Osnabrück Tatort „Verborgen“: Ein Klasse-Tatort, der eigentlich kein Krimi ist
Wotan Wilke Möhring feiert heute Abend als Ermittler Thorsten Falke beim Tatort mit der Folge „Verborgen“ sein Zehnjähriges. Eigentlich ist es gar kein Krimi, aber höchst sehenswert.
Irgendwie ist er immer noch so etwas wie „Der Neue“ beim Tatort – und tatsächlich wirkt er gemessen an Langzeit-Kommissaren wie Ballauf und Schenk, Batic und Leitmayr, Odenthal oder Borowski noch ein bisschen grün hinter den Ohren. Dennoch: Wotan Wilke Möhring feiert in der Rolle des Bundespolizei-Ermittlers Thorsten Falke an diesem Sonntag mit der Folge „Verborgen“ sein zehnjähriges Jubiläum. Und das mit einem Film, der eigentlich gar kein Krimi ist, sondern eher eine höchst sehenswerte Milieustudie.
„Die Geschichte ist mir sehr ans Herz gegangen. Beim Spielen schossen mir manchmal die Tränen in die Augen. Dieser Film bedeutet mir sehr viel. Denn ich fühle mich wie Jon.“ Das sagt im Senderinfo der Mann, der diesen Jon Makoni darstellt – der deutsch-simbabwische Schauspieler Alois Moyo (56). Und fügt hinzu: „Dieser Tatort erzählt auch meine Geschichte, und ich finde es gut, dass sich jetzt Millionen Zuschauer ein Bild davon machen können, wie schwer es für Geflüchtete ist, ohne Papiere in Deutschland zu leben.“
Jon Makoni und seine Frau Hope (Sheri Hagen) suchen ihren 17-jährigen Sohn Noah. Alle drei leben seit Jahren ohne Papiere in Hannover, erledigen für einen Hungerlohn Arbeiten, die kein Deutscher machen will, sind ständig auf der Hut vor den Behörden und der Polizei. Denn jede falsche Aufmerksamkeit kann für sie die Abschiebung bedeuten. Und nun ist auch noch Noah seit acht Tagen wie vom Erdboden verschluckt.
Zum Krimi wird diese Geschichte, weil im Palettenkasten eines Lastwagens ein toter Schwarzafrikaner gefunden wird. Während allen anderen, die vom Fahrer des Lasters zufällig entdeckt werden, die Flucht gelingt, bleibt er leblos liegen. Der junge Mann, etwa im selben Alter wie Noah, hat offenbar seinen Traum von einer „Weiterreise” nach England mit dem Leben bezahlt. Und er kannte Noah, arbeitete im selben Restaurant in der Küche.
Als Falke und seine Partnerin Julia Grosz (Franziska Weisz) Ermittlungen im Schleppermilieu aufnehmen, treffen sie auf Jon Malkoni, der gegen den Willen seiner Frau auf die Hilfe der Polizei bei der Suche nach dem Sohn hofft. Nach und nach entsteht zwischen Falke und Malkoni so etwas wie ein Vertrauensverhältnis, denn den Bundespolizisten interessiert die Aufenthaltserlaubnis des Afrikaners nicht.
Regisseurin Neelesha Barthel, Tochter einer indischen Regisseurin und eines deutschen Kameramanns, inszenierte bei ihrem Tatort-Debüt anhand des Buchs von Julia Drache und Sophia Ayissi einen einfühlsamen Film über die Geschichte von sogenannten Illegalen in Deutschland. Über eine Familie, die unter dem Radar lebt, die alte Heimat verloren und eine neue nicht gefunden hat und sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält, die mit ihrer akademischen Ausbildung nichts zu tun haben.
Barthel, die die ersten sechs Jahre ihres Lebens in der DDR verbrachte und ihre Karriere als 16-jährige Darstellerin bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten” (GZSZ) begann, macht mit ihrem Film die Unsichtbaren sichtbar. Das ewige „Who done it” reize sie nicht so, sagt die 46-Jährige. „Ich wollte, dass der Film Lebensrealitäten von Randfiguren unserer Gesellschaft erzählt und gleichzeitig spannende Wendepunkte hat.”
Mehr Film: Oscar-Gewinner Edward Berger sieht ARD und ZDF als „letzte Option“
Das hat auch dem Jubilar Wotan Wilke Möhring gefallen: „Für mich war es wichtig zu zeigen: Es gibt diese Menschen, und es sind viele. Der Bauarbeiter, die Küchenhilfe, der Taxifahrer, der Pfleger, die Putzfrau, wir sind umgeben von Papierlosen, die illegal beschäftigt sind, in Unternehmen, die weder einen ordentlichen Lohn bezahlen noch Sozialabgaben entrichten. Sie sind die Profiteure dieser inhumanen Situation. Einerseits verurteilt der Bürger alles, was mit illegaler Einwanderung zu tun hat, andererseits ist er im Alltag vollkommen abhängig von diesen Menschen. Sie leben im Verborgenen, auch weil wir nicht hingucken.”
Und seine Kollegin Franziska Weisz erklärt, dieser Tatort habe ihr die Augen geöffnet: „Die Menschen, die ohne legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland leben, sind keine Illegalen. Sie verfolgen auch keine kriminellen Absichten. Sobald man ihren Aufenthalt legalisiert, können sie ein ganz normales Leben führen, so wie es von ihnen verlangt wird. Sie bereichern sich auch nicht an unserem Sozialstaat, wie manche behaupten. Die Wahrheit ist, sie haben überhaupt keinen Anspruch auf irgendetwas.”
Wem das alles zu schwer ist, muss sich nur ein bisschen gedulden, denn „Verborgen” hat auch seine kleinen humoristischen Highlights. Wie den Witz, den Falke seiner Kollegin während einer Observation erzählt: „Treffen sich zwei Kelten im Schnee…”.
Tatort: Verborgen. Das Erste, 16. April, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen