Ausstellungen und Literatur Schaudern, Gruseln, Rätseln – Jever hat jetzt ein Krimimuseum
Krimis gibt es schon seit Jahrhunderten und populär waren sie immer. Denn stets geht es um Mörder, Betrüger und Halunken. In Jever gibt es dazu jetzt ein einzigartiges Museum.
Jever - Henning Mankell, Stieg Larsson, Arne Dahl – schwedische Krimiautoren erfreuen sich bei deutschen Lesern großer Beliebtheit. Doch wer kennt schon Frank Heller? Immerhin der erste erfolgreiche schwedische Krimiautor, er lebte und schrieb allerdings schon um die vorletzte Jahrhundertwende. „Seine Bücher sind witzig, intelligent und ironisch“, sagt dazu Mirko Schädel, der Heller natürlich kennt. Seine erste Begegnung mit den Büchern des Schweden liegt lange zurück: Ein Schüler sei er noch gewesen, berichtet der heute 55-Jährige, als er die Bücher von Heller aus dem Schrank seiner Oma im friesischen Moorhausen zog und anfing, sie durchzuschmökern.
Was und warum
Darum geht es: In Jever macht ein Krimimuseum auf.
Vor allem interessant für: Krimifreunde und Literaturinteressierte
Deshalb berichten wir: Das Museum nimmt seinen Betrieb Anfang April auf, wir haben den Initiator vorher getroffen. Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de
Aus der ersten Begegnung mit älteren Krimis wurde wachsendes Interesse, ein Suchen und Stöbern nach mehr und schließlich eine ausgewachsene Sammelleidenschaft. Schädels Sammlung zählt heute um die 8600 Bücher und umfasst Kriminalliteratur aus mehreren Jahrhunderten, von etwa 1700 bis 1945. Die mit Abstand größte Sammlung dieser Art in Deutschland, sagt Schädel, und zu sehen sein wird sie künftig in seiner Heimatstadt Jever, gleich gegenüber der Kirche. Das Krimimuseum bietet eine Reise in die literarische Unterwelt früherer Jahrhunderte: Grusel, Schaudern, Entsetzen, Spannung – was die Leser früher faszinierte, reizt sie noch heute, so die Annahme. Auch wenn die Geschichten und Helden heute moderner sind, die Schreibstile völlig anders, die Lesegewohnheiten verändert.
Der Mann
Mirko Schädel ist gelernter Schriftsetzer und hat anschließend jahrzehntelang als Grafiker gearbeitet, die meiste Zeit bei Gruner und Jahr in Hamburg. Ohne den Sammler Schädel ist diese Geschichte und auch das Museum kaum zu verstehen, also fängt diese Geschichte auch in Jever an, also eigentlich im Haus der Großmutter in Moorhausen. Wo Frank Heller im Bücherschrank stand. „Ich war natürlich zu klein, um das alles richtig zu verstehen, aber die Bücher haben eine Welt in mir geschaffen, die mir gefallen hat“, sagt er bei einem Besuch in seinem Krimimuseum. Er habe sich eben gut unterhalten gefühlt. Es blieb nicht bei Heller. Es folgten Kafka, Faulkner, Dostojewski, alles schon als Teenager verschlungen. „Lesen ist eine Kulturtechnik, die man auch trainieren kann“, sagt er dazu.
Aber eigentlich lief dann doch alles auf die Kriminalliteratur hinaus. Keine moderne, wohlgemerkt, sondern alte, die frühere Gesellschaften und Lebenswelten widerspiegelt. Moderne Krimis, sagt Schädel selbst, kenne er gar nicht. Beim Zug durch die Antiquariate stieß er oft auf Ablehnung, so etwas führe man nicht, hieß es dann, manchmal gab es vielleicht ein paar Edgar-Wallace-Ausgaben. „Diese Ignoranz, das hat mich geärgert“, sagt er. Und weil ihn offenbar auch eine gewisse Hartnäckigkeit auszeichnet, suchte er und suchte, er fand dies und das, bei anderen Sammlern oder auch in Adels- und Schlossbibliotheken. Und er fackelte nicht lang, zog das mitgebrachte Bargeld aus der Jackentasche und kaufte. Das geht schon seit Jahrzehnten so. „Ich bin Krimisammler geworden, weil ich mir das auch aneignen wollte“, erklärt er.
Der Verlag
Beim Sammeln ist es nicht geblieben. Schädel wollte Bücher auch selbst herstellen und gründete seinen eigenen Verlag. Da war er Anfang 20, hatte einen Freund, der Drucker war, und eine ihm immer noch wohlgesonnene Großmutter in Moorhausen, in deren Haus die beiden ihr erstes Buch druckten. Eine Neuauflage von „Die lange Nacht“ der Schriftstellerin Johanna Moosdorf. Deren Schreibstil habe ihm so gefallen, sagt Schädel.
Er fuhr also nach Berlin, wo die schon betagte Autorin damals lebte. „Ich habe sie in ihrer Wohnung in Charlottenburg besucht, da war sie schon fast blind“, erzählt er. Moosdorf habe ihm Tee angeboten, sich sein Anliegen angehört und war offenbar angetan. Der erste Verlagsvertrag wurde gemacht, das erste Buch verlegt. Rund 100 sollten es über die Jahre werden, bis er seinen Verlag Achilla Presse wieder einstellte. Unter den Titeln sind Geschichten von Herman Melville, von Victor Hugo, auch Gertrude Stein ist dabei. Die meiste Zeit lief der Verlag nebenher, für den Lebensunterhalt sorgte der Job als Grafiker.
Das Museum
Im vergangenen Jahr zog Schädel zusammen mit seiner Frau zurück nach Jever. Und machte sich auf die Suche nach einem Ort für sein Krimimuseum. Er wurde fündig in den Räumen einer ehemaligen Keramikwerkstatt, wo nun der Großteil seiner Bücher steht, in Vitrinen und alten Schrankwänden. Anfassen darf man sie nicht und kaufen kann man sie schon mal gar nicht. Man kann aber einiges lernen über die deutschsprachige Kriminalliteratur, über deren Moden und Trends, und sicher auch über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dieses bestimmte Literaturgenre hervorbrachte.
Schädel bietet dazu jeden Nachmittag drei Führungen an, vormittags ist das Haus geschlossen. Anfang April geht es los. Man kann bei diesen Führungen übrigens auch etwas lernen über das Leben eines Sammlers, der eigensinnig und hartnäckig seine Beute sucht und findet. Schädel erzählt überaus unterhaltsam Anekdoten aus seiner mehr als 30-jährigen Sammelleidenschaft. Die Führungen sind ein erster Schritt. Künftig, wenn das ganze Vorhaben einmal Fuß gefasst hat, soll es auch Lesungen geben. Nicht nur aus alten Krimis. Auf jeden Fall aber aus alten Werken.