungen Mann versagt kurz die Stimme, als er mit seinem Vortrag anfängt. „Ey, sorry“, sagt er, „ich bin gerade so überwältigt von meinen Emotionen.“
Rhetorisch machen das alle Redner ziemlich gut. Sie wissen, welche Wucht Sprache haben kann, welche Emotionen sie hervorrufen kann. Und sie bleiben ruhig, sie peitschen einander nicht auf. Dass der zivile Ungehorsam das einzige Mittel ist für stärkeren Klimaschutz, darüber sind sie sich hier eh einig. Am Ende ist die Schlussfolgerung immer die Gleiche: „Wir befinden uns im Widerstand gegen ein zerstörerisches System.”
Unter den Anwesenden ist auch Rebecca Marquardt. Sie ist die Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde in Kreuzberg und damit für die St.-Thomas-Kirche zuständig. „Wir unterstützen die Ziele der Letzten Generation“, sagt die 37-Jährige. Daher darf die Gruppe die Räumlichkeiten der Kirche nutzen. Für ihre Entscheidung hat Marquardt von anderen Gemeinden Zuspruch erhalten, aber auch Kritik einstecken müssen. Einer der Vorwürfe: Die Gemeinde in Kreuzberg mache sich mit den „Klimaklebern“ gemein. „Das stimmt nicht, wir haben keine Kooperation mit der Bewegung“, entgegnet die Pfarrerin.
Am Mittag scheint die Sonne auf die Wiese vor der Kirche. Hier wird ein Aktionstraining angeboten. Rund 30 Neugierige haben einen Kreis um Simon gebildet, der ihnen erklärt, was sie bei einem Protestmarsch beachten sollen, worauf sie sich einstellen müssen. Er rattert die Punkte herunter, die wie die aktivistische Interpretation der Zehn Gebote klingen: nur bei Grün auf die Straße, erst dann die Warnweste anziehen, kein Handy mitnehmen, im Schneidersitz von der Polizei abführen lassen, die Beamten nicht anlügen, auf dem Revier nichts unterschreiben. „Und einen Platzverweis bekommt ihr eigentlich immer“, ergänzt jemand. Ernste Mienen im Kreis.
Nach der Einführung sitzt Eureka auf den Treppenstufen vor der Kirche und löffelt Müsli aus einem Kaffebecher. Die 24-jährige Studentin – Dreadlocks, grüne Jacke und tätowierte Beine – hat noch nie an einer Protestaktion teilgenommen. Beim geplanten Marsch durchs Regierungsviertel will sie aber dabei sein. Was geht ihr gerade durch den Kopf? „Ich bin schon etwas nervös, aber ich bin ja nicht alleine.“ Fragt man sie, ob sie nächste Woche auch bei den Straßenblockaden mitmachen will, zögert sie einen Moment, legt den Kopf nach oben, kneift die Augen zu. „Ja!“, sagt sie entschlossen, „das werde ich.“ Dann schlürft sie weiter ihr Müsli. Wer Berlin lahmlegen will, braucht viel Kraft.
Eine halbe Stunde später bricht die Bewegung zu den Protestmärschen auf. Schnell verstauen noch einige Aktivisten ihre Rucksäcke in einem Van und geben ihre Handys ab. Die Berliner Polizei berichtet später von Aktionen an vier Orten. Gegen 18 Uhr ist alles vorbei. Der Donnerstagmorgen beginnt mit Sitzblockaden. Die Stimmung ist aufgeheizt. Auf einem Video ist zu sehen, wie Autofahrer die Demonstranten von der Straße zerren. Aber das soll ja nur der Auftakt gewesen sein.