Hamburg  Warum ist die Welt nur noch Latte-Macchiato-braun, beige und langweilig?

Julia Falkenbach
|
Von Julia Falkenbach
| 18.04.2023 10:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Leuchtende Farben? Bitte nicht, das passt nicht zur Ästhetik! Foto: Unsplash/Toa Heftiba
Leuchtende Farben? Bitte nicht, das passt nicht zur Ästhetik! Foto: Unsplash/Toa Heftiba
Artikel teilen:

In der Mode regiert die schwarz-weiß-beige Dreifaltigkeit, Wohnungen haben die Gastlichkeit von Laboren und selbst Kinderspielzeug ist in dezenten Tönen gehalten. Wo sind die Farben hin?

Wer Wasserfarben mit Deckweiß mischt, kann binnen kürzester Zeit die Lebensfreude aus einem Bild vertreiben. Wenn aus grasgrün salbeifarben wird, rot zu rosé und babyblau ultramarin ersetzt, wirkt jede Szene wie eine weichgespülte Version ihrer selbst. Wäre diese Pastellisierung der Welt nicht schon langweilig genug, wird sie vom Siegeszug der langweiligsten aller Farben begleitet: beige.

Sie denken, ich übertreibe? Ich wünschte, es wäre so. Ein Blick in die Mode: Seit Jahren ist der sogenannte Scandi-Style angesagt, der nach dem Vorbild hipper Stockholmerinnen oder Osloerinnen schon maritimes Blau als Farbtupfer bewertet. Schwarz, grau, weiß, beige – so gut kombinierbar, so langweilig.

Doch wenigstens passt das Outfit so farblich zur Einrichtung in „neutral aesthetic“.

Damit Sie es sich besser vorstellen können, hier ein Tiktok:

Vom fröhlichen Farbmaximalismus vergangener Jahrzehnte wurde sich schon lange verabschiedet: Statt „Eiche rustikal“ sind es nun eben „creme“, „sand“ und „latte macchiato“, die den Wohnungen der Generation Millennial einen Einheitslook geben.

Es tut mir leid, aber auf so eine schrecklich langweilige, gedeckte Welt habe ich keine Lust! Bloß kein Risiko eingehen, bloß nicht herausstechen, bloß in der Menge untergehen: Warum sollte man das wollen?

Ihren Höhepunkt findet die Pastellisierung der Welt übrigens in der Baby- und Kleinkindabteilung. Kann ein Kind nicht der eigenen Urgroßmutter in Sachen Schnitt und Farbe modische Konkurrenz machen, hat es auf Social Media keine Chancen mehr auf Likes. Gedeckte Farben, große Holzknöpfe, Leinen – bloß nichts zu Aufregendes!

Doch während (auch eintönige) Mode Geschmack sein kann, erlebte die Beige-Manie im vergangenen Sommer einen für mich derart einprägsamen Höhepunkt, dass ich ihn immer noch nicht vergessen konnte. Der Drogeriemarkt um die Ecke bot doch allen Ernstes einen sandfarbenen Sandeimer als Kinderspielzeug an. Hauptsache nicht zu bunt – auch wenn man dafür den Sandeimer zwanzig Minuten am Strand suchen muss, weil das Kind ihn verbuddelt hat. Schließlich wird es Instagram gefallen. Und darauf kommt es an, oder?

Ähnliche Artikel