Kolumne „Intern“ Der Journalismus verändert sich rasend schnell, aber Angst hilft in der Digitalisierung nicht weiter
Journalistische Arbeit hat heute sehr viel mit Technik zu tun. Es geht nicht nur um relevante Inhalte, sie müssen auch zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht werden. Frau F. findet das nicht so gut.
Am Mittwoch hatte ich eine Besucherin in der Redaktion, eine hoch geschätzte Frau, seit Jahrzehnten Pressesprecherin einer ostfriesischen Traditionsfirma. Wir tranken Kaffee, ich hatte eine Präsentation vorbereitet, darüber, wie sich der Journalistenberuf verändert hat. Meine Besucherin kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es irritierte sie, wie komplex die Tätigkeit des Lokaljournalisten geworden ist. Nicht mehr wie früher: Zu einem Termin gehen, mitschreiben und anschließend daraus einen Bericht machen, der anderntags in der Zeitung steht.
Zur Person
Joachim Braun (57) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“ gewählt.
Nein, Frau F. wirkte ganz verstört, als ich etwas erzählte von veränderter Mediennutzung, Lesezeit statt Klickzahlen, Bedürfniskategorien und leserorientierter Berichterstattung, konstruktivem Journalismus und dem Onlinenutzungs-Gipfel jeden Tag um 20.07 Uhr: Wenn die wichtigsten Tagesschau-Nachrichten durch sind, nehmen ganz viele Menschen im ganzen Land ihr Smartphone in die Hand, gehen auf die Webseite ihrer Lokalzeitung und schauen nach, was es in ihrer Region Neues gibt.
Die neue digitale Welt ist kompliziert geworden, nicht nur für uns Journalisten, sondern auch für Pressesprecher von Kommunen, Behörden und Unternehmen. War es früher selbstverständlich, dass wir fast jede Pressemitteilung veröffentlicht haben, so filtern wir heute genau aus: Für wen ist die Nachricht wichtig? Ist sie überhaupt wichtig?
Fast zwei Stunden diskutierten wir, und so manches Mal äußerte Frau F. Missfallen. Dass künstliche Intelligenz, also Programme, wie das seit Wochen diskutierte Chat GPT, auch Einfluss auf Journalismus haben, fand sie gar nicht gut. Dass uns Technologie viele Möglichkeiten gibt, um bei unseren Themen deutlich stärker die Interessen unserer Leser zu berücksichtigen, als es früher der Fall war, gefiel ihr hingegen sehr wohl.
Der Medienwandel ist in vollem Gange, und er macht vielen Leuten, auch vielen Kollegen in der Redaktion, Angst. Trotzdem gilt: Aufzuhalten ist der Fortschritt nicht, wir müssen lernen ihn zu gestalten.
Warum der Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht zutrifft
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