Ein Aussteiger berichtet  So ist es bei den Zeugen Jehovas im Kreis Leer

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 17.03.2023 12:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Aussteiger der Zeugen Jehovas verlieren viel sozialen Halt. Foto: Britta Pedersen/dpa
Aussteiger der Zeugen Jehovas verlieren viel sozialen Halt. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Über die Zeugen Jehovas wird derzeit viel gesprochen. Ein Aussteiger aus dem Kreis Leer gibt einen Einblick in die Glaubensgemeinschaft.

Leer - „Sie müssen sich das vorstellen, wie in Spanien aufzuwachen. Ohne Handy, ohne Freunde. So ist es, wenn man die Zeugen Jehovas verlässt. Man ist alleine, da ist sonst niemand“, sagt ein Aussteiger. Vor über 20 Jahren fasste der Mann aus dem Kreis Leer den Entschluss, die Zeugen Jehovas endgültig zu verlassen.

Was und warum

Darum geht es: Die Zeugen Jehovas sind durch die Amoktat von Hamburg wieder in die Schlagzeilen geraten. Ein Aussteiger berichtet vom Leben als Zeuge.

Vor allem interessant für: Alle, die sich für die Zeugen Jehovas interessieren

Deshalb berichten wir: Nach der Amoktat von Hamburg wollten wir wissen, wie die Zeugen Jehovas in der Region aufgebaut sind.

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Da nahezu seine gesamte Familie noch Mitglied der Religionsgemeinschaft ist, möchte er seinen Namen nicht nennen. „Meine Eltern sind herzensgute Menschen. Ich möchte sie nicht noch weiter verletzen“, sagt er. Zu ihnen und Teilen seiner Familie habe er weiterhin Kontakt, zwar lose aber doch in gewisser Regelmäßigkeit und das möchte er nicht aufs Spiel setzen.

Die Vergangenheit

„Meine Eltern sind Zeugen Jehovas. Wenn man aussteigt, ist es so, dass die Gemeinschaft einen nicht mehr grüßt. Die engste Familie darf aber frei entscheiden“, sagt er. Durch die Amoktat von Hamburg geriet die Religionsgemeinschaft in die Schlagzeilen. Hier hatte ein ehemaliges Mitglied acht Mitglieder der Gemeinschaft getötet. Viele Hintergründe der Zeugen Jehovas bleiben im Dunkeln. Die Mitglieder sprechen wenig darüber. Aussteiger haben oft ein dezidiertes Bild. So ist es auch bei dem Mann aus dem Kreis Leer: „Ich nenne sie nur noch ,den Verein´“, sagt er. Doch er sagt: Der Hamburger könnte schon deshalb ausgeschlossen worden sein, da er eine Waffe besaß. Das ist im Glauben der Zeugen Jehovas unzulässig.

In Leer haben die Zeugen Jehovas ihren Königreichssaal am Logaer Weg. Foto: Kierstein
In Leer haben die Zeugen Jehovas ihren Königreichssaal am Logaer Weg. Foto: Kierstein

Der Aussteiger hat acht Geschwister und sei der Erste gewesen, der die Zeugen Jehovas verlassen habe. Noch heute gibt es teilweise Streit mit den Geschwistern. „Wenn ich meine Eltern besuche, heißt es von meiner Schwester oft, ich sei unerwünscht“, berichtet er. Diskussionen mit seinen Eltern über die Religionsgemeinschaft führe er kaum noch. „Es gibt Sollbruchstellen. So ist es bei dem Verein beispielsweise so, dass das, was in der Bibel steht, von Gott als Wissen der Menschen gewollt ist. Aber, was ist das mit den Apokryphen? Da hat ein weltlicher Kaiser entschieden, dass diese nicht mehr zur Bibel gehören“, sagt er. Zum Hintergrund: Es gibt Texte, die zwar im biblischen Kontext stehen, aber eben nicht Teil der Bibel sind. Diese Texte sind bekannt als Apokryphen.

Mobbing in der Kindheit

Er selbst wurde in die Gemeinschaft hineingeboren. Gerade die Kindheit war für den Mann prägend. „Die Schulzeit war brutal und fürchterlich“, erinnert er sich. Man habe auch als Kind gelernt, anderen den Glauben näherzubringen. „Ich bin damit bestimmt einigen auf den Keks gegangen“, sagt er heute. Den Kindern sei das erst noch egal gewesen. Oft käme die Ablehnung von den Eltern und diese hätten diese Ablehnung auf die Kinder übertragen. „Einige hat das erst nicht interessiert, aber, da es von den Eltern kam, entstand skrupellosestes Mobbing“, sagt er.

Viele würden auch seinen Vornamen nicht kennen. Auch in den 70er und 80er Jahren galt bei den Zeugen Jehovas: kurze Haare. „Das war die Zeit der Beatles. Da fiel man damit schon sehr auf. So entstanden Spitznamen, wie Glatze“, sagt er. Auch, dass es Zeugen Jehovas verboten ist, den eigenen Geburtstag zu feiern oder anderen zu gratulieren, katapultierte ihn noch weiter ins Abseits. Da er jedoch eine große Familie hatte, hatte er seinen Anschluss und auch viel Struktur.

Kurse

Drei Mal die Woche gab es Zusammenkünfte. Anfangs in Räumen der Osterstegschule, dann in der Gaswerkstraße und später dann am Logaer Weg, wo die Gemeinschaft ihren Königreichsaal hat. An den restlichen Abenden bereitete man sich auf die Treffen vor. „Außerdem gab es einmal die Woche Rhetorikkurse. So war viel Lebenszeit auf die Gemeinschaft ausgerichtet. „Ich hab beispielsweise schon mit sieben oder acht Jahren Flyer verteilt“, sagt er.

