Kolumne „Intern“  Interviews sind lediglich ein Abbild der Wirklichkeit

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 31.03.2023 09:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Ein gutes Interview ist eine Kunst. Schon die Einstiegsfrage will wohl überlegt sein und muss den Befragten locken können. Trotzdem entspricht ein Interview in der Regel nicht dem Original-Gespräch.

Lesen Sie auch so gerne Interviews? Der Schlagabtausch zwischen Journalist und Befragtem kann enorm spannend sein. Natürlich nur, wenn beide vom Wissen her auf Augenhöhe sind (was viel Vorbereitung nötig macht) und der Interviewte tatsächlich etwas zu sagen hat. Je klarer die Aussagen umso spannender das Gespräch. Was ich nicht leiden kann, ist im Interview Fakten abzufragen.

Zur Person

Joachim Braun (57) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“ gewählt.

Ich muss Ihnen allerdings gestehen, dass kaum ein Gespräch so stattgefunden hat, wie es dann veröffentlicht wird. Warum? Bis auf ganz wenige Ausnahmen spricht kein Mensch druckreif. Die erste Verfälschung findet statt, wenn der Journalist das Gespräch abtippt (und dabei kürzt und sogar umstellt), die zweite, wenn der Interviewte das Gespräch „autorisiert“. Im Unterschied zu angelsächsischen Ländern ist bei uns gelebte Praxis, dass der Gesprächspartner das Wortlaut-Interview vor Veröffentlichung liest. Das finde ich völlig in Ordnung, wenn inhaltlich nichts verfälscht wird. Auch wenn Paul-Josef Raue, einer meiner Lehrmeister, dies im „Handbuch des Journalismus“ als „einvernehmlich betriebene Irreführung des Lesers“ bezeichnete.

Tatsache ist, „äh“ und „öh“ mag keiner lesen, halbe Sätze auch nicht. Ein Interview muss eben auch flüssig sein - und verständlich. Am schwierigsten sind Politiker in Regierungsverantwortung. Ich erinnere mich an ein Interview mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Bei der Autorisierung pfuschten neun Beamte herum (ausweislich der verschiedenen Handschriften) und glätteten die Aussagen bis zur Unkenntlichkeit. Ich weigerte mich, den Text zu veröffentlichen. Zwei Wochen später bekam ich ihn dann fast ohne Änderungen.

Oder Martin Schulz. Als er SPD-Kanzlerkandidat war, führte ich mit ihm ein sehr persönliches Gespräch. Seiner Wahlkampfzentrale waren die pointierten Aussagen unangenehm. Vor der Veröffentlichung feilschte ich mit dem Pressesprecher stundenlang um jeden Halbsatz. Am Ende fühlte ich mich doch irgendwie betrogen.

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