Ostfriesischer Schäfer berichtet  Der Wolf griff seine Schafe schon fünf Mal an

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 08.04.2023 09:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der 29-jährige Deichschäfer Janko Schneider war einer der ersten Schäfer in Ostfriesland, der Wolfsrisse zu beklagen hatte. Foto: Hock
Der 29-jährige Deichschäfer Janko Schneider war einer der ersten Schäfer in Ostfriesland, der Wolfsrisse zu beklagen hatte. Foto: Hock
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Janko Schneider ist seit zehn Jahren Deichschäfer in Arle. Vor knapp zwei Wochen verlor er zum fünften Mal Schafe an den Wolf. Zweifel, dass das Wildtier verantwortlich war, hat er nicht.

Arle - Wenn Janko Schneider vom 26. März spricht, muss er immer noch um Fassung ringen. Ein Wolf griff, irgendwann in der Nacht zu diesem letzten Sonntag im März, seine Schafe an. Drei Tiere verlor der 29-Jährige aus Arle an das Wildtier. Es ist bereits das fünfte Mal, dass der Deichschäfer mit diesem Verlust umgehen muss. Wenn man ihn fragt, muss er nicht lange überlegen, so eingebrannt sind die Daten: 2. und 3. Juni 2018, 6. und 13. Dezember 2021, 26. März 2023.

Was und warum

Darum geht es: Der Deichschäfer Janko Schneider aus Arle berichtet, wie es ihm angesichts der jüngsten Wolfsvorfälle geht.

Vor allem interessant für: Nutz- und Weidetierhalter; „Wolfsfreunde“ und „Wolfsgegner“

Deshalb berichten wir: Der Deischschäfer unterstützt die „Auricher Erklärung“ der Küstenjägerschaften. Bei der Unterzeichnung berichtete er von seiner Situation.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Am Gründonnerstag, als die Jägerschaften die „Auricher Erklärung“ abgegeben haben, ist Schneider mit dabei. Auch er als Deichschäfer ist für eine Schutzzone ohne ansässige Wölfe entlang der Nordseeküste. Dort, wo seine Schafe auf den Weiden und den Deichen unterwegs sind. Dort, wo seine Schafe mit zur Deichsicherheit beitragen. Und wenn sich doch ein Wolf hierher verirrt und Nutztiere reißt, „dann muss er am Tag danach liegen“, sagt Schneider.

Achtung, der Artikel enthält ein Bild von getöten Schafen.

Schäfer fühlt sich alleingelassen

Es sind harte Worte. Worte, auch das ist Schneider bewusst, die bei gewissen Menschengruppen nicht gut ankommen werden. Aber Schneider hat, das kann man eindeutig so sagen, die Schnauze voll. Seine Schafe waren die ersten, die in Ostfriesland auf der Liste der Nutztierrisse auftauchen: „Direkt am Deich in der Ostermarsch wurden sie gerissen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Schon vorher hat sich der Deichschäfer Gedanken über die Sicherheit seiner Tiere gemacht. Seit Jahren besucht er eine Veranstaltung zum Thema Wolf nach der anderen. „Es wurde immer versprochen und versprochen, was hilft. Aber alle Herdenschutzmaßnahmen wurden überwunden.“ Es werde den Weidetierhaltern Honig ums Maul geschmiert, beschwichtigt. „Aber es passiert eigentlich nichts.“

Vor zehn Jahren hat Schneider angefangen als Deichschäfer. Damals noch mit der Hoffnung, eine Familientradition zu beginne. „Die Hoffnung hat man ja, dass die Kinder es dann weiterführen“, sagt er. Aber jetzt, „wenn es so weiter geht“, dann könne man die Schafhaltung besser sein lassen. „Dann hat man ein ruhigeres Leben.“

„Dann stehst du da und heulst erstmal ein paar Minuten“

Offiziell bestätigt ist es noch nicht, dass ein Wolf für die toten Schafe am 26. März verantwortlich ist. DNA-Proben wurden entnommen, beim zuständigen Umweltministerium des Landes Niedersachsen ist der Fall „in Bearbeitung“. Die Rissmuster sollen nicht stimmen, so Schneider. Der Deichschäfer hat aber keinen Zweifel daran, wer für seine toten Tiere verantwortlich ist.

