Hamburg  Sprecher der Zeugen Jehovas kritisiert ökumenischen Gottesdienst in Hamburg

Guido Behsen
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Von Guido Behsen
| 14.03.2023 16:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Michael Tsifidaris von den Zeugen Jehovas bei der Landespressekonferenz. Foto: dpa
Michael Tsifidaris von den Zeugen Jehovas bei der Landespressekonferenz. Foto: dpa
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Am kommenden Sonntag soll der Opfer der Amoktat von Hamburg bei einem ökumenischen Gottesdienst gedacht werden. Für den Sprecher der Zeugen Jehovas in Norddeutschland ist die Einladung dazu jedoch ein Affront.

Es sollte eine Geste des Mitgefühls und ein Ausdruck der Anteilnahme sein. Nachdem es bei der Landespressekonferenz im Hamburger Rathaus zur Amoktat am vergangenen Donnerstag zunächst lange um die Frage gegangen war, welche Hinweise es womöglich im Vorfeld der tödlichen Schüsse gab und ob wirklich alles getan wurde, um diesen nachzugehen, überraschte Senatssprecher Marcel Schweitzer gegen Ende mit der Ankündigung eines Gottesdienstes zum Gedenken an die Opfer.

Die ökumenische Trauerfeier werde von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der Nordkirche und dem Erzbistum Hamburg veranstaltet und derzeit vorbereitet. Auf die Nachfrage, welche Rolle denn die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, die sieben Tote zu beklagen habe, darunter ein neugeborenes Kind, antwortete Schweitzer: „Auch die Zeugen Jehovas sind eingeladen.“

Dem Sprecher der Zeugen Jehovas in Norddeutschland, Michael Tsifidaris, fiel es anschließend sichtlich schwer, seine Empörung zurückzuhalten. Er müsse „erst einmal verdauen, was wir gerade gehört haben“. Damit meinte er nicht nur die neuen Erkenntnisse zum Täter. „Offensichtlich war man menschlich gesehen nur wenige Sekunden davon entfernt aufzudecken, was für eine Gedankenwelt in diesem Täter herrscht und das ist ein bedrückendes Gefühl“, sagte Tsifidaris. Man hätte sich gewünscht, gewarnt worden zu sein.

„Ich bin aber auch erschüttert, in dieser Sekunde von einer Gedenkfeier und einem ökumenischen Gottesdienst für die Opfer auf einer Pressekonferenz zu erfahren“, kritisierte Michael Tsifidaris den Senat. Weder Angehörige der Opfer noch die Zeugen Jehovas seien in die Planungen und Gespräche diesbezüglich einbezogen worden. Die Glaubensgemeinschaft sei aber gerade dabei, „einen Weg zu finden, um auf ihrer Weise und ihren christlichen Prinzipien folgend eine Trauerfeier durchzuführen“.

Selbstverständlich werde man Abschied nehmen und „einen Weg finden müssen, mit diesem Leid umzugehen, auch öffentlich“. Momentan sei man aber eher damit beschäftigt, den Angehörigen zur Seite zu stehen, „als in die detaillierte Planung einer Abschiedsfeier zu gehen“. Es müsse mit jedem engen Angehörigen besprochen werden, in welcher Form er sich dies wünsche.

Er schätze die Bemühungen der Stadt, was die Opfer betrifft, sehr. Zudem gehe die Dimension des Verbrechens weit über die Gemeinde hinaus, daher benötige man eine „kluge, gute und würdige Lösung“. Eine religiöse Veranstaltung „über unsere Köpfe hinweg“, zu der man „eingeladen“ werde, hinterlasse jedoch „einige große Fragezeichen“. Hintergrund: Die Zeugen Jehovas betrachten sich als allein auserwählt und praktizieren keine Ökumene, kirchliche Traditionen und Gebräuche wie das Weihnachtsfest lehnen sie als unbiblisch ab.

„Verlassen Sie sich darauf, dass wir eine würdige Form des Gedenkens finden werden“, schloss Michael Tsifidaris. Er hoffe, dass diese Form von den offiziellen Stellen unterstützt werde. Da nun erwiesen sei, dass es sich bei Philipp F. um einen Einzeltäter handelte und er nicht Mitglied einer Zelle gewesen sei, würde man zudem die eigenen Gotteshäuser auch in Hamburg nun wieder öffnen: „Das ist uns ein Bedürfnis.“ Was aus dem Haus an der Straße Deelböge wird, in dem die tödlichen Schüsse fielen, könne er noch nicht sagen.

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