Urlaub auf Rädern  Wohnmobile sind auch in Ostfriesland schwer zu bekommen

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 12.04.2023 17:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wer für den Sommerurlaub noch ein neues Wohnmobil sucht, hat schlechte Karten. Die Wartelisten der Händler sind lang. Foto: Archiv
Wer für den Sommerurlaub noch ein neues Wohnmobil sucht, hat schlechte Karten. Die Wartelisten der Händler sind lang. Foto: Archiv
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Händler aus dem Landkreis Aurich berichten, warum angehende Wohnmobil-Besitzer länger als ein Jahr auf ihr Wunschgefährt warten müssen. Gibt es Alternativen?

Aurich - Es hatte langsam angefangen: Zu Beginn der Corona-Pandemie konnten auch die Händler in Ostfriesland die Nachfrage nach neuen Wohnmobilen noch befriedigen und schwammen zufrieden auf der Trend-Welle. Grundsätzlich hat die Corona-Pandemie die Nachfrage nach Urlaub auf vier Rädern kräftig angekurbelt und der Branche Rekordzahlen verschafft. Die Auftragsbücher sind noch immer gut gefüllt. Der Umsatz stieg auch 2022 leicht um 0,5 Prozent auf 14,03 Milliarden Euro, wie der Branchenverband CIVD im Januar mitteilte. Das neunte Umsatzplus in Folge.

Was und warum

Darum geht es: Reisen im Wohnmobil – ein Corona-Dauertrend kommt ins Stocken. Aber nicht wegen der sinkenden Nachfrage. Den Herstellern sind schlicht die Teile für die Neufahrzeuge ausgegangen.

Vor allem interessant für: alle, die jetzt noch nach einem neuen oder gebrauchten Wohnmobil suchen

Deshalb berichten wir: Die Redaktion hatte erfahren, wie problematisch der Wohnmobilmarkt geworden ist und nachgefragt.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Trotzdem ist nicht alles rosig in der Welt der Wohnmobile und Wohnwagen. Schon Ende 2020 erwischte die Pandemie auch die Lieferketten dieser coronasicheren, autonomen Urlaubsvariante. Teile waren nicht lieferbar oder steckten in Staus auf den Meeresautobahnen fest, erinnert sich Thorsten Kruse von Auto-Freizeit-Kruse in Upgant-Schott. „Inzwischen haben Wohnmobile so lange Lieferzeiten, dass ein jetzt bestelltes frühestens Mitte 2024 geliefert werden kann“, sagt er und fügt ein wenig bitter hinzu: „Ohne Preisgarantie.“ Rabatte geben die Hersteller laut Kruse ebenfalls kaum noch.

Die Preise sind stark gestiegen

„So wollen die Hersteller die ohnehin hohen Preise stabil halten, damit sie nicht noch weiter steigen“, sagt er. Kruse setzt für die Zukunft deshalb vor allem auf Reparaturen und Umbauten. Zwar verkauft er weiterhin neue und gebrauchte Modelle, aber „die sind inzwischen so teuer geworden, dass die Mobilisten seltener neue anschaffen, sondern ihre stattdessen besser pflegen und lieber umbauen lassen.“ Hoffnung, dass sich die Situation auf dem Wohnmobilmarkt bald entspannt, hat er im Gegensatz zu seinem Auricher Kollegen Arnd Osterkamp von Wohnwagen Osterkamp im Gewerbegebiet Schirum 1 nicht.

Osterkamp hofft, dass sich die Lieferzeiten zum Ende des Jahres deutlich reduzieren. Noch heißt es aber warten, warten, warten. Einen konkreten Liefertermin gebe es momentan für kein Fahrzeug, so Osterkamp. Viele Händler hätten lange Wartelisten. Auch die Menge der ausgestellten Fahrzeuge sei durch den Engpass stark reduziert. Den Herstellern fehlen Mitarbeiter und die Lieferung von Bauteilen dauert noch immer oft länger als üblich, bestätigt der Branchenverband. Die Industrie hinkt mit ihrem Angebot weit hinter der Nachfrage hinterher. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Branche laut CIVD Rückgänge in der Produktion und bei den Neuzulassungen. Demnach ging die Anzahl der produzierten Wohnmobile und Caravans insgesamt um 1,1 Prozent auf 129.287 Fahrzeuge zurück.

