RTL Bachelor 2023: Der Fake-Kosmos des Kuppel-TVs bekommt Risse
In Folge 5 bricht die Kuppelshow „Der Bachelor“ gleich zwei Tabus. Chiara bekennt sich zur Karriere-Ambition als „Bachelorette“. Und Yolanda zur Periode beim Einzeldate. Warum ist das den Frauen der letzten 12 Staffeln eigentlich nie passiert?
Wenn der Bachelor die Kandidatinnen nicht gerade romantisch in den Bungee-Abgrund stößt, besteht deren Alltag vor allem aus Abhängen. Zwischen Sofa und Sonnenbad erscheinen einem dann schon mal Dinge als Ereignis, die gar keins sind. Die „Bild” zum Beispiel vermeldet gerade diesen „TV-Knüller”: Vor ihrer Teilnahme beim „Bachelor” hatte Chiara sich schon als Bachelorette beworben – und gibt es auch noch zu.
Unter Bachelor-Kandidatinnen gilt sowas als Beweis dafür, dass Chiara nur den Ruhm sucht – und nicht Davids Liebe. Die Liebe eines Mannes also, von dem bei der Bewerbung niemand wissen konnte, ob es nun eher ein Rülzheimer Glatzenträger wird (wie der Bachelor 2014), ein Kickboxer aus dem Jugendknast (Bachelor 2020) oder eben David Jackson, der dieses Jahr dran ist. Genau genommen könnte einen Chiaras „Bachelorette-Bombe“ („Bild“) sogar auf die verrückte Idee bringen, dass diese Frau wirklich einen Mann sucht. Als Bachelorette hätte sie immerhin zwei Dutzend zur Auswahl.
Colleen steht ebenfalls unter Rechtfertigungsdruck, weil sie eine Vorgeschichte im Dating-TV hat. Auch das verfehlt den wahren Aufreger: Viel verstörender als ihre Influencer-Ambitionen ist schließlich, dass sie eigentlich Psychologin ist und wohl sogar Therapeutin werden will. Wie mag man sich fühlen, wenn man endlich einen Therapieplatz bekommt – und dann gleich wieder versetzt wird, weil die Therapeutin in Mexiko Rosen ankreischt?
David können die Karrierepläne der Frauen jedenfalls nicht stören. Er ist der erste Bachelor, der schon vor seiner Staffel selbst als „Content Creator“ arbeitet statt als Mister Germany oder Parkhaus-Investor. Frauen mit einem vergleichbaren Lebensentwurf dürften zumindest bereit sein, ihm nach Dubai zu folgen. Hierhin ist der Bachelor nämlich gezogen, um mit den Stars der Instagram-Welt sommerliche Temperaturen von 45 Grad, ähem, zu genießen?
In den ersten „Bachelor“-Staffeln wurde die Hoffnung auf den Nachruhm noch komplett verschwiegen, aus Angst, die romantische Illusion zu zerstören. Mittlerweile weiß jeder, warum man ins Trash-TV geht. Und im besten Fall verhindert die Influencer-Laufbahn immerhin, dass Menschen in Not an Therapeutinnen wie Colleen geraten. Im Format wird deshalb längst offen über Instagram-Likes gesprochen, auch wenn es meistens darum geht, über die Kritik an der Möchtegern-Influencerin die eigene Echtheit herauszustellen.
Ab sofort ist aber auch das nicht mehr nötig. In Folge 5 der aktuellen Staffel beweist Yolanda nämlich auf eine noch bessere Weise, dass sie ein richtiger Mensch ist. Zum Einzeldate geladen, schreit sie in bleichem Entsetzen. „Ich habe meine Periode! Ich blute! Ich habe Bauchweh!” Wieso hört man diesen Satz in der 13. „Bachelor“-Staffel eigentlich zum ersten Mal? Das muss bei den rund 250 Frauen, die schon durch dieses Format gegangen sind, doch auch vorher mal passiert sein?
Offenbar ist gerade ein weiteres Tabu gefallen. Aber darüber schreibt wieder mal keiner. Dabei Yolandas Perioden-Talk nur zu begrüßen. Den Feministinnen hilft es beim Projekt, die Regel zu enttabuisieren. Und RTL erschließt sich neue Bereiche der werbetreibenden Wirtschaft. Wo ist das Tampon-Product-Placement, wenn man es braucht?
Sendetermin: RTL zeigt den „Bachelor 2023“ immer mittwochs um 20.15 Uhr. Auf dem Streaming-Portal RTL+ ist der Bachelor immer schon eine Woche im Voraus zu sehen.