Pferdebesitzerin in Hinte  Nach Wolfsangriff bleiben Unsicherheit, Ohnmacht und Sorge

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 10.04.2023 14:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Larissa Glas sorgt sich um ihr Fohlen Zsa Zsa. Das einjährige Tier wurde von einem Wolf schwer verletzt. Foto: Hock
Larissa Glas sorgt sich um ihr Fohlen Zsa Zsa. Das einjährige Tier wurde von einem Wolf schwer verletzt. Foto: Hock
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Vor rund zwei Wochen wurden vier von Larissa Glas‘ Pferden durch einen Wolf verletzt. Wie geht es Halterin und Tieren?

Hinte - Erst seit zwei Monaten ist das einjährige Fohlen Zsa Zsa bei Larissa Glas. Es ist aus guter Abstammung, ein Springer und eigentlich wollte die 34-Jährige Zsa Zsa auch später so reiten. „Aber mit ihr werde ich wohl nie springen können“, sagt die Hinteranerin, die seit gut einem Jahr einen Einstellerbetrieb mit Pferdetraining in Longewehr aufbaut. Zsa Zsa wurde von einem Wolf angegriffen, wurde schwer am Hinterbein verletzt, musste in die Tierklinik. Drei weitere Pferde von Larissa Glas wurden ebenfalls verletzt, Zsa Zsa traf es am schlimmsten.

Was und warum

Darum geht es: Eine Pferdebesitzerin aus Hinte spricht darüber, wie sich ihr Leben und das ihrer Pferde nach einem Wolfsangriff verändert hat.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich dafür interessieren, was in Tierhaltern nach Wolfsangriffen vorgeht.

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie es Larissa Glas und ihren Pferden ergangen ist.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Das Pferd ist schon recht groß, Laien würden Pferd statt Fohlen sagen. Und das Tier ist verängstigt, lässt kaum jemanden an die Wunde, die immer noch, zwei Wochen später, deutlich zu sehen ist. Dafür sucht es die Nähe zu Larissa Glas, sobald sie den großen Offenstall mit der angrenzenden Weide betritt, der direkt an ihr Haus grenzt.

Achtung, der Artikel enthält ein Bild von einem verletzten Pferd.

An Schlaf ist kaum zu denken

„Mir geht es bescheiden“, sagt Larissa Glas. Seitdem sie ihre verletzten und verängstigten Pferde vorfand, schläft sie kaum noch. „Ich bin eigentlich nur am Aufpassen, gehe meistens erst so gegen 5 Uhr morgens ins Bett. Aber eigentlich bringt es ja auch nichts“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Während des Gesprächs stehen eine Wärmebildkamera und eine leistungsstarke Taschenlampe auf dem Tisch. Neuanschaffungen, teure Neuanschaffungen.

Regelmäßig ist Glas nun nachts unterwegs, schaut mit Wärmebildkamera auf die benachbarten und die eigenen Weiden. Sie sucht: den Wolf. Am Abend nach dem Vorfall habe eine befreundete Züchterin den Wolf wieder in der Nähe gesehen. Auch Glas ist sich sicher, das Wildtier drei Tage später nachts mit einer geliehenen Wärmebildkamera gesehen zu haben. „Aber die war nicht so gut, die Kamera“, sagt sie. Deswegen die Neuanschaffung.

Larissa Glas rüstet technisch auf

Auch Wildkameras habe sie installiert, zudem will sie Überwachungskameras aufbauen. Auch, wenn sie weiß, dass es vielleicht gar nicht viel bringt. „Was will ich denn machen, wenn der Wolf wieder auftaucht?“, fragt sie. Es sei die Unsicherheit, die sie so mitnehme, die dafür sorge, dass „es mit Schlaf mager ist“, dass sie hochschrecke, sobald sich abends oder nachts das Handy rührt.

Eine Unsicherheit, gepaart mit Ohnmacht. Wird der Wolf wiederkommen? Wird er wieder ihre Pferde angreifen, obwohl es immer hieß, dass der Wolf keine großen Pferde angreife? Alle vier verletzten Tiere hatten ein Stockmaß von mindestens 1,50 Metern. Wird sich ein Wolf gar in Hinte und Umgebung niederlassen? Für Larissa Glas quälende Fragen, mit denen sie nicht alleine ist. Nachdem bekannt wurde, dass ihre Pferde von einem Wolf angegriffen wurden, hätten sich viele Pferdebesitzer bei ihr gemeldet, denen ähnliches passiert sei. „Die Unsicherheit ist überall groß.“

Auch ohne Vorfall herrscht Verunsicherung

Das bestätigt auch Anja Sieg aus Ihlowerhörn. „Bei uns stehen drei Großpferde und vier Minishetties. Letztere im Offenstall mit großem Paddock in unmittelbarer von Haus und Scheune, von Tierärzten als Ponyparadies bezeichnet. Doch jetzt habe ich Angst um die Tiere.“ Seit dem Angriff auf die Pferde von Larissa Glas lasse sie zumindest ihre Minishetties im Stall.

