Osnabrück  Netzwerk um 1900: Bremer Bürger und ihr Kampf für die moderne Kunst

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 24.03.2023 05:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Kuratorin der Kunsthalle Bremen, Dorothee Hansen, führt 2016 durch die neue Sonderausstellung „Max Liebermann – Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport“. Foto: dpa
Die Kuratorin der Kunsthalle Bremen, Dorothee Hansen, führt 2016 durch die neue Sonderausstellung „Max Liebermann – Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport“. Foto: dpa
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Ein Hauch von Buddenbrooks: Bremer Bürger kämpften einst für moderne Kunst. Wer dazugehören wollte, sammelte Bilder. Die Kunsthalle Bremen arbeitet die Geschichte eines Netzwerkes auf.

Sie schaut milde und bestimmt zugleich. Adele Wolde hat Stil. Und sie weiß, dass sie zu den ersten Familien der Hansestadt gehört. Der Berliner Malerstar Max Liebermann porträtiert die Frau des Bremer Bankiers Johann Georg Wolde 1910. Ihr repräsentatives Bildnis umweht ein Hauch aus der Welt der Buddenbrooks.

Der kleine Unterschied: Während Thomas Mann in seinem Epochenroman von 1901 eine Lübecker Familie im Niedergang schildert, machen ihre Bremer Pendants einträgliche Geschäfte. Und sie widmen sich den schönen Künsten. Kunst sammeln, einem großen Maler wie Liebermann Modell sitzen, als Mitglied des Kunstvereins die Kunsthalle unterstützen – all das gehört zum guten Ton für jene, die dazugehören wollen.

„Solche Porträtaufträge an Liebermann waren von Gustav Pauli lanciert, dem damaligen Direktor der Bremer Kunsthalle. Im Gegenzug kauften reiche Bremer Kaufleute wie die Woldes und andere Kunstwerke und stifteten sie der Kunsthalle“, sagt Dorothee Hansen. Die stellvertretende Direktorin der Kunsthalle Bremen bereitet die Ausstellung „Geburtstagsgäste. Monet bis van Gogh“, die ab dem 7. Oktober 2023 zu sehen sein wird, vor – als Kernstück eines Jahres, in dem der Kunstverein in Bremen seinen 200. Geburtstag feiert.

Dorothee Hansen hat auf ihrem Schreibtisch Ausstellungskataloge ausgebreitet, auf eine Pinnwand winzige Kopien jener Gemälde geheftet, die in der Ausstellung zu sehen sein sollen. Dabei interessiert sich Hansen nicht allein für die Kunst, sondern insbesondere auch für das, was heute Netzwerk genannt wird, jenes verzweigte Beziehungsgeflecht zwischen Bürgern und Kunstverein, Museumsdirektor und Künstlern. Im Zentrum stehen Gemälde und Skulpturen, um die sich für jene Großbürger alles dreht, die damals wie heute zeigen wollten, dass sie beides besitzen: Geld und Geschmack.

Dorothee Hansen arbeitet sich gerade durch Pressespiegel mit Kunstkritiken der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, konsultiert Kataloge von Kunstausstellungen, sichtet die Mitgliedslisten des Kunstvereins, der in Deutschland auch deshalb einmalig ist, weil er bis heute Träger der Kunsthalle ist. In der Höhenluft der Hochkultur gedeiht, was bis heute spannend zu beobachten ist – ein Biotop, in dem sich die feine Gesellschaft trifft und verständigt.

Dabei geht es beileibe nicht immer nur harmonisch zu. Die Bremer Bürger, die 1823 den Kunstverein gegründet haben, berufen 1899 mit Gustav Pauli den ersten wissenschaftlichen Direktor der 1849 erbauten Kunsthalle. Dorothee Hansen weiß: Die Berufung löst auch Spannungen aus. Denn der neue Direktor ist selbstbewusst, ordnet die Sammlung neu und kauft Bilder französischer Künstler.

