Berlin  Zwischen Lambrechts Zapfenstreich und King Charles: Zu Besuch beim Stabsmusikkorps

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 27.03.2023 10:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mindestens Doppelwumms: Das Stabsmusikkorps bei der Probe. Foto: Karolina Meyer-Schilf
Mindestens Doppelwumms: Das Stabsmusikkorps bei der Probe. Foto: Karolina Meyer-Schilf
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Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr hat 250 Einsätze im Jahr. Am Dienstag findet der Große Zapfenstreich für Christine Lambrecht statt: Wir waren bei der Probe dabei.

Mittwochmorgen in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin-Tegel: Es sind noch sechs Tage bis zum Großen Zapfenstreich für Christine Lambrecht, und das Stabsmusikkorps muss jetzt proben. Viel Zeit bleibt nicht, das Orchester ist ständig unterwegs und in der folgenden Woche kommt es dreifach dick: Am Montag wird der kenianische Präsident zum Staatsbesuch erwartet, am Dienstag ist der Große Zapfenstreich und Mittwoch kommt auch noch King Charles.

Oberstleutnant Reinhard Kiauka nimmt sich trotzdem Zeit. Der Kapellmeister und Offizier leitet das Stabsmusikkorps seit 2014, ihn kann so schnell nichts erschüttern. In seinem Büro stapeln sich die Aktenordner, „Nationalhymnen“ steht auf einem Ordnerrücken, und damit sind wir gleich beim Thema.

„Die kenianische Hymne haben wir zuletzt 2016 gespielt“, sagt Kiauka. Hier kommt es also nicht nur auf die Probe an, sondern erst einmal auf gründliche Recherche: Denn gerade nach so langer Zeit kann es im Fall von Regierungswechseln durchaus vorkommen, dass sich auch die Hymne geändert hat. Kiauka nimmt dann Kontakt zum Auswärtigen Amt auf und vergewissert sich, dass er auf dem neuesten Stand ist.

Europäische Hymnen wie etwa die französische Marseillaise erklingen deutlich öfter, das liegt in der Natur der Sache. Doch auch in Europa lauern musikalische Fallstricke: Schweden zum Beispiel hat eine Königshymne, die dann gespielt wird, wenn eben der König kommt. Ist aber der Ministerpräsident der Staatsgast, dann muss die Nationalhymne gespielt werden. „Nicht, dass wir dann die falsche Hymne spielen“, sagt er und lacht. „Wir sind als klingende Visitenkarte in der Ehrenformation oftmals das erste, was der Staatsgast von Deutschland sieht“ – und dieser erste Eindruck soll natürlich sitzen.

Für die Musiker des Stabsmusikkorps ist das Alltag. Sie absolvieren rund 250 Einsätze im Jahr, spielen bei Staatsbesuchen, Wohltätigkeitskonzerten und in der Philharmonie. Es sind sämtlich Berufsmusiker, die zumeist an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf ihr Musikstudium absolviert haben. Die Bundeswehr kooperiert dafür seit vielen Jahren mit der Musikhochschule.

Schießen und marschieren gehen müssen sie trotzdem regelmäßig, denn natürlich sind die Musiker auch Soldaten. Im Verteidigungsfall werden sie im Sanitätsdienst eingesetzt.

Los geht es an diesem Mittwochmorgen mit dem Programm für King Charles. Das Orchester probt nur einzelne Stellen, für einen kompletten Durchlauf fehlt die Zeit – und da hier Profis am Werk sind, die ohnehin das meiste vom Blatt spielen, reicht es, die neuralgischen Punkte nacheinander durchzugehen. „Bitte nehmen Sie das Fortissimo nicht zu früh zu wörtlich, da reicht ein gesundes Forte“, lautet Kiaukas Anweisung bei einem Marsch. „Da können wir uns die Kräfte einteilen.“

Und die Kräfte einteilen, das müssen sie. „Laut, transportabel und witterungsbeständig“ – so habe ein Freund mal das Stabsmusikkorps charakterisiert, erzählt in einer kurzen Pause ein Tubist und lacht. Die Musiker spielen oft draußen, bei Wind und Wetter, und müssen dazu auch noch marschieren. „Ob bei 35 Grad oder bei null Grad, wir geben immer unser Bestes“, sagt Kiauka. Auch wenn einem halb die Finger abfrieren und es immer mühsamer wird, die bei Blasinstrumenten so nötige Lippenspannung – im Fachjargon Ansatz genannt – aufrechtzuerhalten.

Auch die Akustik ist mitunter ein Problem, denn es macht schon einen gewaltigen Unterschied, ob man ein Stück im Probenraum, im Konzertsaal oder vor dem Brandenburger Tor spielt.

Auch deshalb eignen sich längst nicht alle Stücke, die sich mancher Politiker oder Militär zu seinem Großen Zapfenstreich wünschen würde. Kiauka übernimmt dann die Beratung und überlegt gemeinsam mit dem zu Ehrenden, was möglich ist. Leider ist der Kapellmeister diskret: Auch auf wiederholte Nachfrage will er nicht sagen, von welchen schrägen Ideen er die eine oder andere Persönlichkeit im Laufe der Jahre schon abgebracht hat.

Was er allerdings nicht verschweigen kann, eben weil es gerade geprobt wird, ist das Programm für den Großen Zapfenstreich von Christine Lambrecht. Überraschenderweise – und auch ein bisschen enttäuschend – ist nichts von Roland Kaiser dabei. Die frühere Verteidigungsministerin hat sich für Trude Herr entschieden: „Niemals geht man so ganz“. Eingerahmt wird das vieldeutige Stück von zwei hessischen Märschen. Ob es Kiauka war, der Roland Kaiser verhindert hat? Der Kapellmeister lächelt höflich, schweigt aber weiter eisern zu den Details.

Unterdessen in der Probe arbeitet sich das Stabsmusikkorps unbeirrt durch die Epochen der Musikgeschichte. Nach einigen Takten Edward Elgar folgt ein Marsch, fast nahtlos geht es mit Trude Herr weiter und dann auch noch Filmmusik. In der einen Minute klingt das Ensemble preußisch-schmissig, in der nächsten wie ein elegantes Tanzorchester. „Viele denken ja bei Militärmusik nur an Marschmusik, dabei macht die etwa zehn Prozent unseres vielfältigen Repertoires aus“, sagt Kiauka später.

Es ist wahrscheinlich die einzige Einheit der Bundeswehr, in der nicht die Auftragstaktik gilt, sondern die Befehlstaktik. Als in der Probe bei einem Marsch etwa die Posaunen mal zu sehr hinlangen, es mit dem Orchester durchgeht, unterbricht Kiauka: „Bitte denken Sie daran, wofür Sie das hier vorbereiten. Machen Sie Musik daraus!“

Was zählt, ist zwar auch hier das Endergebnis, aber bei der Durchführung kommt es schon auf Nuancen an. Die gibt Kapellmeister Kiauka nicht im bellenden Kasernenthofton vor, sondern mit seinem Taktstock. „Der Ton macht die Musik“, sagt er, und dass der Ton im Stabsmusikkorps schon ein anderer sei als in der Truppe. „Wir sind eben auch alle Künstler. Künstler in Uniform.“

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