Er beschreibt, wie es für ihn am Sonntag vor nunmehr recht genau zwei Wochen war: „Wir saßen gerade am Frühstückstisch, hatten gerade Brötchen geholt. Da kam der Anruf: Bei deinen Schafen ist irgendwas nicht in Ordnung, da stimmt was nicht.“ Sie seien gleich losgefahren, an der Weide habe sie Chaos erwartet. „Da stehst du an der Weide und bist erstmal völlig hilflos. Du kannst ja nichts machen. Dann stehst du da und heulst erstmal ein paar Minuten.“ Dann das Warten auf die Fachleute, auf den Tierarzt, denn erstmal dürfe er als Schäfer gar nichts machen. Dann das Erlösen der Schafe, die der Wolf nicht getötet hat, durch den Tierarzt. Die Aufnahme des Schadens, die Kontrolle der Zäune. Das Wegbringen der toten Tiere. Künftig soll auch der Tierhalter eine Nottötung durchführen können.

Die drei toten Schafe vom 26. März. Beim mittleren Tier ist der Schädel teilweise abgefressen, alle drei Schafe haben Kehlbisse. Foto: privat
Die drei toten Schafe vom 26. März. Beim mittleren Tier ist der Schädel teilweise abgefressen, alle drei Schafe haben Kehlbisse. Foto: privat

Der Schrecken sitzt tief. Noch Tage später würde sein Herz wie wild klopfen, wenn morgens das Telefon Sturm klingelt. 150 Euro pro getötetem Tier bekommt Schneider. Dazu noch Tierarztkosten bis zu einem gewissen Grad. Zumindest theoretisch, gesehen habe er davon bislang nichts. Selbst wenn man die emotionale Belastung völlig außer Acht lässt: nicht genug, um den wirtschaftlichen Schaden aufzufangen. 600 Tiere hat Schneider aktuell schon auf der Weide. „Es ist immer ein unsicheres Gefühl, man weiß nie, was am nächsten Tag los ist.“ Eine wolfsfreie Zone und mehr Möglichkeiten der Bestandskontrolle, das wünscht auch Schneider sich.

Politiker sollen „Arsch hochbekommen“

Es ist schwer, genaue Informationen darüber zu bekommen, wie viele Wölfe es in Ostfriesland gibt. Offiziell gibt es nur ein Rudel in Friedeburg und keine weiteren „residenten“ Wölfe. Das sind Wölfe, die sich in einem bestimmten Gebiet niedergelassen haben. Inoffiziell gehen die Jägerschaften, das war bei der Unterzeichnung der „Auricher Erklärung“ zu erfahren, von bis zu zehn Wölfen aus, die sich zumindest regelmäßig in Ostfriesland aufhalten. Nachkommen des Friedeburger Rudels, so die Vermutung.

Ein großes Problem, das sagt auch Schneider, ist, dass die Wölfe auf den eingezäunten Weiden in einen Blutrausch verfallen. „Der tötet für drei Wölfe und frisst dann vielleicht ein Kilo Fleisch“, sagt Schneider mit Blick auf den jüngsten Vorfall. Gegen den Schutz des Wolfes ist der Schäfer dennoch nicht. „Aber wir haben mittlerweile eine Population, da muss er nicht mehr geschützt werden.“ Und genau deswegen müsse die Politik „endlich“ handeln und Wege finden, den Weidetierhaltern eine Zukunftsperspektive zu geben. Bei der Unterzeichnung der „Auricher Erklärung“ sagten die Jäger, es sei schon fünf nach zwölf. „Bei mir ist es schon halb zwei“, sagt Schneider. „Es wird Zeit, dass die Politiker endlich mal ihren Arsch hochbekommen und sich um uns kümmern.“

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