Osnabrück Falsche Bilder vom Fremden? Karl May und der Wirbel um Winnetou
Weiter Wirbel um Winnetou: An der Uni Potsdam geht die Debatte um Karl May und kulturelle Aneignung in die nächste Runde. Welches Bild vom Fremden ist richtig? Die Antworten überraschen.
Probleme mit Karl May? Ruppe Koselleck weiß Rat. Der Aktionskünstler macht sogar aus dem sperrigen Wort der kulturellen Aneignung eine Lustigkeit. Koselleck nimmt eine schneeweiße Büste Karl Mays und färbt sie rot. Aus dem Bleichgesicht wird die Rothaut. Dann stellt er sie auch noch in schwarze Farbe: Karl May, ein Afrikaner. Aber ist beim Black Facing nicht wirklich Schluss? Koselleck lächelt. So ein Schalk.
Zwei Tage lang zerbrechen sich die Teilnehmer eines Kongresses an der Uni Potsdam über kulturelle Aneignung und ihre Kontroversen den Kopf. Vorträge und Diskussionen, Nonstop. So eine Tagung hat den Charme eines Thesenpapiers. Aber dann sorgt Koselleck in der Universität für Lacher. Und zaubert für Minuten eine Atmosphäre von Kindergeburtstag in den Hörsaal.
Tags zuvor ist niemandem nach Lachen zu Mute. „Wir sind kein naiver Fanclub, sondern ein Kompetenz-Pool“, ereifert sich Florian Schleburg und schiebt gleich nach: „Wir fühlen uns gründlich missverstanden“. Der Präsident der Karl May-Gesellschaft redet, als hätte er Bärentöter und Silberbüchse, die Waffen von Karl Mays Helden Old Shatterhand und Winnetou, gleichzeitig in der Hand. Schleburg begrüßt nicht einfach, er heizt ein.
Was ist los? Der „Casus Ravensburger“ regt nicht nur die Karl May-Fans auf. Im August 2022 nimmt der Ravensburger Verlag Bücher wieder vom Markt, die den Jugendfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ flankieren sollten. Kritiker halten Film und Büchern vor, ein schiefes Bild von indigenen Menschen Nordamerikas zu zeichnen. Kulturelle Aneignung wird zum Problem. Ein Shitstorm im Netz lässt die Verleger einknicken.
Weiße Musiker, die Dreadlocks tragen, Schulkinder im Indianerkostüm: Was die einen für Spaß oder Selbstverwirklichung halten, geißeln andere als übergriffiges Verhalten anderen Kulturen gegenüber. Kulturelle Aneignung: harmlos oder rassistisch? Debatten über die Bilder vom Fremden werden hitzig geführt. „Wir wollen unterschiedliche Meinungen vortragen und aushalten, ohne zu Feinden zu werden“, besänftigt Andreas Brenne im Tagungssaal aufgeheizte Gemüter. Der Potsdamer Professor und Fan Karl Mays hat den Kongress mit dem Titel „Kulturelle Repräsentationen im Werk Karl Mays im Brennpunkt aktueller Diskurse“ ausgerichtet. Mit seinem schulterlangen Haar sieht Brenne aus, als würde ihm auch ein Trapper-Kostüm bestens stehen.
Erst die heiße Mediendebatte um den Ravensburger Verlag, in dem die Bild-Zeitung gegen den „Woke-Wahnsinn“ der Kritiker vorschneller kultureller Aneignung anschrieb, dann der akademische Redemarathon: Der Kongress versteht sich als Antwort auf den Winnetou-Wirbel. Der Saal mit Rednerpult und Stuhlreihen, Mikrofonen und Präsentationswand wirkt wie der richtige Ort, um Dispute abzukühlen. Aber auch der Kongress hat gleich seinen Aufreger. Eine Professorin sagte ihre Teilnahme ab. Das Bildmotiv des Faltblattes sei rassistisch, befand sie.
