Schlimme Entwicklung Emder Kinder und Jugendliche schlagen deutlich öfter zu
Die aktuelle Kriminalstatistik zeigt einen besorgniserregenden Trend, der bundesweit zu beobachten ist. Insbesondere Kinder unter 14 fallen dort auf. Die Polizei nennt mögliche Gründe dafür.
Emden - Der Mord an der zwölfjährige Luise aus Freudenberg (Nordrhein-Westfalen) vor etwa zwei Wochen schockte die ganze Nation: Zwei gleichaltrige Mädchen sollen für die Tat verantwortlich sein. Eine von Kindern ausgehende Gewalt dieser Art ist sehr selten, da sind sich Experten einig. Gleichzeitig nimmt aber bundesweit die Zahl der Gewaltdelikte von Personen unter 14 Jahren deutlich zu. Das zeigt auch die Kriminalstatistik in Emden, die am Mittwoch vorgestellt wurde.
Von den rund 1500 Tatverdächtigen insgesamt für alle Kriminalfälle in dem Jahr in Emden, die der Polizei bekannt sind, sind mehr als 300 Tatverdächtige unter 21 Jahre alt. 240 Personen sind davon männlich, 65 weiblich. Das ist zwar nur ein Anstieg um etwa fünf Prozent zum Vorjahr. Doch es gibt im Vergleich zu 2021 deutlich mehr sogenannte Rohheitsdelikte, unter die Raub und Körperverletzung fallen. Diese sind von 43 auf 104 angestiegen. „Bei den Körperverletzungen gibt es einen erheblichen Anstieg, der insgesamt mit dem Anstieg bei den jungen Menschen zu erklären ist“, sagt Stephan Bohlken, Leiter Kriminal- und Ermittlungsdienst in Emden. Insbesondere bei den Unter-14-Jährigen gibt es deutlich mehr Fälle.
Wie haben sich die Zahlen verändert?
Waren es 2021 nur zwei tatverdächtige Kinder in Körperverletzungsfällen, weist die Statistik für 2022 nun 18 auf. Acht Kinder davon sind verdächtig, für eine gefährliche beziehungsweise schwere Körperverletzung verantwortlich zu sein. Damit sind laut Strafgesetzbuch beispielsweise Fälle gemeint, bei denen ein Opfer von mehreren Tätern gemeinschaftlich verletzt oder eine Waffe oder ein „anderes gefährliches Werkzeug“ verwendet wurden. Die Tatverdächtigen-Zahlen bei den gewalttätigen Jugendlichen zwischen 14 und 21 haben sich indes mehr als verdoppelt, auf jeweils mehr als 30.
Bei den Zahlen könnte man einwenden, dass 2021 kein „normales“ Jahr war, sondern geprägt von Corona-Einschränkungen. Im Vergleich mit 2019 aber sieht man ebenfalls einen Anstieg. Damals wurden 699 Kinder und Jugendliche als Tatverdächtige im Gesamtbereich der Polizeiinspektion Leer/Emden ermittelt. Das war schon ein Anstieg um mehr als sechs Prozent zum Jahr davor. Für 2022 liegt diese Zahl nun bei 842 für die Stadt Emden und den Landkreis Leer. 277 sind tatverdächtige Kinder.
Was wird dagegen getan?
Schon früh habe man angesichts der Taten den Schwerpunkt auf junge Menschen gelegt, sagt Stephan Bohlken. Da bei den Körperverletzungs-Delikten meist die Täter schnell bekannt sind, weil das Opfer sie persönlich kennt und benennen kann, kann es schnell in die Beratung gehen. Mit einem Netzwerk aus Polizei, Sozialarbeitern, Jugendamt und anderen Stellen sei man an der Sache dran. In den Schulen, aber auch in den Familien, werde Aufklärungs- und Präventionsarbeit geleistet. „Die Entwicklung ist schlimm, aber die Maßnahmen werden helfen, dass es besser wird“, sagt er. Schon bei der nächsten Kriminalstatistik geht er von einer Besserung aus.
Zum Schutz der Identität der Minderjährigen und weil beispielsweise nicht einzelne besonders betroffene Schulen herausgepickt werden sollen, kreist Stephan Bohlken den hauptsächlichen Tatort der Körperverletzungen auf Nachfrage nur als „im engen Stadtbereich“ ein.
Woran könnte der Gewaltanstieg liegen?
Es sei ein bundesweiter Trend, dass nach der Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche teilweise ein auffälliges Verhalten zeigten, so Bohlken. Deutschlandweit gibt es laut der aktuellen Kriminalstatistik einen Anstieg von 35,5 Prozent bei tatverdächtigen Kindern (93.095), wie die „Welt am Sonntag“ vor der offiziellen Vorstellung der Zahlen berichtete. Das sind deutlich mehr als 2019 (72.890). Als neuen „Trend“ nenne die Statistik, dass Schüler kinderpornografische Video- und Bilddateien in Chatgruppen verbreiten, heißt es dort weiter.
In Emden hat die Stadt früh Workshops gestartet, um die Folgen der Pandemie-Einschränkungen auf die Kinder- und Jugendgesundheit zu untersuchen und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. 25 Prozent der Stadtbevölkerung ist unter 25 Jahren alt. Im Ergebnisbericht heißt es, dass die Emder Expertinnen und Experten das Fazit der Corona-und-Psyche-Studie (Copsy) bestätigen. Kinder und Jugendliche sind von pandemiebedingten Belastungen deutlich stärker betroffen. Die psychische Belastung ist gestiegen. Sozial benachteiligte Familien und Familien mit Migrationshintergrund sind besonders betroffen. Die Mediennutzung ist deutlich gestiegen. Allerdings handle es sich bei dieser Auswahl an Folgen um Lebens- und Problemlagen, die auch schon vor der Corona-Pandemie bestanden, heißt es im Emder Bericht. Sie seien jetzt in der Pandemie nur deutlich sichtbarer geworden.