Lieferengpässe bei Arznei Apotheken müssen auch Eltern kranker Kinder abweisen
Die Lieferengpässe bei Medikamenten halten an – und die Apothekenverbände warnen bereits jetzt vor dem Sommer. Hintergrund ist ein geplantes Gesetz, das weitere Einschränkungen bedeuten würde.
Ostfriesland - Wer momentan auf Medikamente angewiesen ist, hat es mitunter ziemlich schwer: „Es gibt seit Monaten Probleme mit Lieferengpässen, und niemand kann sagen, wann eine Besserung der Lage eintreten wird“, sagt Berend Groeneveld, Chef der Norder Rats-Apotheke und Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen (LAV). Um an bestimmte Medikamente zu kommen, müssten Patienten diverse Apotheken abfahren. „Es kommt vor, dass Eltern fiebriger Kinder erst in Norden nachfragen, dann in Aurich und dann in Emden, aber am Ende trotzdem nach Leer fahren müssen“, sagt der erfahrene Apotheker. Er selbst habe einmal im Notdienst „Kollegen in ganz Ostfriesland“ abtelefoniert, um an eine Arznei zu kommen.
Groeneveld beschreibt die Situation als „absolut frustrierend“. Er und seine Kollegen müssten aufgrund des Medikamentenmangels priorisieren und abwägen, wer von den wenigen vorrätigen Präparaten etwas bekomme. Besonders problematisch sei aktuell der Bestand an Fiebersäften, Antibiotika und Pantoprazol, einem Magen-Medikament, sagt Cornelis Buurman. Er betreibt in Leer die Ring- sowie die Hirsch-Apotheke und gibt ein Beispiel: „Wir haben noch fünf Packungen Fiebersaft für Kinder auf Lager.“ Eine Mitarbeiterin habe ihn gefragt, wie sie damit umgehen solle. „Wir müssen dann ganz genau nachfragen, wie akut das Medikament gebraucht werde“, sagt der Apotheker. Im schlimmsten Fall müssten auch Eltern kranker Kinder abgewiesen werden.
„Frustration ist unglaublich groß“
„Unser oberstes Gebot ist die Versorgung der Bevölkerung“, sagt Groeneveld. Wenn Menschen ohne Medikamente aus der Apotheke geschickt werden müssten, gebe ihm das ein ganz schlechtes Gefühl. Das sagt auch Buurman: „Die Frustration ist unglaublich groß, da bin ich ganz ehrlich.“ Aber was sind die Gründe für die Engpässe? „Wir haben in Europa noch einen einzigen Antibiotika-Hersteller, in Österreich“, sagt Groeneveld. Dieser könne nicht den ganzen Kontinent beliefern, also kämen viele Medikamente aus Asien. Und da, sagt Buurman, mangele es vor allem am Verpackungsmaterial. „Kürzlich sagte mir mein Großhändler: Der Hersteller habe jetzt wieder Flaschen für die Medikamente, aber nun fehle das Papier für die Beipackzettel.“
Die Probleme sind nicht neu: Schon in der Corona-Pandemie war die Versorgungslage oftmals sehr schlecht. Der Bund hat den Apothekern deshalb Sonderrechte eingeräumt: Beispielsweise dürfen sie Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern ignorieren, falls nur noch ein Präparat eines anderen Produzenten auf Lager ist. „Die Apotheken suchen wirkstoffgleiche Medikamente anderer Hersteller, wählen andere Packungsgrößen oder Wirkstärken aus, prüfen ähnliche Wirkstoffe auf therapeutische Vergleichbarkeit und stellen im Notfall sogar Medikamente selbst her“, sagte jüngst Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).
„Bürokratischer und patientenfeindlicher Rückschritt“
„Dass wir Packungen öffnen und auf Patienten aufteilen, ist längst Standard“, sagt Buurman. Das Problem: Die Regelungen drohen auszulaufen. Zwar wurden sie in letzter Sekunde bis Ende Juli verlängert. Doch zum 1. August soll ein neues Gesetz greifen, das keine solchen Problemlösungen mehr vorsieht. „Dann sind wir den Rabattverträgen ausgeliefert und werden zum Erfüllungsgehilfen der Krankenkassen degradiert“, sagt Buurman. Dabei sei doch gerade die Beratung die Kernkompetenz der studierten Apotheker, sagt Groeneveld.
Die ABDA wird deutlich: „Deutschlands Apothekerinnen und Apotheker warnen vor einem Versorgungschaos für Millionen Patientinnen und Patienten ab dem Sommer, falls die Bundesregierung nicht entsprechende Lösungen findet.“ Komme das Gesetz wie geplant, sei das ein „bürokratischer und patientenfeindlicher Rückschlag“.