Emder Chor tritt von der Bühne ab Das letzte Shanty ist noch nicht gesungen
Die Emder Shanty-Gruppe will künftig bei offiziellen Anlässen nicht mehr auftreten. Das hat vor allem Altersgründe. Doch das Ende des Chors ist es noch nicht.
Emden - Der Shantyman und Vorsänger singt mit seiner höchsten Fistelstimme den Refrain. Die Schiffscrew antwortet in tiefem Bass und zieht dabei mit einem Ruck am Tau - etwa beim Anker lichten oder beim Segel setzen. So wird der Shanty- und Arbeitsgesang an Bord der Segelfrachtschiffe des 19. Jahrhunderts und früherer Zeiten geschildert. „Ein Lied ist wie zehn Mann am Tau“, hieß es damals.
Was und warum
Darum geht es: Die traditionsreiche Emder Shanty-Gruppe tritt nach 54 Jahren von der öffentlichen Bühne ab.
Vor allem interessant für: alle, die sich für seemännisches Kulturgut interessieren, und diejenigen, die Chorgesang mögen
Deshalb berichten wir: Die Emder Shanty-Gruppe hatte vor einigen Wochen verkündet, nicht mehr öffentlich aufzutreten. Unsere Redaktion hat darüber mit dem Vorsitzenden und einem weiteren Fachmann gesprochen. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Heute werden Shantys kaum noch an Bord gesungen. Vielmehr begeistern Shanty-Chöre das Publikum auf Seglertreffen, Volksfesten und in Fernsehsendungen. In Emden hingegen könnte das seemännische Kulturgut jedoch bald ganz verschwinden. Die traditionsreiche Emder Shanty-Gruppe, einer der ältesten Gesangsvereine dieser Art in Deutschland, hat sich jetzt von der öffentliche Bühne verabschiedet. Der Chor ist überaltert und findet keinen Nachwuchs mehr. Damit verliert die Seehafenstadt ihre singenden Botschafter. Sie vertraten die Emder Farben auch im In- und Ausland sowie in Fernsehshows.
Es gibt keinen Zukunftsplan
Ihr letztes Lied hat die Shanty-Gruppe allerdings noch nicht gesungen. Der 1969 gegründete Chor wird zwar künftig nicht mehr bei offiziellen Anlässen auftreten, aber sich weiterhin zu Probeabenden im eigenen Vereinsheim an der Schmiedestraße treffen und bei Geburtstagen, Hochzeiten oder anderen privaten Anlässen seine Lieder singen.
„Wir singen weiter, lassen es aber ein bisschen gemütlicher angehen“, sagt Vorsitzender Ulrich Goebel. Der Chor empfinde sich nach wie vor als „große Familie“ und werde diese Gemeinschaft weiterhin pflegen. Einen Plan für die Zukunft gibt es nicht: „Man muss sehen, wie es weitergeht.“
Der letzte Auftritt auf großer Bühne
Den Abschied aus der Öffentlichkeit verkündete Goebel vor wenigen Wochen beim Nautischen Essen in Emden. Der Chor hatte dieses hochrangige gesellschaftliche Ereignis jahrzehntelang begleitet und reißt nicht nur dort eine schwer zu schließende Lücke. Die etwa 280 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung verabschiedeten die Sänger stehend mit minutenlangem Applaus. Es lag viel Wehmut in der Luft. „Es lief uns kalt den Rücken hinunter“, sagt der Vorsitzende. So etwas habe der Chor zuvor „noch nie erlebt“.
Es sieht bislang auch ganz danach aus, dass die Sänger auch bei der offiziellen Eröffnung der Emder Matjestage am ersten Juni-Wochenende nicht mehr auf der Bühne hinter dem Oberbürgermeister stehen werden, wenn der die Heringsspezialität probiert und für gut befindet. Für viele Emderinnen und Emder ist das fast undankbar, denn die Sänger gehörten seit den Anfängen dieses Festes vor mehr als 30 Jahren zu diesem Ritual dazu.
Es war kein leichter Entschluss
Den Entschluss, von der öffentlichen Bühne abzutreten, fasste die Shanty-Gruppe kurz vor dem Jahreswechsel. „Wir haben lange überlegt, und einige wenige waren nicht damit einverstanden“, sagt Goebel. Er begründete die Entscheidung mit dem Alter der noch bis zu zwölf aktiven Sänger. Es liegt im Durchschnitt bei 80 Jahren. Einige der Männer gehen am Stock oder sind auf den Rollator angewiesen. Auf der Bühne gebe das „kein schönes Bild“ mehr ab, sagt Goebel, der selbst 85 Jahre alt ist. „Wir hatten keine andere Wahl“, fügt er hinzu. Er glaube, „dass es der richtige Zeitpunkt war“.
Schon Goebels Wahl zum Vorsitzenden hatte im Herbst 2021 ein Licht auf den Zustand des Chors geworfen. Noch im Alter von 84 Jahren hatte er für dieses Amt kandidiert, weil Vorgänger Klaus Körber nach 28 Jahren ins Glied zurücktreten wollte und sich niemand anders für diesen Job fand. Goebel ist als letzter Sänger seit der Geburtsstunde der Gruppe dabei und hatte in den vergangenen Jahrzehnten als Manager schon immer in der vorderen Linie gestanden. „Es ist mein Kind - von Anfang an“, sagt er. Der Chor sei ihm „heilig“.
Chor pflegte das seemännische Kulturgut
Die Emder Shanty-Gruppe ist einer der wenigen Vereine, die sich ganz der Traditionspflege des ursprüngliche Shantygesangs, also den Arbeitsliedern aus der Zeit der Segelschifffahrt, verschrieben haben. Deshalb sagt man ihr mitunter auch eine gewisse Arroganz nach. Innerhalb des Chors gab es auch immer wieder Strömungen, das Repertoire durch modernere maritime oder volkstümliche Lieder zu erweitern. Das führte zu Konflikten.
Goebel selbst war immer ein Verfechter des Traditionskurses, hat sich aber mittlerweile damit abgefunden, auch anderes als nur echte Shantys zu singen. „Man kann eben nur verkaufen, was der Kunde will“, sagt er.
Verbandspräsident glaubt nicht an den Untergang
Diese Ansicht vertritt auch Hans Rodax. Der Herforder ist Präsident des Fachverbandes Shantychöre Deutschland, dem 135 der deutschlandweit etwa 400 Shantychöre angeschlossen sind. Er habe den Gesangsvereinen bei der Hauptversammlung des Verbandes am vergangenen Wochenende empfohlen, ihr Repertoire teilweise zu modernisieren, zugleich aber auch echte Shantys im Programm zu lassen. So könnte das seemännische Kulturgut erhalten bleiben, meint er.
An ein Sterben der Shanty-Chöre und damit seemännischen Kulturgutes, wie es andere befürchten, glaubt Rodax nicht. Sein Verband habe im vergangenen Jahr sieben Abgänge und sechs Neuzugänge verzeichnet. „Wir sind mit der Entwicklung zufrieden,“ sagt der FSD-Präsident. Die Chöre sollten „den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern erhobenen Hauptes nach vorne gucken und die Leute mit an Bord nehmen.“
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