So sahen die Wunden kurz nach dem Angriff aus. Foto: privat
So sahen die Wunden kurz nach dem Angriff aus. Foto: privat

Bislang habe es keinen Angriff auf ihre Pferde gegeben, sagt Anja Sieg. „Ich hatte auch lange kein Problem mit dem Wolf“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Aber das habe sich geändert. „Es muss etwas dagegen getan werden, dass sich der Wolf so stark und unkontrolliert verbreitet“, sagt sie. Vor allem müsse sich die Politik regen und auch dafür sorgen, dass es gegebenenfalls eine Handhabe gegen den Wolf gibt. „Viele sind begeistert, dass der Wolf wieder da ist“, sagt sie. Das sei auch in Ordnung, aber man müsse auch über die Kehrseite sprechen.

Kostenbeihilfe deckt nicht alles ab

Bei Pferden sind bislang in Niedersachsen keine besonderen Schutzmaßnahmen gegenüber dem Wolf nötig. „Aber so ein Wolfszaun bringt auch nicht mehr als die neuen Zäune, die ich hier habe“, ist sich die Pferdebesitzerin sicher. Stromführend seien sie, deutlich höher als Wolfszäune. „Wir wissen leider nicht, wie der Wolf reingekommen ist“, sagt sie.

Dass es ein Wolf war, war allerdings schnell klar. Schon vor Ort bestätigten die Wolfsberater das, so ist es auch beim Niedersächsischen Umweltministerium gelistet. Das Ergebnis der DNA-Analyse, die Aufschluss darüber geben könnte, welcher Wolf es genau war, ist allerdings noch offen. Aber immerhin bekommt Larissa Glas einen Teil der Tierarztkosten ersetzt: maximal 5000 Euro. „Das deckt gerade einmal die Tierklinik für Zsa Zsa“, sagt sie. Rein wirtschaftlich gesehen sei der ganze Vorfall ein riesiger Verlust.

Aktuell bleiben die Pferde nachts eingesperrt

Aber wirtschaftlich will Larissa Glas die ganze Sache gar nicht sehen. Da geht es ihr wie anderen Tierhaltern, beispielsweise dem Deichschäfer Janko Schneider aus Arle. Die Sätze der beiden gleichen sich. „Es ist emotional so belastend“, sagt die Pferdebesitzerin. „Es hat gerade meine beiden Herzenspferde schlimm erwischt.“ Neben Zsa Zsa noch ihr zehn Jahre altes Kaltblut, welches jetzt meist abseits und apathisch auf der Weide oder im Offenstall stehe.

Aktuell sperre sie ihre Pferde nachts in den Stall. Aber bald, im Sommer, müssen die Tiere wieder auf die Weide. Alles andere sei nicht artgerecht. „Ich weiß nicht, wie das wird“, sagt sie. Denn ohne Stall fehle ihr auch das letzte bisschen Sicherheit in der Nacht. Doch irgendwie wird sie sich wieder daran gewöhnen müssen, dass sie nicht rund um die Uhr auf ihre Pferde aufpassen kann. „So wie jetzt, das ist kein Dauerzustand“, sagt Larissa Glas selbst. Und sie weiß auch: Selbst wenn sie in der Nacht guckt, der Wolf kann „dann auch eine Stunde später da sein“.

„Hier gehört der Wolf nicht hin“

Sie hofft, wie so viele andere Tierbesitzer mittlerweile, dass die Politik sich bewegt. Sie wünscht sich ein „Alarmsystem“ für Tierhalter. Irgendetwas, über das man gewarnt wird, wenn sich wahrscheinlich ein Wolf in der Nähe bewegt. „Beim Wolfsmonitoring kann man ja nur melden und nichts sehen“, sagt sie. Mittlerweile ist Larissa Glas Mitglied in mehreren Whatsapp-Gruppen, in denen entsprechende Warnungen rumgehen.

Außerdem wünscht sie sich eine „bessere und realistische Aufklärung“ über den Wolf. Gerade wenn die Population weiter wächst. Und ja, vielleicht wären wolfsfreie Zonen auch eine Möglichkeit. „Ich bin ein wirklich tierlieber Mensch, aber hier gehört der Wolf nicht hin“, sagt sie.

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