Melle  Was Bettina Tietjen in ihren alten Tagebüchern wiederentdeckt hat

Karsten Grosser
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Von Karsten Grosser
| 05.04.2023 15:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
NDR-Moderatorin Bettina Tietjen liest in Melle aus ihren Tagebüchern. Foto: Sebastian Fuchs
NDR-Moderatorin Bettina Tietjen liest in Melle aus ihren Tagebüchern. Foto: Sebastian Fuchs
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„Früher war ich auch mal jung“ – unter diesem Titel hat die Moderatorin Bettina Tietjen ihre Tagebucheinträge verarbeitet. Im Theater in Melle liest sie am 11. April aus Ihrem Buch. Vorab spricht sie im Interview über aufregende Zeiten, auflebende Erinnerungen und eine Frage, die sie sich selbst stellen würde.

Frage: Frau Tietjen, angenommen, Sie begegnen Ihrem früheren Ich in einer Talkshow: Welche Frage stellten Sie sich?

Antwort: Welchem Ich?

Frage: Suchen Sie sich eines aus.

Antwort: Dann nehme ich die 18-jährige Bettina während ihrer Au-pair-Zeit in Paris. Das war eine wichtige Lebensphase, die mich geprägt hat.

Frage: Was hat sich für Sie dadurch geändert?

Antwort: Alles. Ich kam aus einem sehr behüteten Haus. Bis auf einen Camping-Urlaub in Südfrankreich und einen Schüleraustausch hatte ich nicht viel erlebt. Nun kamen fast täglich neue Bekanntschaften dazu, es war alles wahnsinnig aufregend. Wir waren oft im Theater, oft im Kino, in Galerien und natürlich auch in Bars und Diskotheken. Wir machten das, worauf wir neugierig waren und was ich alles aus Wuppertal nicht kannte. Das Leben stürzte auf meine Freundin und mich ein – und wir haben es aufgesogen. 

Frage: Sie haben Ihre Erlebnisse also nicht nur mit Ihrem Tagebuch geteilt.

Antwort: Ich war zusammen mit einer sehr guten Freundin in Paris. Wir haben praktisch zusammengelebt, weil ich auf der einen Seite der Straße wohnte, sie auf der anderen Seite in einer Au-pair-Familie. Aber trotzdem habe ich eifrig in mein Tagebuch geschrieben. Als ich das alles durchgelesen habe, kamen die Erinnerungen sehr konkret wieder hoch.

Frage: Können Sie sich noch daran erinnern, was der Auslöser war, Tagebücher zu schreiben?

Antwort: Ich kann es mir nur im Nachhinein zusammenreimen, warum ich das gemacht habe. Es fing an mit weltpolitischen Überlegungen. Ich war damals 14. Ich habe mich aufgeregt über Krieg, die Aufrüstung und die Ungerechtigkeit auf der Welt. Das habe ich alles aufgeschrieben. Ich vermute, dass ich zu Hause von meinen Eltern nicht auf alle meine Fragen befriedigende Antworten bekommen habe. Mein Vater pflegte irgendwann zu sagen: „Schluss jetzt, Ende der Diskussion, das wirst du später verstehen.“ Damit war das Gespräch dann beendet. Und ich glaube, dass ich deswegen das Bedürfnis hatte, meine Gedanken und Gefühle schriftlich zu formulieren. 

Frage: Sie haben sich schon als Mädchen nicht abbügeln lassen. 

