Wildtiere in Ostfriesland  Landwirte und Jäger schmieden Allianzen gegen den Wolf

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 19.04.2023 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei Jägern und Landwirten steht der Wolf sprichwörtlich auf der Abschussliste. Foto: Hildenbrand/dpa
Bei Jägern und Landwirten steht der Wolf sprichwörtlich auf der Abschussliste. Foto: Hildenbrand/dpa
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Im Landkreis Aurich firmiert sich Protest gegen den Wolf. Eine Großdemo und ein Positionspapier sind die Waffen. Hat die Politik mit ihrer Schutzstrategie die Unterstützung der Bevölkerung verloren?

Ihlow/Aurich - Der Ihlower Tierarzt Hansjörg Heeren hat zu vielem eine klare Meinung, auch zum Wolf: Das Tier gehört einfach nicht in die ostfriesische Kulturlandschaft, findet der Vorsitzende des Friesischen Verbands für Naturschutz. So sieht er es schon, seitdem das erste Tier seine Pfote auf ostfriesischen Boden gesetzt hat. In der Zwischenzeit tauchen Wölfe immer öfter in Ostfriesland auf, reißen Weidetiere und hinterlassen laut Heeren verängstigte Artgenossen und Tierbesitzer. Es wurde genug über den Wolf geredet, findet der Tierarzt und Aktivist. An der Haltung der Politik ändere sich nichts, deshalb sei es Zeit zu handeln.

Was und warum

Darum geht es: Hat die Politik beim Umgang mit dem Wolf die Unterstützung der Bevölkerung verloren?

Vor allem interessant für: alle Menschen, die sich Gedanken um das Miteinander mit dem Wolf machen

Deshalb berichten wir: Mit einer Demonstration in Aurich und einem Positionspapier wollen Jäger und Landwirte Ostfrieslands dem Wolf an den Kragen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Mit einem grimmig die Lefzen hochziehenden Wolf auf der Einladung will der Friesische Verband für Naturschutz deshalb am Samstag, 10. Juni, in Aurich die Menschen zusammenbringen, die das genau so sehen. „Es geht darum, sichtbar zu sein und gemeinsam zu zeigen, dass wir den Wolf hier nicht wollen“, so Heeren. „Die Menschen sollen ihren Unmut äußern können, sie sollen zeigen, wie wütend sie darüber sind, dass sich nichts tut“, fügt er hinzu.

Der Wolf muss weg

„Wir wollen wieder angstfrei leben und arbeiten“ steht auf dem Flyer. Der Wolf ist mit einem dicken roten „X“ durchgestrichen. Panikmache? Tatsache ist, dass es Menschen gibt, die Angst davor haben, dass ein Wolf einmal Menschen anfällt, die nicht mehr mit ihrem Hund im Wald spazieren gehen. Nichts, was bisher gesagt wurde, kann sie beruhigen. Niemand kann Garantien geben, dass nichts passieren wird, sagt auch Heeren. Eine Großdemo soll es deshalb werden. Einen Stapel Unterlagen hat der Verein dafür bei der Stadt Aurich abgegeben, aber eine Rückmeldung gab es bisher noch nicht. „Sie lassen sich Zeit mit der Genehmigung“, sagt Heeren. Aber er glaubt nicht, dass dem Vorhaben etwas entgegensteht. „Die Menschen wollen ihre Meinung sagen“, sagt er, „das darf man ihnen nicht verbieten.“

Der Ihlower Tierarzt Dr. Hansjörg Heeren organisiert eine Großdemonstration gegen den Wolf. Foto: Böning
Der Ihlower Tierarzt Dr. Hansjörg Heeren organisiert eine Großdemonstration gegen den Wolf. Foto: Böning

Dass eine Demonstration der richtige Weg ist, glaubt Gernold Lengert nicht. „Der Effekt ist schnell verpufft und nicht nachhaltig“, sagt der Vorsitzende der Auricher Jägerschaft. Die Auricher Jäger setzen eher auf klare Positionen gepaart mit Druck auf die Politik und haben am Gründonnerstag mit anderen Jägerschaften von Stade bis Leer ein von ihnen initiiertes Positionspapier gegen den Wolf unterschrieben. Wie Heerens Verein ist auch die Jägerschaft jetzt auf der Suche nach Unterstützern. Auch wenn die Herangehensweise anders ist, das Ziel ist dasselbe. Es klingt aus dem Mund von Lengert bloß milder: „Nur weil der Wolf zurückkommt, wird aus einer Kulturlandschaft keine Naturlandschaft“, sagt er und fordert. „Wir müssen es langsam angehen lassen und die Menschen dabei mitnehmen.“

