Berlin Currywurst war gestern: Alles zum Grönemeyer-Album – und zu seiner Release-Party
Herbert Grönemeyer hat sein neues Album „Das ist los“ mit einer Party gefeiert. Wir waren dabei und berichten, wie gut die Songs sind. Und was es bei der Feier zu essen gab.
„Da müssen Sie sich ein bisschen Zeit für nehmen“, heißt es im Berliner Edelrestaurant Lovis, wenn man nach dem Cocktail „Sellerie Erde Kräuter“ fragt. „Der ist kompliziert.“ Kein Problem, Zeit haben wir. Herbert Grönemeyer stellt sein neues Album „Das ist los“ vor; und zwischen dem ersten Margarita und dem Mitternachtssnack liegen viereinhalb Stunden, ein vollständiges „Listening“ der Schallplatte, ein Podiumsgespräch und fünf Gänge vom Feinsten: Grüne-Tomate-Schaum mit Jalapeno-Kern, geschmorte Rinderschulter, Spitzkohl und Cheesecake mit Thaibasilikum. „Currywurst“ war gestern.
Das gilt auch für die Musik. Als Grönemeyer 1982 das Bochumer Säufermenü besang, war er 26 Jahre alt und die Welt noch überschaubar. „Biste richtig down, brauchste wat zu kauen – ne Currywurst.“ Mehr musste man damals nicht wissen. Heute dagegen kennt sich keiner mehr aus. Im neuen Titelsong „Das ist los“ kann der nun 66 Jahre alte Musiker nur noch atemlos aufzählen, was die Gegenwart ihm alles um die Ohren jagt: „Immer wieder Neuanfang, die Welt dreht sich im Schleudergang. Bankenkrise, Emirat, Schuldenbremse, Windkraftpark, Lifehacks, Burnout, Horoskop, cis, binär und transqueerphob.“ Puh! Ganz schön anstrengend, ein Zeitgenosse zu sein.
In viereinhalb Jahrzehnten ist der Junge vom Currywurst-Stand zur nationalen Identifikationsfigur geworden, ein Künstler, der für uns den Gang der Geschichte vertont hat und dessen Schicksalsschläge wir in seiner Musik mit ihm teilen. Das Essen wurde dabei immer besser. Aber selbst das ist inzwischen – siehe den Sellerie-Cocktail – so kompliziert wie alles andere auch. Verrückt übrigens, wie sehr diese Geste an Westernhagens „Zeitgeist“ aus dem letzten Jahr erinnert, wo Grönemeyers alter Kollege ähnlich ratlos auf die Welt blickt. Beide kommen in die Jahre. Und unsere Zeit ist nicht mehr die ihre.
Was macht man, wenn man nicht mehr mitkommt? „Ich habe mir Hilfe geholt“, sagt Grönemeyer auf der Release-Party in Berlin. Einige seiner Songs hat er mit jüngeren Musikern gemeinsam geschrieben: mit Balbina und mit Max Leßmann. Die Haltung des Albums ist trotzdem nicht das Nachfragen, sondern das Erklären. Acht von 13 neuen Liedern adressieren ein Du. (Eins sogar das „wahre Super-Du“.) Teils sind es intime Liebeshymnen. Immer wieder erteilt Grönemeyers Mutmach-Pop aber auch tanzbare Lebenshilfe. „Mal dir deinen Himmel aus“, heißt es in „Genie“. Und der minimalistische Sprechgesang von „Eleganz“ rät: „Zieh dir bloß nicht jeden Schuh an. Barfuß lässt’s sich so gut gehen.“
Einer von Grönemeyers neuen Songs:
Je aktueller die Themen, desto stärker wirkt die Musik dabei aus der Zeit gefallen; am deutlichsten wird das im rhythmischen Schnippsen von „Oh Oh Oh“, mit dem ein selbstkritischer Boomer die Jugend von Fridays for Future anfeuert. Die schönsten Nummern auf „Das ist los“ sind die ohne Zeitbezug, „Der Schlüssel“ etwa und vor allem die Klavierballade „Tau“ in ihrer schutzlosen Traurigkeit. Dass sie Ausnahmen bleiben, liegt an der Entstehungsgeschichte. Ein Teil des Albums wurde auf Gotland geschrieben, der schwedischen Insel vor dem Baltikum. Von hier aus konnte er Putin buchstäblich bei der Kriegsvorbereitung zusehen, erzählt Grönemeyer in Berlin – und erinnert sich daran, wie er nach dem Anschlag auf das World Trade Center seinen Song „Zum Meer“ umarrangiert hat. „Das ist bei der Platte jetzt das Gleiche“, sagt er. „Als der Krieg ausbrach, war man in einem völlig anderen Mindset.“ Gegen das Grauen setzt er seinen Glauben an den Menschen. Das ist schön, aber ein bisschen klingt er damit auch wie ein Vater, der uns ermutigt – eben, weil das seine Aufgabe ist. Danke Papa, lieb von dir, möchte man sagen.
Grönemeyer hat allerdings nicht nur auf Gotland gearbeitet, sondern auch in Italien. Und hier schließt sich der Kreis zur guten Kost. Bekocht wurden er und sein Producer Alex Silva hier nämlich von einer Frau aus der Nachbarschaft: Lorena Autuori. Die Schokoladen-Salami, die es in Berlin zum Dessert gibt, hat sie erfunden. Probieren können sie ab sofort alle, denn parallel zum Album hat Grönemeyer auch ein Kochbuch mit ihren Rezepten herausgegeben. („Fatto a mano. Lorena Autuoris italienische Küche, AT Verlag.)
Was gab es beim Grönemeyer-Release zu essen? Das Menü im Video:
Grönemeyer beteuert: Das ist keine Geldschneiderei, sondern nur eine sentimentale Idee. Man darf ihm bedingungslos glauben. Denn wie sehr gutes Essen seine Kreativität befeuert, ist nach dem Podiumsgespräch jedem klar. Jede einzelne seiner Metaphern stammt mitten aus der Küche. Dass er nach fünf Jahren ein neues Album eingespielt hat, begründet er mit dem „Hunger, der wieder da war“. Nonsens-Verse, mit denen er improvisiert, wenn seine Melodien noch keinen Lyrics haben, nennt er „Bananen-Texte“. Und wo Grönemeyer musikalisch dick aufträgt, spricht er von der „Substanz aus Sardellen, Knoblauch, Chili und Öl“, auf die man dann auch noch Bohnen draufhauen kann. Was für ein Fazit findet man zu so einem derart hochkalorischen Album? Vielleicht dieses: Wo es dem ein oder anderen Song vielleicht an Saft fehlt, sind Lorena Autuoris Rezepte jedenfalls ein guter Ersatz.