Typisierung in Großefehn Wie der Stammzellenspender auch selbst profitiert
Ein Großefehntjer hat im letzten Jahr für einen Mann aus Südeuropa Stammzellen gespendet. Die Unterstützung durch die DKMS sei vorbildlich gewesen, sagt er.
Ostfriesland - Sein genetischer Zwilling lebt in der Türkei. Thomas Müller (Name von der Redaktion geändert) weiß nicht, wo. Vielleicht in der Hauptstadt Ankara, vielleicht aber auch in den Hafenstädten Ucari oder Anamur. Der 47-Jährige wird es nie erfahren. Dabei sind die beiden Männer durch ein mächtiges Band verknüpft: Thomas Müller hat seinem genetischen Zwilling im November 2022 nämlich das Leben gerettet. Er hat mit einer Stammzellenspende dazu beigetragen, dass sich der leukämiegeschwächte Körper des jungen Türken gegen die rasante Überproduktion von weißen Blutkörperchen wehren konnte. Vermittelt wurde dieser Transfer durch die Deutsche Knochenmarkspender-Datei (DKMS), die Typisierungsaktionen organisiert, um Spender und Empfänger zusammenzubringen. Alles passiert anonym. Identitäten sollen geschützt werden. Deshalb erhält der tatsächliche Spender in diesem Artikel auch ein Pseudonym.
Als Thomas Müller im Mai 2022 einen Anruf von der DKMS erhielt, war die acht bis zehn Jahre zurückliegende Typisierung schon stark in Vergessenheit geraten. In dem Telefonat habe man ihm mitgeteilt, dass er unter Umständen für eine Knochenmarkspende in Betracht komme. Es seien weitere mögliche Kandidaten angeschrieben worden. Sprich: Im Hintergrund wurde noch ermittelt, bei wem die Gewebemerkmale am stärksten übereinstimmten. Darauf kommt es nämlich an, auf die Deckungsgleichheit des Systems, das für die körpereigene Abwehr verantwortlich ist. Im Sommer erhielt Thomas Müller dann die Bestätigung, dass er der geeignete Spender ist. Seine Reaktion: „Ich habe mich im Grunde gefreut.“ Er sei sich der Verantwortung bewusst gewesen, die mit seiner Einwilligung in die Knochenmarkspende verbunden war. Das Leben eines anderen Menschen hing jetzt von ihm ab. Es folgten sehr ausführliche Gesundheitsuntersuchungen. „Als ich meiner Hausärztin später die fünf DIN-A4-Blätter mit den Blutwerten ausgehändigt habe, sagte die, dass sie von etlichen dieser Parameter zuletzt während ihres Studiums gehört habe“, erinnert sich Thomas Müller. Für die Untersuchungen habe er in die Klinik fahren müssen, in der später auch die Stammzellen entnommen wurde. Wo dieses Krankenhaus liegt, dürfe er nicht sagen. Das seien die Vorgaben der DKMS.
Zunächst gab es keine Nebenwirkungen
„Wir haben verschiedene Kliniken für die Entnahmen. Wir versuchen natürlich, nach Möglichkeit immer diejenige auszuwählen, die nah am Wohnsitz des Spenders liegt“, sagt Julia Ducardus. Die DKMS-Sprecherin versichert, dass ihre Organisation nach Kräften bemüht sei, die Wünsche der Spender zu berücksichtigen. Thomas Müller bestätigt das. Man habe ihm alles abgenommen, was mit der Organisation der Reisen zu den Kliniken und weiterer Formalitäten zusammenhing, inklusive der Übernahme aller Kosten: „Die DKMS war wirklich nah an mir und meinen Bedürfnissen dran. Es wurde alles getan, um die Spende nicht scheitern zu lassen.“ Er habe sich sehr gut betreut gefühlt. Man habe ihm während der Zeit der Untersuchung und der Knochenmarkentnahme einen festen Ansprechpartner, einen Casemanager zugewiesen.
Vor dem Eingriff selbst hat der 47-Jährige sich fünf Tage lang jeweils zweimal ein Präparat gespritzt, das die Produktion von Stammzellen ankurbelt. „In den ersten zwei, drei Tagen habe ich keine Nebenwirkung gespürt, doch dann stellten sich Gliederschmerzen ein“, sagt Thomas Müller. Das rühre daher, dass das Präparat dem Körper eine Infektion vorgaukelt. Gar keine Beschwerden habe er bei der eigentlichen Stammzellenentnahme gehabt. Im Gegensatz zu früher erfolgt der Eingriff in 90 Prozent der Fälle nicht mittels Vollnarkose und Operation am Beckenknochen, sondern durch eine Art Bluttransfusion. Dabei werden die Stammzellen aus dem Blut gewonnen. Das dauert normalerweise drei bis höchstens fünf Stunden. Thomas Müller selbst hat von den medizinischen Voruntersuchungen profitiert. „Wenn man einmal komplett auf den Kopf gestellt wird und hört, dass grundsätzlich alles okay ist, aber ein paar Dinge auch besser sein könnten, dann bringt einen das zum Nachdenken“, sagt er. Außerdem gehe er jetzt sorgfältiger mit seiner Gesundheit um. Der Effekt: Er habe neun Kilo abgenommen.
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