Unterdessen breiten vor Ort Karl May-Verlag und Fanclubs ihre Bücher und Informationsblätter aus. In Potsdam versammeln sich zwei Communitys, Fans Karl Mays und die Experten der akademischen Diskussion. Frauen tragen rote Shirts mit der Aufschrift „Rettet Old Shatterhand“. Sie unterhalten sich über Karl May-Kostüme und Mittelaltermärkte. Eine bemerkt mokant: „Ich bin eine Native aus dem Erzgebirge“. Wer für Karl May schwärmt, hat zur Frage der kulturellen Aneignung offenbar eine klare Meinung.
Dieser Kongress hat als Intensitätszone rund um Karl May und als Treffen der Professoren und Funktionäre seine eigene Temperatur. Auf diesem Areal überkreuzen sich Meinungen und Interessen. In der imaginären Mitte: Karl May, Autor, Kultfigur, Hassobjekt. Er habe sich selbst als Kind arglos in Indianerkostüme gehüllt, gesteht Jens Balzer. Der Publizist ist mit seinem Thesenbuch „Ethik der Appropriation“ gerade immer dann medial präsent, wenn es um kulturelle Aneignung geht.
Ja, kulturelle Aneignung sei ein Reizbegriff. „Die Reflexion darüber ist aber nicht dekadent, sondern notwendig“, fordert Balzer und spricht an, was Übernahmen aus anderen Kulturen zum Problem machen kann: Verfälschungen und Machtgefälle. „In der Kultur ist nichts stabil, alles ein endloses Spiel der Aneignung“, sagt er. Alles in Ordnung? Ja, wenn der Kontakt mit fremden Kulturen auf Augenhöhe erfolgt, findet Balzer.
Entspricht Karl May rückblickend dieser Forderung? Helmut Schmiedt löst die Ungewissheit nicht auf. „Vieles an der Kritik an Karl May ist völlig berechtigt, vieles an ihrer Zurückweisung aber auch“, bilanziert der Literaturwissenschaftler und langjährige Präsident der Karl-May-Gesellschaft. Das Problem: In Romanen Karl Mays finden sich üble rassistische und antisemitische Klischees. Aber auch Belege für eine Humanität ohne Grenzen. „Ob Christ oder Heide, er ist Mensch und ihm soll geholfen werden“, zitiert Schmiedt aus einem Buch Karl Mays.
Dieser Autor pendle zwischen den Extremen hin und her. Mit „genderfluiden Helden“ wie dem „Westmann Tante Droll“, der etwa im „Schatz im Silbersee“ auftaucht, sei May gar ein Vorbild für moderne Diversität. Schmiedt erntet warmen Applaus. In Potsdam ist die Stimmungslage klar: Hände weg von Karl May, dem Helden des Abenteuerromans.
Trotzdem wird über diesen Autor und den Umgang mit fremden Kulturen weiter gestritten. Ben Hänchen, Journalist von MDR Kultur und selbst Darsteller bei den Karl-May-Spielen im sächsischen Bischofswerda, moderiert ein Podium, auf dem die Meinungen wieder krass aufeinanderprallen. „Old Shatterhand interessiert sich nicht für Frauen“: Autorin Lisa Pychlau kritisiert Karl Mays Welt als diskriminierend, geißelt den „weißen Mainstream“ als Struktur der „Ungleichbehandlung“. Aber können Karl Mays Bücher mit der Wirklichkeit kurzgeschlossen werden? „Karl May ist Literatur. Es geht nicht um die Wirklichkeit von Indigenen, sondern um uns selbst und unsere Fantasien“, fordert Christian Dawidowski, Professor von der Universität Osnabrück, einen anderen Blick auf Karl May.
Nicht alle Bilder vom Fremden sind richtig, die Klischees vom guten Indianer schon gar nicht. „Mein Stamm, das waren Krieger“, sagt Allison Aldrige-Saur von der indigenen Nation der Chickasaw und erntet Lacher für ihren Satz. Kulturelle Aneignung bleibt ein Dilemma. In Potsdam wird das Thema gelehrt analysiert. Letzte Antworten gibt es nicht.
Aktionskünstler Ruppe Koselleck aber weiß Rat. Er verkauft Bücher Karl Mays – nachdem er sie listig mit „postkolonialem Ablass-Stempel“ versehen hat. Wenn sich nur das fatale Erbe von Kolonialismus und Rassismus so leicht aus der eigenen Geschichte tilgen ließe.