Identität gestohlen  LKA durchsucht Wohnung von unschuldigem Ostfriesen

| | 11.04.2023 13:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dem Ostfriesen war die Beihilfe zur Computersabotage vorgeworfen worden. Symbolfoto: Pixabay
Dem Ostfriesen war die Beihilfe zur Computersabotage vorgeworfen worden. Symbolfoto: Pixabay
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Ende März stellen Ermittler des hessischen Landeskriminalamts die Wohnung eines 19-Jährigen aus dem Kreis Aurich auf den Kopf. Nun steht fest: Mit den Cybercrime-Vorwürfen hat er gar nichts zu tun.

Aurich/Frankfurt/Wiesbaden - Nach der Durchsuchung der Wohnung eines 19-Jährigen und seines Pflegevaters im Kreis Aurich hat sich herausgestellt: Der junge Mann ist unschuldig – und offenbar Opfer einer Straftat geworden. Am 30. März waren Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) Hessen gegen 6 Uhr mit drei Zivilautos vorgefahren. „Die haben ‚Polizei, Polizei!‘ gerufen, und wir waren noch total verschlafen“, sagt der Pflegevater. Weil er seine Brille nicht getragen habe, habe er den Durchsuchungsbeschluss zunächst nicht entziffern können. Der Vorwurf wurde trotzdem schnell klar: Beihilfe zur Computersabotage. Der 19-Jährige sollte Server für Cyberkriminelle zur Verfügung gestellt haben.

Nun steht fest: Der Vorwurf ist nicht zu halten. „Es ist davon auszugehen, dass das Verfahren in den kommenden Tagen eingestellt wird“, so Sebastian Zwiebel, Pressesprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Er sagt aber auch: „Zum Zeitpunkt der Durchsuchung deutete alles darauf hin, dass der 19-Jährige Teil der Machenschaften sein könnte. Er war Verdächtiger in einem Strafverfahren.“ Dass der Einsatz unangenehm gewesen und in der Nachbarschaft aufgefallen sei, bedauere er. Nun würden Ermittlungen in die andere Richtung aufgenommen, sagt er. Denn: Ganz offenbar hätten Kriminelle die Identität des Ostfriesen gestohlen.

„Ich durfte ohne Begleitung nicht mal mehr auf die Toilette gehen“

„Die Kriminellen haben mich als Geschäftsführer eines Unternehmens angemeldet, aber mit einer falschen Adresse in Duisburg“, sagt der inzwischen Entlastete. Außerdem sollte er Eigentümer einer Immobilie und eines Rechenzentrums in Frankfurt sein. Sein Pflegevater spricht zudem davon, dass der 19-Jährige angeblich 75 Millionen Euro auf einem Konto gehabt haben sollte. Als sechs LKA-Beamte vor der Haustür standen, um drei Stunden lang die Wohnung zu durchsuchen, wussten die beiden Ostfriesen von alledem noch nichts. „Sie haben Handys, Computer und sogar einen Teil meiner Audio-Anlage mitgenommen“, sagt der Pflegevater. „Ich durfte ohne Begleitung nicht mal mehr auf die Toilette gehen.“

Sein Pflegesohn habe der Polizei gegenüber direkt gesagt, dass er unschuldig sei – „und mir war das auch sofort klar“, sagt er. Einen Rechtsanwalt hätten sie trotz der erheblichen Vorwürfe nicht angerufen: „Der Junge hat ja nichts gemacht.“ Zwar spiele er mit seinem PC, aber das Zeug zum professionellen Computer-Kriminellen habe sein Pflegesohn nicht, sagt er. Tatsächlich geht es in dem Fall um viel: Die ZIT wirft den Verdächtigen insbesondere vor, die Infrastruktur für mehrere Angriffe auf die Webseiten der hessischen Polizei und mehrere Unternehmen zur Verfügung gestellt zu haben. Die Polizei hatte ihre zentrale Webseite nach den Attacken aus Sicherheitsgründen mehrere Tage lang vom Netz genommen.

Gibt es eine Entschädigung?

„Ja, ich bin Gamer“, sagt der 19-Jährige. Entsprechend sei er auch in Foren und auf Internetseiten unterwegs, die sich mit Computerspielen beschäftigten – allerdings nicht auf illegalen. Er wisse nicht, woher die Kriminellen seine Daten hätten, sagt aber: „Das Internet wird immer unsicherer. Nirgendwo kann man sich mehr anmelden und sicher sein, dass die Daten nicht gestohlen werden.“ Tatsächlich gibt es immer wieder sogenannte Leaks, bei denen persönliche Daten wie Namen, E-Mail-Adressen und Passwörter abgefischt und auf dem Internet-Schwarzmarkt verkauft werden. Das Bundeskriminalamt nennt als Tipp die Internetseite www.haveibeenpwned.com – dort kann jeder überprüfen, ob seine Daten Teil eines Leaks sind.

Der 19-Jährige soll seine Elektronik jetzt zurückbekommen – doch die Gerüchte hätten im Ort längst die Runde gemacht, sagt er. Bei den Nachbarn sei er schon gewesen, um die Sache richtigzustellen. Die Polizeibeamten hätten ihm gesagt, dass man möglicherweise eine Entschädigung für die Durchsuchung und das Beschlagnahmen der Geräte geltend machen könne, sagt sein Pflegevater. Dafür wolle man sich nun wahrscheinlich doch mit einem Anwalt in Verbindung setzen.

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