Nach der Schule machte der Mann eine Ausbildung. Da jedoch die Wirtschaft in den 80er Jahren litt, wurde er schnell entlassen. „Ich habe dann auf Baustellen der Zeugen Jehovas ausgeholfen und war in ganz Deutschland. So hatte ich auch in der ganzen Republik Kontakte“, sagt er. Auf den Baustellen waren nur Zeugen Jehovas. „So konnte ich raus aus der Region, ohne, dass es Missfallen ausgelöst hätte“, erinnert er sich. Gleichzeitig habe er auf den Baustellen in der Republik viel gelernt. „Es war die Kombination aus dem religiösen Wir-Gefühl und der Normalität einer Baustelle. Das hat aber auch dazu geführt, dass es für mich zu eng wurde“, sagt er.

Scheidung und Ausstieg

Deshalb kehrte er nach einige Jahren zurück in den Kreis Leer. Er heiratete eine Zeugin Jehovas und bekam ein Kind. Doch, die Zweifel wurden immer größer. „Es entstand immer mehr Knatsch. Aber es gab auch einen endgültigen Auslöser“, sagt er. So gebe es innerhalb der Zeugen Jehovas zwei Gruppen: die Fleißigen und die weniger Fleißigen. Gleichzeitig ist man streng hierarchisch organisiert. „Ich habe mich mit den Ältesten angelegt und mich beschwert. Aber, es passierte nichts. So habe ich irgendwann alles in Frage gestellt“, sagt er.

Er begann sich zurückzuziehen. Über fünf bis sechs Jahre zog er sich langsam raus. Ging zu immer weniger Zusammenkünften. Auch seine Ehe zerbrach. „Und dann war es irgendwann vorbei. Ich wusste, dass wenn ich raus gehe, ich niemanden habe. Also habe ich versucht, mir neue Kontakte aufzubauen. Ich ging ins Fitnessstudio und in die Sauna“, sagt er. Doch wirklich tiefe Freundschaften habe es nicht mehr gegeben. Dann kam eines Tages der Anruf, dass man ihn ausschließen würde. „Emotional war ich vom Verein komplett weg. Aber es war schon brutal, quasi niemanden mehr zu haben.“

Was bleibt

Er baute sich ein neues Leben auf. Heute ist er verheiratet und hat ein weiteres Kind. Zu seinem Kind mit seiner Frau bei den Zeugen Jehovas hatte er über Jahre gar keinen Kontakt. „Mein Kind ist auch kein aktives Mitglied, da er nicht getauft ist. Bei dem Verein ist es so, dass man sich aktiv für die Taufe entscheidet. Erst dann ist man aktives Mitglied“, erklärt er.

Für ihn selber hat der Ausstieg aber auch etwas Positives: „Ich kann jetzt wirklich Papa sein“, sagt er. Dennoch sei nicht alles schlecht: „Viele Überzeugungen habe ich behalten. Beispielsweise den Pazifismus und auch die Ehrlichkeit und ein recht gutes Allgemeinwissen. Ich würde nie eine Waffe anpacken. Auch sehe ich jeden Menschen auf der Welt als Bruder oder Schwester an. Das sind Werte, die der Verein vertritt“, sagt er. Auch, dass er nach wie vor Kontakt mit seinen Eltern habe, sei ihm sehr wichtig. „Ich liebe meine Eltern. Aber zurück zum Verein gehe ich nicht“, sagt er.

Zum Hintergrund

Den meisten Menschen werden die Anhänger erkennbar begegnen, wenn sie etwa an Haustüren klingeln oder in Fußgängerzonen ihre Magazine und Bücher anbieten. An Orten wie dem Arbeitsplatz sind sie weniger auffällig. Das hat auch etwas mit dem Selbstverständnis ihres Glaubens zu tun. Denn die Gemeinschaft will nach Expertenansicht kein Teil dieser Welt sein. „Das gesamte Leben eines Mitglieds bezieht sich auf die Zeugen Jehovas“, erklärt der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Matthias Pöhlmann, der Deutschen Presse-Agentur. Enge Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Gemeinde seien eher unwichtig.

Nach der Lehre glauben sie zwar an den christlichen Gott (Jehova), grenzen sich aber massiv von den anderen christlichen Kirchen ab. Feste wie Ostern und Weihnachten begehen sie nicht. Das Kreuz als Symbol ist bei ihnen nicht zu finden. Den anderen Kirchen wirft die Gemeinschaft vor, sich von der wahren Lehre der Bibel abzuwenden. Die Organisation verstehe sich als theokratisch, sieht sich also vom Wort Gottes geleitet. Die Anhänger unterwerfen sich den strengen Vorschriften ihrer eigenen Bibelübersetzung. Sie glauben an einen bald bevorstehenden Weltuntergang und sind davon überzeugt, dass sie nach einer Entscheidungsschlacht zwischen Jehova und dem Bösen („Armageddon“) als auserwählte Gemeinde für das Reich Gottes gerettet werden.

Weltlichen Bräuchen versagen sich die Gläubigen weitestgehend: Geburtstage werden nicht gefeiert, dem Staat stehen sie distanziert gegenüber. An Wahlen nehmen sie nicht teil. Übermäßiger Alkohol- und Tabakgenuss werden ebenso abgelehnt wie Bluttransfusionen. Heute gibt es weltweit mehr als acht Millionen Anhänger, die deutsche Gemeinschaft hat etwa 170.000 Mitglieder. Gläubige kommen in sogenannten Königreichssälen zusammen – meist schlichten, schmucklosen Räumen. Dort beten sie Jehova an und lernen über dessen Königreich.

Mit Material der DPA

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