Zur 50. Jubiläumsstaffel  Die Sesamstraße bekommt eine neue Bewohnerin

Dorothee Hoppe
|
Von Dorothee Hoppe
| 20.03.2023 14:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die beiden Puppenspielerinnen Charlie Kaiser (links) und Iris Schleuss (rechts) stecken hinter der neuen Puppe Elin (Mitte). Foto: Hoppe
Die beiden Puppenspielerinnen Charlie Kaiser (links) und Iris Schleuss (rechts) stecken hinter der neuen Puppe Elin (Mitte). Foto: Hoppe
Artikel teilen:

Der NDR heißt Puppe Elin in der 50. Staffel herzlich willkommen und erklärt die Hintergründe. Elin sitzt nämlich im Rollstuhl.

Hamburg - Das Schild der Sesamstraße hängt an einem Laternenpfahl. Dieser steht mitten im Filmset. Durch die gut 300 Scheinwerfer, die von der Decke hängen, ist es warm. Unter einem Apfelbaum, direkt hinter einer Hecke, sitzt jemand in einem Rollstuhl.

Das ist Elin, die neue Bewohnerin der Sesamstraße. Sie ist sieben Jahre alt, interessiert sich für Technik und mag Zahlen. Den Rollstuhl braucht sie, weil sie nicht so gut laufen kann. „Doch das ist nur ein Merkmal von ganz vielen, die Elin ausmachen“, sagt René Schaar. Er hat selbst eine Behinderung und ist Gleichstellungsbeauftragter im Norddeutschenrundfunk (NDR). Seine Aufgabe ist es, dass bei dem Sender niemand aufgrund seines Geschlechts, seiner Herkunft, sexuellen Orientierung oder einer Behinderung benachteiligt wird.

René Schaar (links) und Frank Beckmann freuen sich über den Zuwachs der Sesamstraße. Foto: Hoppe
René Schaar (links) und Frank Beckmann freuen sich über den Zuwachs der Sesamstraße. Foto: Hoppe

Kinder mit Behinderung sollen sich repräsentiert fühlen

Vor etwa einem Jahr hatte er die Idee, einen Charakter in die Sesamstraße zu bringen, der ebenfalls eine Behinderung hat. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wertvoll es ist, sich selbst repräsentiert zu sehen“, erzählt Schaar. „Es macht etwas mit mir, zum ersten Mal eine Puppe mit Behinderung zu sehen.“ Denn es ist tatsächlich die erste Puppe dieser Art in Deutschland. In der amerikanischen Version der Sesamstraße gibt es bereits eine. Der neue Charakter Elin wurde daher auch gemeinsam mit dem „Sesame Workshop“ aus Amerika entwickelt, mit dem der NDR bereits seit 50 Jahren zusammenarbeitet. Außerdem seien Menschen mit Behinderung an der Entwicklung von Elin beteiligt, um sicherzustellen, dass die Figur realistisch und glaubwürdig ist.

Auch NDR-Programmdirektor Frank Beckmann ist begeistert von dem Zuwachs für die Kinderreihe: „In Deutschland gibt es 200.000 Kinder und Jugendliche, die eine Behinderung haben. Es war also längst überfällig, dass auch ein Teil des Ensembles der Sesamstraße eine Behinderung hat, die zu ihrem Alltag gehört, damit sich die Kinder repräsentiert fühlen.“ Dabei spielen das alltägliche Leben, das in der Sesamstraße gezeigt wird, und die menschenähnlichen Figuren eine große Rolle. „Als NDR sind wir aufgefordert, das Potenzial behinderter Menschen sichtbar zu machen und zur Aufgeschlossenheit ihnen gegenüber beizutragen. Elin hilft uns auf diesem Weg“, findet der Gleichstellungsbeauftragte René Schaar.

So sieht es hinter der Hecke aus: Iris Schleuss unterm Rollstuhl und Charlie Kaiser an den Händen.Foto: Hoppe
So sieht es hinter der Hecke aus: Iris Schleuss unterm Rollstuhl und Charlie Kaiser an den Händen.Foto: Hoppe

Die Sesamstraße ist Teamarbeit

Hinter – beziehungsweise unter und vor – der Puppe im Rollstuhl stecken zwei Puppenspielerinnen: Iris Schleuss sitzt unter dem umgebauten Rollstuhl und ist Stimme und Kopf von Elin. Dazu muss sie ihren Arm mit der Hand, die Kopf und Mund bewegt, immer hochhalten. Das sei ziemlich anstrengend, doch „das Adrenalin durch die Aufregung beim Spielen lässt einen das länger durchhalten“, schildert sie. Charlie Kaiser bewegt mit zwei Stäben die Hände der Figur. „Das ist oft eine Herausforderung, denn die Stäbe bleiben immer wieder an Teilen des Rollstuhls hängen“, erzählt die Handspielerin. Sie ist schon seit 30 Jahren bei der Sesamstraße dabei und spielt zum Beispiel auch immer wieder Ernies rechte Hand, die Hufe vom Pferd und hilft bei allen möglichen Figuren. Die Sesamstraße sei eben „Teamwork“.

Ihren ersten Auftritt hat Elin als Herausforderin des Krümelmonsters in einer Folge der neuen Sesamstraßen-Quiz-Show-Parodie „Prima Klima“. In der Reihe geht es um Umwelt- und Klimaschutzfragen.

Was die 50. Staffel bereithält

Auch einige prominente Gäste schauen für die Jubiläumsstaffel in der Sesamstraße vorbei. So bringt Sänger Olli Schulz zum Beispiel einen Song mit. „In den 50 Jahren Sesamstraße waren Hunderte Promis zu Gast“, sagt Ole Kampovski. Der Leiter der Abteilung Kinder und Jugendliche beim NDR zählt unter anderem Barbara Schöneberger, Jan Delay, Herbert Grönemeyer und Udo Jürgens auf. Für alle sei es immer eine große Ehre gewesen und sie hätten viel Spaß beim Drehen gehabt. „Da gibt es die legendäre Geschichte über Herbert Grönemeyer, der die ersten 20 Minuten nicht drehen konnte, weil er so lachen musste, als er die Figuren gesehen hat“, erzählt Kampovski. Es sei eben immer eine etwas absurde Situation mit den Puppen vor der Kamera zu stehen.

In Atelier 4 der Hamburger Studios des NDR passiert also aktuell sehr viel. Ein Zettel mit dem Schriftzug Sesamstraße hängt an der Tür. Darunter schaut Samson hervor und winkt fröhlich, denn auch er kommt für die 50. Staffel der beliebten Kinderserie zurück ans Set. In den vergangenen Jahren war „der große Bär“ nämlich nicht mehr fester Bestandteil der Sesamstraße. „Er war immer mal wieder als Gast da. Er war also nie wirklich raus, aber nun wollen wir ihn wieder verstärkt einsetzten“, erklärt Kampovski.

Noch bis zum 30. März wird gedreht. Die neuen Folgen der Sesamstraße sind ab Herbst dieses Jahres in der ARD Mediathek, auf dem Kinderkanal (Kika), im NDR Fernsehen und auf sesamstraße.de zu sehen.

Ähnliche Artikel