Es fehlen Fahrgestelle

Die Produktion von Wohnmobilen sei wegen des Mangels an Fahrgestellen mit einem Rückgang von neun Prozent besonders stark betroffen, heißt es. Der CIVD führte das ebenfalls auf stockende Lieferketten und Personalmangel zurück. Auch in Ostfriesland ist den Händlern dieses Problem bekannt. „Das betrifft vor allem Marken mit Fiat-Fahrgestell“, sagt Thorsten Kruse. Das seien fast 90 Prozent aller Fahrzeuge. Bei Mercedes sehe es besser aus: „Deshalb wechseln einige Wohnmobilhersteller bereits den Lieferanten“, hat er mitbekommen.

Wie sich die gestörten Lieferketten auf die Produktion auswirken, zeigt laut der Deutschen Presse-Agentur (DPA) das Beispiel des Herstellers Dethleffs aus Isny im Allgäu. Zuletzt standen dort immer wieder die Bänder still, weil Teile fehlten. „Wir sind eine kleine Branche mit sehr spezialisierten Zulieferern“, so ein Sprecher. Das fange mit der Unterlegscheibe an und höre beim Kühlschrank oder Fahrgestell auf. Man könne kein Reisemobil bauen und am Ende erst das Fahrgestell darunter schieben.

Gibt es Hoffnung für Interessenten?

Die Branche schaut trotz der Probleme positiv auf dieses Jahr und unterstützt die Hoffnung von Arnd Osterkamp: „Grundsätzlich glauben wir, dass sich die Liefersituation im Laufe dieses Jahres verbessern wird“, heißt es dort. Noch ist aber von Entspannung nichts zu spüren. Dethleffs bestätige zum Beispiel keine konkreten Daten mehr, weil man nicht planen könne. Angesichts der allgemeinen Teuerung habe das Unternehmen immer wieder an der Preisschraube drehen müssen. Lag ein Fahrzeug früher bei vielleicht 50.000 Euro, seien es heute 15 bis 20 Prozent mehr, so der Sprecher. Ziel sei zwar, die Kosten wieder zu senken: „Man kann aber auch keine Paletten reinlegen und sagen: Bringt eure Matratzen selber mit.“

Auch Hymer aus Bad Waldsee (Landkreis Ravensburg) berichtet laut DPA von Lieferkettenproblemen. „Aus diesem Grund konnten wir, trotz eines hohen Auftragsbestands, unsere Produktionskapazitäten in den letzten zwei Jahren nicht zu jeder Zeit voll ausschöpfen“, teilte Christian Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung, mit. Der Hersteller sei wegen gestiegener Preise auch gezwungen gewesen, „einen Teil dieser Preissteigerungen an unsere Kunden weiterzugeben“, so Bauer.

So findet man mit Glück sein Wunschmobil

Auch auf dem Markt für gebrauchte Wohnmobile zogen die Preise nach Daten von Online-Handelsplattformen deutlich an. So verzeichnete die Plattform mobile.de zum November 2022 einen Preissprung von 19,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die Nachfrage zog demnach weiter an: Die Zahl der Aufrufe je Inserat stieg um 8,3 Prozent und die Zahl der Tage, die ein Inserat online stand, verringerte sich um 13,2 Prozent. Von einer ähnlichen Entwicklung berichtet das Portal Autoscout24. Auch bei den Preisen ging es auf der Plattform deutlich nach oben: Kosteten gebrauchte Wohnmobile im Dezember 2021 im Schnitt noch 53.600 Euro, waren es im Dezember 2022 schon 67.700 Euro.

Wer sein Fahrzeug verkaufen wolle, habe jetzt über die Kleinanzeigen die besten Chancen, sagt Thorsten Kruse. Länger als ein paar Tage sei selten ein Inserat online. Für neuere gebrauchte Modelle empfehle er auch seinen Kunden den Blick in die Kleinanzeigen. Nur ältere Modelle, die schon viele Kilometer auf dem Tacho haben, sollten lieber beim Fachhändler gekauft werden. Wer keine Zeit hat zu warten und ein neues Wohnmobil haben möchte, muss laut Kruse nehmen, was er bekommen kann. „Anders geht es uns Händlern auch nicht“, sagt Kruse und lacht.

Auf der Suche nach dem Wunschmobil müssen ungeduldige Interessenten die Angebote in ganz Deutschland im Blick haben. „Wer ein Modell seiner Wahl gefunden hat, darf nicht zu lange überlegen, sonst ist es weg“, so Kruse. Bei einem Kauf beim Händler solle man unbedingt eine Service-Garantie fordern. Denn nicht nur die Wohnmobile seien knapp, auch beim Service kämen die Werkstätten kaum hinterher.

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