1911 dann der Knall. Pauli kauft das Gemälde „Mohnfeld“ von Vincent van Gogh, damals eine unerhörte Neuheit. Der Bremer Kunstkritiker Arthur Fitger und der Künstler Carl Vinnen opponieren. Kunst aus dem Land des Erbfeindes, wie Frankreich damals hieß – ein Skandal, zumal deutsche Künstler bei Ankäufen der Kunsthalle angeblich benachteiligt werden. Durch die Zeitungen tobt der Meinungsstreit mit chauvinistischen Untertönen. Die Debatte zieht derart weite Kreise, dass sich sogar die Künstler Wassily Kandinsky und Franz Marc, heute Stars der klassischen Moderne, publizistisch mit in die Debatte einschalten.

Damals ein Streitfall, heute beim Publikum überaus beliebt – Dorothee Hansen präsentiert ab dem Oktober genau jene Werke der jetzt klassisch genannten Moderne, die kurz nach 1900 umstritten waren. Museumsdirektoren, die Bilder von Claude Monet, Auguste Renoir oder eben Vincent van Gogh ankaufen, gehen ein hohes Risiko.

Berühmtestes Opfer des eigenen Mutes ist der Berliner Museumschef Hugo von Tschudi. Für Ankäufe französischer Kunst steckt er heftige Kritik ein. Sogar Kaiser Wilhelm II schaltet sich in den Streit von 1908 ein, der als „Tschudi-Affäre“ in die Kunstgeschichte eingeht. Der Museumschef muss seinen Hut nehmen, wechselt nach München.

„Gustav Pauli hatte einen ganz klaren Plan. Er kauft Franzosen von Courbet bis van Gogh“, erläutert Dorothee Hansen. Während manche seiner Kollegen in heftige Kontroversen geraten, hält Pauli in Bremen durch. Was er kauft, macht heute das Renommee der Kunsthalle aus. „Der Kunststreit in Bremen war unglaublich anstrengend. Aber Pauli konnte auch zurückschlagen“, erinnert Hansen an eine Zeit, in der über moderne Kunst noch erbittert gestritten wurde.

Warum waren konservative Bremer Kaufleute ausgerechnet bei solchen Streitereien mittendrin? „Sie waren passionierte Kunstsammler, Leute, die damit zeigen wollten, dass sie im Kunstverein etwas galten und auch in der Stadt etwas zu sagen hatten“, macht Dorothee Hansen klar. In den Reihen des Kunstvereins fanden sich große Gönner wie der Senator Hieronymus Klugkist und der Reeder Hermann Henrich Meier, die Bremer Stadtgeschichte schrieben.

Die Debatten von einst erinnern heute daran, wie sich rund um die Kunsthalle und ihre Bilderschätze einst das Bremer Großbürgertum formierte. Wer etwas darstellen wollte, war Mitglied im Kunstverein, der heute mit mehr als 10.000 Mitgliedern der zweitgrößte der Stadt ist – nach dem Sportverein Werder Bremen.

Die große Ära der Stifter von einst findet mit dem Ersten Weltkrieg ein vorläufiges Ende. „Das ist das Ende vieler großer Vermögen“, sagt Kuratorin Dorothee Hansen. Gustav Pauli wechselt an die Hamburger Kunsthalle. Bürgerliche Sammler bleiben ihrer Passion treu, gerade auch die Frauen.

Adele Wolde, die einst dem Maler Max Liebermann Modell sitzt, kauft nach dem Tod ihres Mannes weiter Kunst: von Claude Monet und Paul Cézanne zum Beispiel. Adele Wolde stirbt 1932. Ihrer Kunstphilosophie bleibt sie treu. Wer zu ihren Zeiten in höheren Bremer Kreisen etwas gelten will, kauft moderne Kunst. Das ist übrigens heute noch so. Nur die Namen der Künstler haben sich geändert.

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