Tag der Ratte  Fünf Dinge, die man über Ratten wissen sollte

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 04.04.2023 07:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Neele Breuer ist Auszubildende im Tierheim Oldenburg und geht hier mit Ratte Skinner Nase zu Nase. Foto: Ortgies
Neele Breuer ist Auszubildende im Tierheim Oldenburg und geht hier mit Ratte Skinner Nase zu Nase. Foto: Ortgies
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Ratten haben einen schlechten Ruf. An vielem ist aber nichts dran. Wir haben fünf spannende Fakten rund um die intelligenten Nagetiere gesammelt.

Ostfriesland/Oldenburg/Bielefeld - Ratten haben es nicht leicht. In den meisten Horrorfilmen sind sie mindestens Nebendarsteller. Sie sollen die Zuschauer ekeln und erschrecken. Ihr schlechter Ruf haftet ihn auch noch von viel früheren Zeiten an. Sie galten als einer der Hauptverteiler der Pest, obwohl eigentlich ein Floh mitverantwortlich dafür war, dass sich die Krankheit von Ratte auf Mensch übertrug.

Was und warum

Darum geht es: den schlechten Ruf von Ratten und was eigentlich dran ist

Vor allem interessant für: Leute, die sich vor Ratten ekeln und sich eines Besseren belehren lassen wollen, und Tierfreundinnen und -freunde

Deshalb berichten wir: Am 4. April ist Tag der Ratte. Das haben wir zum Anlass genommen, um mit ein paar Vorurteilen zu den putzigen Nagetieren aufzuräumen.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Als sogenannte Kulturfolger sind die Nagetiere schon an der Seite der Menschen, seit die Hausratte wohl zur Römerzeit und vermutlich Mitte des 18. Jahrhunderts auch die Wanderratte von Nordostasien nach Europa mitgebracht wurde. Zum Tag der Ratte, der jedes Jahr am 4. April begangen wird, haben wir fünf Fakten gesammelt, die mit einigen Vorurteilen aufräumen.

1. Sie sind gute Haustiere

In den letzten Jahren kommen vermehrt Familien mit Kindern auf sie zu und interessieren sich für eine Ratte als Haustier, sagt Vivian Baumert. Sie ist die erste Vorsitzende der Rattenhilfe Nordwest, zu der unter anderem eine Pflegestelle in Wardenburg bei Oldenburg gehört. Ist jemand auf der Suche nach einem pflegeleichten Nagetier, dann könnten Ratten Hamster und Mäuse übertrumpfen. Denn: Die eigentlich dämmerungsaktiven Tiere passen sich der Lebensweise ihrer Halter an und können „extrem zahm“ werden, „fast wie ein Hund“, sagt Baumert. Die Tiere sind außerdem sehr intelligent, sagt Benjamin Heyer. Er ist im Tierheim Oldenburg Leiter für das Kleintiere-Revier. Anders als im eher ländlichen Bereich werden in städtischen Tierheimen häufiger Ratten aufgenommen, erklärt er. Einige Ratten haben Spaß an Versteckspielen, an Agility-Training oder Intelligenz-Spielen für Hund und Katze.

Ratte Skinner ist eins von rund 1500 Tieren, die aus einem Haushalt in Altenkirchen (Westerwald) gerettet wurden. Foto: Ortgies
Ratte Skinner ist eins von rund 1500 Tieren, die aus einem Haushalt in Altenkirchen (Westerwald) gerettet wurden. Foto: Ortgies

Was man vor Anschaffung einer Ratte aber bedenken sollte: Die Tiere brauchen viel Platz. Die Tierärztliche Vereinigung empfiehlt bei einem Käfig die Mindestmaße 100 mal 50 mal 100 Zentimeter. In ihrem Leitfaden haben sie weitere Punkte gesammelt. Wichtig: Während Ratten auch gerne Auslauf mögen, sollten sie nicht nach draußen mitgenommen werden, betonen Heyer und Baumert. Als Haustiere werden Farbratten gehalten, die von den Laborratten abstammen. Diese sind lichtempfindlich. „Punks mit Ratten auf der Schulter in der Straße sind Murks“, sagt Heyer. Das sei Tierquälerei, betont auch Vivian Baumert.

2. Sie sind sehr reinlich

Ratten wird gerne nachgesagt, dass sie dreckig und unhygienisch sind. Ähnlich wie beim Schwein liegt dieser Irrglaube aber daran, dass wir Bilder von den Tieren in menschlicher Qual-Haltung oder Umgebung gewöhnt sind. Tatsächlich aber sind beide Tierarten sehr reinlich. Ähnlich einer Katze säubert sich eine Ratte mehrmals am Tag selbst, erklärt Vivian Baumert. „Wenn Ratten dreckig sind, dann sind sie krank.“

Ratten können sehr handzahm werden. Das zeigt Rattenjunge Skinner sehr gut auf dem Arm von Neele Breuer, die im Tierheim Oldenburg eine Ausbildung macht. Foto: Ortgies
Ratten können sehr handzahm werden. Das zeigt Rattenjunge Skinner sehr gut auf dem Arm von Neele Breuer, die im Tierheim Oldenburg eine Ausbildung macht. Foto: Ortgies

Sie nennt das Beispiel eines extremen Falls von „Animal Hoarding“, also ein Tierhorten, bei dem rund 1500 Ratten aus einem Wohnhaus in Altenkirchen (Westerwald) geborgen wurden. „Die waren dann natürlich nicht mehr sauber“, sagt sie. Die Halter hatten nicht verhindert, dass sich die sehr fruchtbaren Tiere in kürzester Zeit enorm fortgepflanzt haben. Drei der Tiere sind derzeit auch im Tierheim Oldenburg, aber schon reserviert. Normalerweise lassen sich Ratten auch an eine „Toiletten-Ecke“ gewöhnen, sagt Benjamin Heyer. Das Tier macht sein Geschäft dann nur noch in einer herausnehmbaren Ecke im Käfig.

