Vermeintlicher Wolf als Gänseschreck Fuchsattrappen sollen in Bingum Wildgänse vertreiben
Jedes Frühjahr dasselbe Spiel: Wildgänse fressen der Familie Jütting aus Bingum das Grünfutter für die Kühe weg. Das trauen sich die gefräßigen Vögel jetzt nicht mehr – dank einer ausgefuchsten Idee.
Rheiderland - Viele Verkehrsteilnehmer, die auf der B 436 unterwegs sind, müssen glatt zweimal hingucken. Was ist das auf der Weide zwischen Bingum und Coldam? Treibt sich dort etwa ein Wolf herum? Wilfried Jütting lacht. „Das sie das im ersten Moment tatsächlich dachten, hab ich schon von vielen gehört“, berichtet der Landwirt. Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Wolf, sondern um eine Fuchsattrappe. Die von weitem sichtbare Silhouette soll helfen, gefräßige Gänse von der Weide fernzuhalten.
Was und warum
Darum geht es: um einen originellen Versuch eines Landwirts, Gänse vom Kahlfressen seines Grünlands abzuhalten.
Vor allem interessant für: Landwirte, die Probleme mit Gänsen auf ihren Ländereien haben und Naturinteressierte
Deshalb berichten wir: Wir haben in Bingum auf Weideflächen die Attrappen entdeckt. Sollen es Wölfe oder Füchse sein? Wir haben nachgefragt, was es damit auf sich hat. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Mit seinem Sohn Christian betreibt Jütting einen landwirtschaftlichen Hof. Die Weiden zwischen der Bundesstraße und dem Emsdeich wird als Grünland genutzt. Wenn das Wetter mitspielt, wird dort viermal jährlich für Silagegewinnung gemäht. Mit dem Grünfutter werden die Milchkühe außerhalb der Weidezeit ernährt. Der erste Grasschnitt, der Ende April oder Anfang Mai gewonnen wird, ist normalerweise am energiereichsten. Daher ist dieses Gras auch bei Gänsen so beliebt. Für die Familie Jütting und ihre Berufskollegen ist das ein Problem. Denn das Rheiderland ist in Europa eines der bedeutendsten Rastgebiete für Wildgänse. Für den Flug in ihre arktischen Brutgebiete fressen sie sich auf den Weiden des Energiereserven an – die Landwirte haben das Nachsehen.
„Wir mussten uns was einfallen lassen“
Die Bauern, die Flächen in Schutzgebieten haben, erhalten zumindest Ausgleichszahlungen. Dafür dürfen sie geschützte Gänse von dort aber nicht vertreiben und sie können ihre Flächen zeitweise nur eingeschränkt bewirtschaften. Für Grünland außerhalb der Schutzgebiete, wie im Fall der Jüttings, gibt es keinen „Schadenersatz“, dafür dürfen die Gänse von dort aber vertrieben werden. „Wir mussten uns was einfallen lassen“, erzählt Jütting. Zunächst haben er und sein Sohn versucht, die Gänse mit rotweißen flatternden Bändern davon abzuhalten, sich zum Äsen auf den Weiden niederzulassen. „Zumindest die einheimischen Gänse hat das aber irgendwann nicht mehr ferngehalten.“ Eine andere Strategie war also gefordert.
„Ich habe gehört, dass Fuchsattrappen helfen sollen“, erzählt Jütting. Entsprechende Modelle gibt es im Internet ab 50 Euro zu kaufen. Der Landwirt wurde stattdessen selbst aktiv. Er besorgte sich eine Schablone, vergrößerte sie auf Fuchslebensgröße und sägte sie aus einer Holzplatte aus. Durch den langen Schwanz wirkt der Fuchs von weitem eher wie ein Wolf. „Aber genau auf den Schwanz reagieren die Gänse, hab‘ ich gehört.“ Denn die Fuchsattrappe sitzt auf einem Stab, der auf der Weide einfach in den Boden gesteckt wird. Der Fuchs funktioniert wie eine Wetterfahne. Er wechselt die Richtung und ist somit bei Wind immer in Bewegung. „Das schreckt die Gänse ab“, ist Jütting überzeugt. Der Prototyp ist seit etwa vier Wochen im Einsatz. In einer Entfernung von 250 Metern hätten sich die Gänse anfangs aber trotzdem weiterhin niedergelassen. „Daher habe ich vier weitere gebaut.“ Seit die aufgestellt sind, hat sein Sohn Christian zumindest keine Gänsescharen mehr beobachtet.
„Die abschreckende Wirkung hält immer nur für eine gewisse Zeit an“
Der aus Leer stammende Gänseforscher Dr. Helmut Kruckenberg, der viele seine Erkenntnisse auch im Rheiderland gewonnen hat, hat so seine Zweifel am langfristigen Effekt der Fuchsattrappen. „Damit lässt sich eine kurzfristige Wirkung erzielen“, ist er überzeugt. Vogelscheuchen wirkten alle gleich: Nachdem die Vögel sich daran gewöhnt haben verpuffe ihre Wirkung.
Die Erfahrung hat auch die Naturrangerin Agnes Ratering gemacht. Sie ist gleichzeitig Vorsitzende des Nabu Rheiderland und bietet für Naturinteressierte regelmäßig Exkursionen zu den Wildgänsen an. „Die abschreckende Wirkung hält immer nur für eine gewisse Zeit an“, hat sie beobachtet. Die Landwirte in den betroffenen Weidegebieten hätten immer wieder neue Vogelscheuchen-Varianten entwickelt: sich drehende Fässer oder im Wind flatternde Bänder oder Flugdrachen zum Beispiel. „Eine Zeit lang standen auf einigen Weiden alte Autowracks“, schildert sie ihre Beobachtung. Sie seien allerdings verschwunden, möglicherweise, weil aus den Fahrzeugen Öl oder andere umweltschädliche Substanzen austreten können.“
Es gebe sogar Versuche zur Gänsesteuerung, unter anderem in den Niederlanden. „Die Gänse werden dorthin geleitet, wo sie nicht so viel Schaden anrichten können“, so Ratering. Doch das Verfahren sei so aufwendig, dass der Kosten-Nutzen-Effekt nicht gegeben sei. Die beste Methode sei es, die Gänse so wenig wie möglich zu stören, damit sie schnell satt sind und den Abflug machen. „Denn bei jedem Verscheuchen verbrauchen die Gänse Energie. Sie bleiben länger, weil sie die verbrauchten Reserven wieder aufgefüllt haben.“ Und das könne eigentlich nicht im Interesse der betroffenen Landwirte sein.