Hannover Wer argumentiert besser als Niedersachsens Ministerpräsident?
Schüler können nicht nur am Handy hängen, sondern auch richtig gut diskutieren. Am Dienstag hieß es „Jugend debattiert“ im Landtag. Wir waren dabei und beeindruckt von manchem Schlagabtausch.
Sollen in der Sekundarstufe I die Klassengrößen erhöht werden? Sollen Produktion und Verkauf von Lebensmitteln auf Insektenbasis staatlich gefördert werden? Sollen ARD und ZDF auf den Erwerb von Fußball-Übertragungsrechten verzichten?
Fragen, über die am Dienstag im Landtag in Hannover Schüler der Jahrgänge acht bis zehn aus ganz Niedersachsen diskutieren. „Jugend debattiert“ heißt der Wettbewerb, in dem der Nachwuchs bei der Landesqualifikation und beim Landesfinale miteinander um die besten Argumente ringt. Wer kann besser debattieren als Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) oder seine Stellvertreterin, Kultusministerin Julia Willie Hamburg von den Grünen?
Zum direkten Rededuell zwischen den Profis und den debattierfreudigen Jugendlichen kommt es zwar nicht, aber der 14-jährige Martin Berkenheide aus der 9. Klasse des Evangelischen Gymnasiums in Nordhorn (Grafschaft Bentheim) ist dennoch „ganz schön aufgeregt“. Bis zuletzt bereitet er sich auf alle drei Fragestellungen sowohl für die Pro-Haltung als auch die Contra-Position vor, denn die Schüler wissen im Vorfeld nicht, zu welchem Thema sie in Hannover letztlich Position beziehen müssen und ob sie dafür oder dagegen argumentieren müssen. „Man wird zum Anwalt der verschiedenen Meinungen“, bringt Martin es auf den Punkt und weiß: „Es lohnt sich auf jeden Fall, regelmäßig Tagesschau zu gucken.“
Der 14-Jährige muss sich schließlich mit den Klassengrößen auseinandersetzen und dafür argumentieren, dass in einer Klasse künftig bis zu 35 Schüler und nicht wie bisher maximal 30 sitzen dürfen. Das macht der Gymnasiast gut und führt als Hauptargument den Lehrermangel ins Feld. Von einer „unzumutbaren Belastung für die Lehrerinnen und Lehrer“ sprechen hingegen die Gegner der Klassenvergrößerung.
Anja Kramer verfolgt den Schlagabtausch aufmerksam und macht sich Notizen. Sie ist Lehrerin am Gymnasium Wildeshausen und bewertet als Jury-Mitglied die Sachkenntnis, die Gesprächsfähigkeit, die Überzeugungsarbeit und das Ausdrucksvermögen der Debattierenden. Aus ihrer Sicht hat Martin bei der Sachkenntnis überzeugt, wenngleich seine Beiträge etwas „kürzer und knackiger“ hätten sein dürfen und er häufiger Blickkontakt hätte aufnehmen sollen.
Schulkamerad Luce Worzischek ist zufrieden mit Martins Auftritt. „Hast Du gut gemacht“, bestärkt der Elftklässler seinen Schulfreund. Luce ist an diesem Tag spontan als Juror eingesprungen und kennt sich im Landtag bereits aus. Vor zwei Wochen hat er hier den Grafschafter CDU-Landtagsabgeordneten und Ex-Finanzminister Reinhold Hilbers besucht.
An „Jugend debattiert“ gefällt Luce Worzischek besonders, verschiedene Standpunkte einzunehmen. „Das weitet den Blick“, stellt der 17-Jährige fest.
Ein Punkt, den auch Kultusministerin Hamburg bei ihrer Begrüßung der mehr als 100 Jugendlichen im Landtag hervorhebt. „Es gibt eben nicht nur den einen richtigen Weg und nicht nur Schwarz oder Weiß“, sagt die Grünen-Politikerin, während die Schüler aufgeregt darauf warten, mitgeteilt zu bekommen, worüber sie aus welcher Position heraus gleich diskutieren sollen. Die Fragestellungen der Jahrgänge elf bis 13 lauten: Sollen Hybridunterricht und Selbstlernzeiten in der Oberstufe ausgeweitet werden? Sollen Jugendoffiziere der Bundeswehr auch in Schulen für den Dienst bei der Bundeswehr werben? Soll in Deutschland Fracking erlaubt werden?
In den Debatten geht es kontrovers zu und für Landtagsvizepräsident Marcus Bosse (SPD) steht eine Gewinnerin von Anfang an fest: „Unsere Demokratie.“
Am Ende gibt es aber freilich auch noch eine offizielle Siegerehrung. In der Altersgruppe 1 (Jahrgang acht bis zehn) schafft es Finja Scharpmann vom Gymnasium Ritterhude auf den ersten Platz. Auf den Plätzen zwei bis vier gefolgt von Finn Schünemann vom Gymnasium Sulingen, Julius Feldmann von der Liebfrauenschule Oldenburg und Esther Schwigon vom Otto-Hahn-Gymnasium Göttingen.
In der Altersgruppe 2 (Jahrgang elf bis 13) setzt sich Luise Brandenburg vom Vincent-Lübeck-Gymnasium Stade an die Spitze. Ihr folgen auf den Plätzen zwei bis vier Nils Bauder vom Phoenix Gymnasium Wolfsburg, Patrick Blum vom Max-Planck-Gymnasium Delmenhorst und Paula Schwolow vom Immanuel-Kant-Gymnasium im Kreis Celle.
Die Schüler auf den Plätzen eins und zwei aus beiden Altersgruppen vertreten Niedersachsen beim Bundeswettbewerb von „Jugend debattiert“. Das Bundesfinale in Berlin ist für den 10. Juni terminiert.