3. Sie sind sehr sozial

Obwohl sich Ratten sehr schnell an ihren Haltern gewöhnen und diesen auch anhand von Stimme und Geruch zielsicher erkennen können, sollten sie nicht alleine gehalten werden. Die Tiere sind sehr sozial. Am besten hält man die Tiere in gleichgeschlechtlichen Gruppen mit gemischter Altersstruktur, rät die Tierärztliche Vereinigung. Aber Achtung: Man sollte besser beim rattenkundigen Tierarzt überprüfen lassen, ob das Tier bei Anschaffung auch das Geschlecht hat, das der Verkäufer oder Vermittler angibt.

Ratten können sehr intelligent sein und haben Spaß am Versteckenspielen. Foto: Ortgies
Ratten können sehr intelligent sein und haben Spaß am Versteckenspielen. Foto: Ortgies

In einem sogenannten Clan überlassen stärkere Ratten den schwächeren und Jungtieren den Vortritt beim Fressen, um den Fortbestand der Gruppe zu sichern. Ratten erinnern sich sogar an die Hilfe von Artgenossen und revanchieren sich gleichermaßen, wie eine Studie am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern belegen konnte.

4. Sie werden immun gegen Gifte

Wenn Ratten in Städten überhand nehmen, wird meist das Symptom, nicht aber die Ursache bekämpft - und zwar mit ganz viel Gift. In Deutschland werden pro Jahr rund 870 Tonnen an Giftködern ausgelegt. Stattdessen aber braucht es nachhaltige Rattenmanagement-Methoden, die den Blick auch auf Natur- und Artenschutz richten und Ratten als Teil des urbanen Ökosystems anerkennen – so schon jetzt die Erkenntnis aus den verschiedenen Forschungsprojekten, die auf Arte vorgestellt wurde (zur Mediathek geht es hier). Denn: „Solange eine Nahrungsquelle da ist, kommen Ratten immer wieder“, sagt Vivian Baumert.

Zwei Ratten schauen unter den Sitzplätzen in der Nähe des Emder Blumenpavillons, ob sich noch Essensreste finden lassen. Dort, wo Menschen ihren Müll einfach in die Natur entsorgen, sammeln sich die Nagetiere gerne an. Foto: Hanssen/Archiv
Zwei Ratten schauen unter den Sitzplätzen in der Nähe des Emder Blumenpavillons, ob sich noch Essensreste finden lassen. Dort, wo Menschen ihren Müll einfach in die Natur entsorgen, sammeln sich die Nagetiere gerne an. Foto: Hanssen/Archiv

„Die Rattenproblematik ist menschgemacht“, sagt auch Benjamin Heyer. In Emden beispielsweise mehren sich die Beschwerden über Ratten am Wall auf Höhe des Blumenpavillons. Doch genau dort füttern einige Leute gerne Enten und andere Wildvögel. Das ist nicht nur verboten und schadet den Tieren, sondern es lockt auch die Nagetiere an. Dort, wo die Menschen ihren Abfall einfach in die Natur entsorgen, sammeln sich ebenfalls Ratten. Es braucht also einen langfristig besseren Umgang mit Lebensmittelresten und Abfall. Denn: „Das Gift schädigt auch viele andere Tiere, teilweise welche, die geschützt sind“, sagt Vivian Baumert. Vergiftete Ratten werden von anderen Raubtieren wie Vögeln gefressen, die ebenfalls sterben, sagt sie. Häufig fressen auch andere Tiere wie Igel, Hund und Katze die Giftköder.

Und: Die Ratten, die von den Fallen nicht gleich getötet werden, warnen die anderen. Frisst eine Ratte Gift, schreckt der sterbende Nager die anderen ab, indem er den Köder mit Kot und Urin markiert, sagt Rainer Hutterer, Rattenexperte am Zoologischen Museum in Bonn gegenüber der ARD. In Teilen Nordwestdeutschlands sei die Wanderratte schon unempfindlich gegenüber sogenannten Rodentiziden geworden.

5. Sie werden in Laboren gequält

Weil sie sich schnell fortpflanzen, pflegeleicht sind und keine große Lobby haben, werden Ratten in Deutschland immer noch für Laborversuche verwendet. Laut dem Tierschutzbund sind es schätzungsweise 190.000 Tiere im Jahr. Sie stehen damit an dritter Stelle hinter Mäusen (1,8 Millionen Tiere) und Fischen (260.000). Hunde, Primaten und Katzen bilden das Schlusslicht. 2021 wurden insgesamt 5.058.167 Tiere durch die Tierversuchsindustrie „verbraucht“, so der Tierschutzbund. Knapp jedes fünfte Versuchstier in der EU befand sich 2019 in deutschen Laboren. Damit liegt Deutschland beim Tierverbrauch zum ersten Mal auf Platz 1, noch vor Frankreich und dem Vereinigten Königreich.

Die Tiere werden größtenteils (56 Prozent) für Grundlagenforschung verwendet - etwa in der Medizin, um Volkskrankheiten wie Diabetes, Infektionen, Allergien, Krebs, Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser zu verstehen. Simulationen am Computer oder mit Zellkulturen reichten nicht aus, heißt es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Es werde aber an Ersatzmethoden geforscht, die Tierversuche überflüssig machen sollen.

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