Antwort: Nein, meine Gedanken mussten irgendwie raus. Ich habe immer sehr ausgefeilt formuliert, nicht mal eben so hingerotzt, sondern ganz ordentlich geschrieben, sehr säuberlich, gut leserlich und durchstrukturiert. Möglicherweise dachte ich schon vorausplanend: Vielleicht liest das ja mal jemand. Bei meinen Lesungen fällt mir immer auf, dass manche meiner Tagebuch-Einträge dramaturgisch aufgebaut sind wie kleine Kurzgeschichten.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Als ich 17 Jahre alt war, habe ich beschlossen, einen Roman zu schreiben. Ich wusste auch schon den Titel: „Bittersüß“. Dann habe ich geschrieben: „Nur der Inhalt muss mir noch zufliegen, ich warte.“ Das finde ich sehr lustig. Dieses Buch gibt es allerdings immer noch nicht. Der Inhalt ist mir bis heute nicht zugeflogen. Ich warte immer noch.

Frage: Haben Sie beim Stöbern in Ihren Tagebüchern auch Menschen entdeckt, die Sie gerne wiedertreffen möchten?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. Einige! Bei meinen Auslandsaufenthalten in den USA und später erneut in Paris sind mir viele Menschen über den Weg gelaufen, zu denen der Kontakt abgebrochen ist und von denen ich nicht weiß, was aus ihnen geworden ist. Bei manchen finde ich es schade, keine Adressen ausgetauscht zu haben. Den einen oder die andere habe ich in den sozialen Medien gefunden. Manchmal musste ich meine Schwester fragen, weil ich zu den Namen kein Gesicht mehr hatte. Und plötzlich sind vergessene Welten wieder neu entstanden.

Frage: Haben Sie von denen jemanden wieder getroffen?

Antwort: In Kontakt stehe ich beispielsweise noch zur ältesten Tochter meiner Au-pair-Familie. In New York gab es ein paar sehr nette Kolleginnen und Kollegen, die ich leider nicht mehr ausfindig machen konnte.

Frage: Gibt es eine Zeitspanne, in die Sie gerne noch einmal zurückreisen würden?

Antwort: Nein. Es war interessant, alles noch mal wieder aufleben zu lassen, aber zurückgehen möchte ich nicht. Nein, das ist ja mein gelebtes Leben. Wenn ich wiedergeboren werden sollte, dann möchte ich etwas Neues erleben, nicht dasselbe noch einmal. 

Frage: Sie haben einmal erwähnt, dass Sie die Jahre von 1987 und 1991 als sehr spannend im Rückblick erachtet haben. Was ist passiert?

Antwort: 1987 war ich ja ein halbes Jahr in New York – eine aufregende Zeit. New York war viel spannender als heute, weil es so explosiv war und brodelte. Eine Stadt, die noch im Aufbruch war. Heute geht es dort sehr zivilisiert und fast schon ein bisschen brav zu. Danach habe ich in Berlin mein Volontariat gemacht. Damals war das die aufregendste Stadt der Welt, die Wende, der Mauerfall – mehr konnte man als angehende Journalistin kaum erleben. Anfang 1991 habe ich dann meinen Mann kennengelernt – da fing eine ganz neue Phase an. Ich bin nach Hamburg gezogen, habe geheiratet, Kinder bekommen.

Frage: Das Ende der Tagebücher?

Antwort: Das Ende der Tagebücher, genau! Als ich meinen Mann kennengelernt habe, habe ich damit aufgehört. 

Frage: Und nun, ein paar Jahre später, kommen Sie das erste Mal nach Melle. Haben Sie schon einen Stellplatz für Ihr Wohnmobil gefunden?

Antwort: Nein, ich komme nicht mit dem Wohnmobil. Viele Leute denken ja, ich lebe nur im Wohnmobil. Nein, ich habe auch feste Behausungen und ich bin auch sehr gerne mal in schönen Hotels. Unser Wohnmobil haben wir erst vor zwei Tagen wieder aus der Scheune geholt. Es wird nun fit gemacht für den Sommer. An Himmelfahrt fahren wir das erste Mal wieder los.

Frage: Zum Abschluss sind Sie mir noch eine Antwort schuldig, Frau Tietjen. Welche Frage stellten Sie Ihrem Au-pair-Ich?

Antwort: Ich würde sie fragen, ob sie glücklich ist. 

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