Wolffreie Küsten

Auch die Forderungen der Jägerschaften umfassen den Punkt, den Wolf gezielt durch einen Abschuss aus küstennahen Landkreisen fernzuhalten. Politiker sprechen eher von einer „Entnahme der Tiere“, das klingt vornehmer. Sie tun sich schwer mit dieser Forderung der Jäger, den Schutzstatus des Wolfes zu überprüfen und einem Abschuss zuzustimmen. Das sei aber notwendig, sagt Lengert. Auch er berichtet von toten und traumatisierten Tieren nach einem Wolfsangriff, von nicht mehr zu bändigenden Mutterkuhherden, von Deichschäfern, die nach mehreren Wolfsangriffen aufgeben.

Gernold Lengert ist Vorsitzender der Auricher Jägerschaft, die mit einem Positionspapier und Druck auf die Politik gegen den Wolf angeht. Foto: Böning
Gernold Lengert ist Vorsitzender der Auricher Jägerschaft, die mit einem Positionspapier und Druck auf die Politik gegen den Wolf angeht. Foto: Böning

Die Politik kontert mit 1,4 Meter hohen, unter Strom stehenden Wolfszäunen. Die sind für Lengert keine Lösung. „16 Kilometer solcher Zäune provisorisch an einem dem Wind ausgesetzten Küstenstandort haltbar zu befestigen ist einfach nicht möglich“, so Lengert. Es müssen andere Lösungen her – oder anders gesagt: Der Wolf muss weg, jedenfalls wenn es nach den Jägern geht. Mit der „Auricher Erklärung“ (https://link.zgo.de/TlwlVE) wollen die Jäger die Politiker zwingen, Position zu beziehen, sagt Lengert. Die notwendigen Druckmittel seien in Planung, mehr will er noch nicht verraten.

Landwirtschaft wird unruhig

Auch die Vertreter der Landwirtschaft werden ungeduldig. „Es wurde schon so viel geredet“, sagt Maren Ziegler, Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland. Es sei endlich Zeit, Lösungen zu finden. Die ostfriesischen Kreisverbände stehen laut Ziegler geschlossen hinter der Auricher Erklärung. In Kürze ist ein Termin geplant, um das Papier niedersachsenweit offiziell mit einer Unterschrift zu unterstützen. Der Hauptverein beteiligt sich auf Landesebene schon lange an Gesprächen zum Umgang mit dem Wolf. Eine echte Chance hat das Tier auch bei Ihnen nicht.

Maren Ziegler hat als Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland schon viel über den Wolf diskutiert. Foto: LHV
Maren Ziegler hat als Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland schon viel über den Wolf diskutiert. Foto: LHV

„Ostfriesland muss wolfsfrei bleiben!“ ist auch die Losung im Aktionsbündnis „Aktives Wolfsmanagement“, über das der Hauptverein auf seiner Internetseite informiert (https://link.zgo.de/wCXmca). Hier bemühen sich landwirtschaftliche Verbände, Schaf- und Pferdezuchtverbände und Bürgervereine um eine unkomplizierte „Entnahme“ von Wölfen, angemessene Ausgleichszahlungen und zumutbare Zaunlösungen. Aktuell ist diese Forderung mit dem europäischen Recht nicht vereinbar. Und die große Wolfsdemo? „Dazu haben wir uns noch nicht positioniert“, sagt Ziegler. Noch ist Zeit dafür. Laut Tierarzt Hansjörg Heeren fängt der Friesische Verband für Naturschutz in der kommenden Woche an, Klinken zu putzen und um Unterstützung zu werben. Einen Unterstützer gibt es bereits. Fokko Schumann, Landessprecher der Freien Bauern Niedersachsen, habe die Unterstützung der Gruppierung „Land schafft Verbindung“ zugesagt. „Sie planen eine Sternfahrt von Wittmund, Emden und Leer nach Aurich“, so Heeren.

Was am Ende dabei herauskommt, wird sich zeigen. Die Weidesaison läuft, die gefährliche Zeit hat begonnen. Jäger und Landwirte hoffen, dass der Wolf bald selbst zum Gejagten wird. Noch bleibt die Politik bei ihrer Position, wie ein Anruf beim Umweltministerium des Landes Niedersachsen ergab – die lautet kurz zusammengefasst: Wolfszäune bauen und die Entnahme von auffälligen Wölfen beantragen. „Der Minister hat eine feste Position“, sagt ein Pressesprecher über Christian Meyer (Grüne). Gründe, diese zu ändern, sehe er nicht. Man müsse sich schließlich an die Gesetzgebung halten.

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